Kategorie: Romanes
42. lyrikline – eine große Biblio- und Audiothek der Weltlyrik
Übersetzungen und vom Autor oder der Autorin in Originalsprache gesprochen.
Sie finden auf lyrikline.org 7520 Gedichte von 822 Dichtern aus 57 Sprachen und über 10.250 Übersetzungen in 55 Sprachen!
2012 hinzugekommene Stimmen:
Kyriakos Charalambidis (Griechisch)
am 29. August 2012
Daniel Falb (Deutsch)
Christian Steinbacher (Deutsch)
Judith Zander (Deutsch)
am 13. August 2012
Bert Papenfuß (Deutsch)
am 06. Juli 2012
Rajko Djurić (Romani)
am 28. Juni 2012
Linda Maria Baros (Französisch)
Dorothée Volut (Französisch)
am 23. Mai 2012
Dmitrij Golynko (Russisch)
Jazra Khaleed (Griechisch)
am 26. April 2012
Garouss Abdolmalakian (Farsi)
Baktash Abtin (Farsi)
Behzad Khajat (Farsi)
Mansour Momeni (Farsi)
am 24. April 2012
Édith Azam (Französisch)
Arno Calleja (Französisch)
Albane Gellé (Französisch)
Pascal Poyet (Französisch)
am 23. April 2012
Sam Hamill (Englisch)
am 11. April 2012
Ali Babatschahi (Farsi)
Luis Chaves (Spanisch)
Christian Filips (Deutsch)
Martín Gambarotta (Spanisch)
Fiston Mwanza Mujilla (Französisch)
Arseni Rovinski (Russisch)
Vital Ryzhkou (Belarussisch)
Maya Sarishvili (Georgisch)
am 21. März 2012
Andre Rudolph (Deutsch)
Tom Schulz (Deutsch)
Uljana Wolf (Deutsch)
am 01. März 2012
Carles Duarte (Katalanisch)
Màrius Sampere (Katalanisch)
Enric Sòria (Katalanisch)
am 23. Februar 2012
Ákos Györffy (Ungarisch)
Attila Jász (Ungarisch)
am 10. Februar 2012
Dorta Jagić (Kroatisch)
Miroslav Kirin (Kroatisch)
Miloš Đurđević (Kroatisch)
am 12. Januar 2012
125. Lyrische Großmacht
In neuen Einzelbänden und reichhaltigen Anthologien ist Serbien als lyrische Grossmacht zu entdecken, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ:
Der Hamburger Slawist Robert Hodel gibt in einer umfassenden Anthologie mit dem Titel «Hundert Gramm Seele» einen kompetenten und lesenswerten Überblick über die serbische Lyrik der siebziger und achtziger Jahre. Die Gedichtsammlung wird eröffnet von Branko Čučaks (geb. 1948) provozierendem Text «Schock» (1971), in dem der Titoismus als «SCHEISSPARTEI» beschimpft wird. Viele Autoren prangern soziale Missstände an und verwandeln ihre Gedichte in kleine Prosaminiaturen. Gleichzeitig finden sich aber auch radikale Sprachexperimente wie etwa Stevan Tontićs poetische Deklination «Verb sterben», die von Hodel kongenial übersetzt wird: «Starb ach / sterb ech / verstarb an Verstand / versterb erst vergerbt / verstörb öft zermörbt / steurb staurb / staub / staubst und saust / straube und traure». Als Schweizer greift Hodel auch auf das Berndeutsche zurück, um dialektale Gedichte von Miroslav Cera Mihailović in eine angemessene Sprachform zu bringen.
Eine zweite Anthologie mit dem Titel «Eintrittskarte» schliesst direkt an Hodels Ausgabe an. Der in Köln lebende Publizist Dragoslav Dedović stellt 29 serbische Lyriker vor, die zwischen 1957 und 1980 geboren sind. …
Nur indirekt kann man den Rom Ilija Jovanović (1950–2010) zur serbischen Literatur zählen. Er wuchs in einer Zigeunersiedlung in Serbien auf, emigrierte 1971 nach Österreich und war langjähriger Obmann des Romano Centro in Wien. In einer sorgfältig gestalteten Ausgabe liegt nun eine Auswahl seiner zweisprachigen Gedichte in Romanes und Deutsch vor. Jovanović denkt immer wieder über das Aussenseitertum der Roma nach: «Nie lasst ihr uns / Wurzeln schlagen / einen Stamm bilden / die Äste ausbreiten. / Was bleibt uns übrig / als uns zurückzuziehen / in unsere Schale und / zu zweifeln / dass es eine Welt gibt / und dass wir leben.» Aus seiner Jugend in Serbien erinnert sich Jovanović noch an die «Verachtung», die ihm entgegengebracht wurde und ihm «bis heute in den Knochen steckt».
- Eintrittskarte. Ulaznica. Srbija: Panorama pesništva 21. Veka. Serbien: Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts. Herausgegeben von Dragoslav Dedović. Drava-Verlag, Klagenfurt 2011. 360 S., Fr. 35.40.
- Hundert Gramm Seele. Deset deka duše. Serbische Poesie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben und übertragen von Robert Hodel. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011. 312 S., € 29.95.
- Ilija Jovanović: Mein Nest in deinem Haar. Moro kujbo ande ćire bal. Gedichte. Romanes und deutsch. Mit einem Nachwort von Elfriede Jelinek. Drava-Verlag, Klagenfurt 2011. 132 S., Fr. 25.30.
- Miodrag Pavlović: Misshelligkeiten, alte und neue. Gedichte. Aus dem Serbischen von Peter Urban. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011. 144 S., € 19.95.
- Boško Tomašević: Früchte der Heimsuchung. Gedichte. Aus dem Serbischen von Helmut Weinberger. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011. 172 S., € 22.95.
112. Siebenbürgische Elegien
Der Sammelband besteht aus zwei Teilen, in acht bzw. zehn Kapitel gegliedert, mit Titeln wie „Transsylvanische Todesarten“, „Abschiedsschwere“, „Die Kunst der Wiederkehr“, „Exil“, „Siebenbürgisches Requiem“, „Erinnerung und Mutters Sprache“, „Rote Zeit – Tote Zeit“ etc. Es ist der Versuch, die Vielzahl der Gedichte der 44 Autoren thematisch zu ordnen. Die Texte sind in deutscher, rumänischer, ungarischer Sprache sowie in sächsischer Mundart und in der Mundart der Roma verfasst. Alle Gedichte sind aus der jeweiligen Muttersprache ins Deutsche oder Rumänische übertragen, Schlesaks Gedichte von Cosmin Dragoste und Andrei Zanca. Einige Beispiele seien hier genannt und Schlesaks Eingangsgedicht „Schwach nur“ auszugsweise zitiert: „Schwach nur / ein Echo/ von Nirgendwo// Der Auszug// Geschwärzte Chroniken leuchten/ In Museen// Von Westen her täuschend/ Ein Licht, gekonnte/ Sonnenuntergänge/ Rot/ Freizeit Ferienfreude Und/ Zweihundertfünfzig Sorten Brot// (…) Schön dieses Mutter/ Land// Woher wir kamen/ Vor fast tausend Jahren/ Dort kommen wir wieder an/ Mit Grabsteinen im Gepäck.“
Die teilweise trügerischen Verlockungen des Westens und die Untergangsstimmung der Exilanten werden hier in wenigen Worten bildhaft beschworen. In der sächsischen Fassung lauten die Verse: „Schwach/ Nor an Echo/ (hier fehlt leider die entsprechende Zeile der deutschen Fassung)// Der Auszach// (…) Wohär mar kaamen/ Vur fast tausend Johren/ Do kun mar wedder un/ Mät Grawstienen/ äm Gepäck.“ …
Einige von Schlesaks Texten sind schon in dem Gedichtband „Weiße Gegend – Fühlt die Gewalt in diesem Traum“ 1981 im Rowohlt-Verlag erschienen, werden in der vorliegenden Ausgabe um weitere Strophen ergänzt, z. T. mit verändertem Druckbild, darunter „Deutsch in Transsylvanien“ und „Von Nachgeborenen“, nicht zuletzt die Erinnerung „Für O.P.“: „Ossi isst auf russisch sein Gesicht auf/ Dann schwimmts richtig konturlos zu den harten Kernen./ Er isst Naturgesetze auf.“ Darin wird die Rolle des Essens für den in Russland hungernden Oskar Pastior lange vor Herta Müllers „Atemschaukel“ thematisiert. Auch dieses Gedicht wird nach dem Tod des Freundes mit einer zweiten Strophe zum Epitaph, das sein Weiterleben in den Gedichten apostrophiert: „Er starb plötzlich. Er starb unerwartet./ (…)/ Er starb lautlos kurz vor dem Auftritt/ mit Laut Gedichten./ (…)/ Der Tod holte ihn/ vom Schreibtisch. Gedichte blieben dort liegen./ Sie sind seine Stimme. Solange wir leben/ hören wir seine Gedichte mit seiner Stimme.“
Außer Schlesaks Gedichten kommen nur wenige deutsch schreibende Dichter zu Wort: Carmen Elisabeth Puchianu, Christel Ungar und Joachim Wittstock. Die überwiegende Mehrheit der Gedichte stammt von rumänischen Autoren, ein paar von ungarischen (Martha Iszak, Géza Szöcs, Zsófia Balla), eines („Jahreszeit in Hermannstadt“) von Luminiţa Mihai-Cioaba ist in Romanes geschrieben, von ihr ins Rumänische übersetzt und ins Deutsche gebracht von Beatrice Ungar: „Anotimpo ando Sibio“ („Anotimp in Sibiu“/ „Jahreszeit in Hermannstadt“). Ein kurzer Ausschnitt soll die Poesie des Romanes illustrieren: „Akharal ma o Sibio ande reat/ Pe la droma cinora pherde divanuri“ (= Mă cheamă Sibiul în noapte/ Pe străzile înguste şi pline de soapte = „Ruft mich Hermannstadt in der Nacht/ In die engen Gassen voller Flüstern.“) / Konrad Wellmann, Siebenbürgische Zeitung
Dieter Schlesak: „Transilvania mon amour. Siebenbürgische Elegien/ Elegii ardelene“, Editura hora Verlag, Hermannstadt 2009, 376 Seiten, ISBN 978-973-8226-82-1, Preis: 17 Euro (56 Lei).