Kleines Dossier: Mariella Mehr

Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Mariella Mehr. Literaturbetrieb. Rassismus

„Geltungsbedürftig, moralisch schwachsinnig“

«Verstimmbare, haltlose, geltungsbedürftige und moralisch schwachsinnige Psychopathin mit neurotischen Zügen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist.» So lautete 1964 das ärztliche Urteil über Mariella Mehr. Zu Ursache und Therapie formulierten die Mediziner kurz und knapp: «In Erwägung ihrer hereditären Belastung – die Probandin gehört zur dritten Generation einer degenerierten Vagantenfamilie – kann eine dauernde Einweisung in eine Psychiatrische Klinik nicht ausgeschlossen werden.»

Ehrendoktorwürde verliehen

1998 ernannte die Universität Basel die inzwischen mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftstellerin und Theaterautorin Mariella Mehr («Brandzauber», «Daskind») für ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit sowie für ihre Recherchen über die Jenischen zum Ehrendoktor. Ehrendoktor der Basler Universität ist auch der Basler Verleger Thomas Karger. 1968 publizierte sein Verlag einen «Beitrag zur Frage der Psychopathie» mit dem Titel «Nomadentum und Sesshaftigkeit als psychologische und psychopathologische Verhaltensradikale: Psychisches Erbgut oder Umweltsprägung.» Das Werk ist im Sinne der Rassenhygiene und des Rassismus des Dritten Reiches geschrieben und enthält unter anderem Vorschläge zur Zwangssterilisation und zur lebenslänglichen Versorgung in psychiatrischen Kliniken. …

Der Basler Verleger Thomas Karger, der als Kind jüdischer Eltern einst selber aus Berlin fliehen musste, hat sich nie öffentlich von der Dissertation distanziert. Während an der Universität Basel die Ausstellung «Alltag der Jenischen, Sinti und Roma» geöffnet ist (bis zum 5. Dezember 2003), hat sich der heutige Geschäftsführer Steven Karger schriftlich bei Mariella Mehr entschuldigt: «Inzwischen ist es bekannt und öffentlich geworden, dass Benedikt Fontana Ihre Sippe in diesem Artikel diffamiert und mit seinen Thesen Hand zu deren kulturellen und sozialen Zerstörung geboten hat. Der S. Karger Verlag kann für den redaktionellen Inhalt der Zeitschrift («Psychiatrica Clinica», Anm. d. Red.) keine Verantwortung übernehmen, distanziert sich aber in aller Form vom Geist dieses Artikels. Wir teilen sowohl der betroffenen Sippe als auch dem Jenischen Volk in der Schweiz unser aufrichtiges Bedauern mit.»
Zum Inhalt der Dissertation meinte Steven Karger auf Anfrage der «Südostschweiz»: «Ich erlaube mir da kein Urteil, ich bin kein Fachmann. Es war übrigens keine Dissertation, sondern ein ganz normaler Artikel, der vor über dreissig Jahren veröffentlicht wurde. Das war einfach eine andere Zeit damals.» /Willy Näf, Aktion Kinder des Holocaust. Mehr

Mariella Mehr

Geboren 27.12. 47, in Zürich, Schweiz, als Jenische, eine Angehörige des Roma-Volks

Bürgerin von Almens GR und der Stadt Zürich

Nachrichten aus dem Exil / Nevipe andar o exilo
Übersetzung ins Romanes von Rajko Djurić
Autor: Mariella Mehr
112 Seiten
Preis: 197,- ATS
Klagenfurt/Celovec: Drava Verlag, 1998

Übersetzt wurden die Gedichte ins Romanes von dem in Deutschland lebenden Rom Rajko Durić. So wurde auch der Autorin Mehr ein Stück Eigenes zurückgegeben.

Thomas Huonker: Wahnsinn und Wahrheit. Zur literarischen Leistung Mariella Mehrs. In: Mariella Mehr. Kinder der Landstrasse. Zytglogge Verlag, Bern 1987, pp. 134-153

Aus „Nachrichten aus dem Exil“, Gedichte von Mariella Mehr

Kein Meer lag uns zu Füßen,
im Gegenteil, wir sind ihm
mit knapper Not entgangen, als
uns – kein Unglück, sagt man, kommt allein –
der stählerne Himmel ans Herz fesselte.
Umsonst haben wir an den Schädelstätten
um unsere Mütter geweint,
und tote Kinder mit Mandelblüten bedeckt.
sie zu wärmen im Schlaf, dem langen.
In schwarzen Nächten sät man uns aus
um dann, in den Morgenstunden,
die Erde von uns Nachgeborenen leerzufegen.
Noch im Schlaf such‘ ich Dir Wildkraut und Minze;
Fall ab, Auge, sage ich zu Dir,
und daß Du nie in ihre Gesichter sehen sollst,
wenn ihre Hände zu Stein werden.
Darum das Wildkraut, die Minze.
Sie liegen Dir still auf der Stirn,
wenn die Mäher kommen.
Für alle Roma, Sinti und Jenischen,
für alle Jüdinnen und Juden,
für die Ermordeten von gestern und die von morgen.

Übersetzung ins Romanes: Rajko Djuric

0 dorav naj sas paša mare punre,
amen leske naklam,
sar phenol pe,
– ni jek bibaht kokoro ni resel –
o sastruno devel pe amare ile pelo.

Gote kaj si e šere nange, ivjake

amen amare dajenge rujam

thaj e mule chaven e mandeleske patrenca uchardam,

te tataras len, an sajekutno suno.

An kale raca chuden amen

thaj napal an detharinake sahata

e phuv amendar, nevebijandendar cuci meken.

An suno rodav tuke vošenge cara thaj menta rupuni;

te trebela, jakha, me vakarav tuke,

nikana an lengo cham te na dikhes,

te lenge vasta bara kerdona.

Godoleske e vošenge cara, e menta.

Von pe co cikat pašljon,

kana e aindzara resena.

Sa e Romenge, Sintenge thaj Jenischenge, sa e Judenge,

save si mudarde arati thaj save tajsa avena mudarde.

weitere Gedichtbände:

„in diesen traum schlendert ein roter Findling“, Gedichte, Zytglogge, Gümligen, 1983

„Widerwelten“, Gedichte, 2-sprachig, Drava Verlag, Klagenfurt, 2001

„Im Sternbild des Wolfes“, Gedichte, Drava Verlag, Klagenfurt, 2003

Über Mariella Mehr:

Elementarereignisse und grosse Kunst – die Gedichte der „Widerwelten“ sind beides in einem.

Kurt Marti 2001

Wislawa Szymborska und Mariella Mehr sind die bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart!

Dr. Michaela Lehner vom ORF im Gespräch mit Dr. Helga Mracnikar

Mariella Mehr gehört zweifellos zu den sprachmächtigsten Autorinnen der Schweizer Gegenwartsliteratur. Sie schreibt eine lyrisch verdichtete Prosa; in ihrer Lyrik dagegen neigt sie zu einer verschwenderischen, barocken Bilderpracht …

(Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung)

Die Schriftstellerin Mariella Mehr, 1947 in der vermeintlich neutralen Schweiz geboren, ist zu jung für die Schublade der Opfermehrheiten Jüdin, Roma, Sinti; … kann weder Partisanen- noch Nazitochter sein. Mariella Mehr entstammt weder dem Zugriffszeitraum noch dem Zugriffsgebiet des Faschismus. Und doch ist sie Teil jener Kommune, die sich heute, nach dem Abschluss des Jahrhunderts der Totalitarismen, vergeblich an den Wunsch klammert, endlich als Menschen wie du und ich betrachtet zu werden.

Martin Droschke, PNN 27.4.02

Links: Website der Autorin / Lexikon deutschsprachige Schweiz / Nobelpreis für Mariella Mehr. Schmähschrift / Gespräch mit Rajko Djuric (Die Literatur der Sinti und Roma)

/ 20.12.03

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