Gedichte & Schläge

Im Teehaus läuft das Radio. Leise dringt die Melodie eines Gedichtes, das gerade rezitiert wird, zu uns nach draußen. Die Perser haben ein Liebesverhältnis zu ihren Dichtern, und viele kennen die berühmten Verse von Hafis, Chayyam, Saadi und Ferdouzi auswendig. Während alle anderen vom Islam eroberten Völker bald die Sprache und Kultur der Araber annahmen, wurde im Iran über diese Dichter des 11. bis 14. Jahrhunderts – allen voran Ferdouzi – die persische Sprache unter der arabischen Herrschaft lebendig erhalten.
Auch heute noch leben die Perser wie kein anderes Volk mit ihren Gedichten, in denen Ströme von Wein und Blut fließen und ihren Geschichten von „mondgesichtigen“ Haremsschönheiten, die sich edlen Prinzen hingeben vor der Kulisse üppiger Paläste, welche von Gesang, Tanz, Ausschweifungen und Liebesgeflüster widerhallen.
Gedichte und Geschichten aus einem Reich, dessen sinnlich-erotischen Eindrücke – nicht zuletzt durch die Vermittlung Goethes, wie durch den Zyklus „West-östlicher Divan“ – ebenso unser Bild vom Orient geprägt und ihn zum Inbegriff der Opulenz gemacht haben.

Soweit die Poesie. Jetzt die Schläge:

Für Wein kommt man ins Gefängnis, Lust und Liebe stehen unter Generalverdacht. Im Land der erotischen Träume und Phantasien unserer Dichter und unserer Väter wurde soeben die Filmschauspielerin Gohar Cheirandish zu 74 Peitschenschlägen verurteilt, weil sie bei einem Filmfestival die Stirn eines Regisseurs geküsst hatte.

/ Ludwig Blohm, taz 19.7.03

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