Die Verhaftung des Amazigh- (Berber-) Dichters Rabia Cherir, Direktor des Kulturzirkels der Stadt Zaouia, löst in kulturellen Kreisen Beunruhigung aus.
Die vom offiziellen libyschen Fernsehen am 28.4. verbreiteten Bilder, die Ghadafi-Büttel bei der Folterung des rebellischen Dichters zeigen, haben Empörung ausgelöst.
Der Dichter wurde wegen seiner Unterstützung der Revolution verhaftet. Sein Aufenthaltsort ist unbekannt. Wie Freunde des Dichters sagten, bleibe die Kampagne für seine Befreiung auf einen kleinen Kreis ägyptischer Journalisten beschränkt. Sie appellieren an internationale Organisationen zur Verteidigung der Menschenrechte, für seine Befreiung Druck auf das Regime in Tripoli auszuüben. / Kabyle.com
Mehr:
Arabische Intellektuelle kritisieren das „komplizenhafte Schweigen“ Algiers siwel.info
Libyens Berber fordern von der internationalen Gemeinschaft Anerkennung ihrer kulturellen und politischen Selbstbestimmung. Sie wollen in einem demokratischen und laizistischen Staat leben. Sie fordern Anerkennung der Berbersprache neben dem Arabischen und die Trennung von Religion und Staat. siwel.info
Die zu ihrem heutigen 100. Geburtstag erschienene Biografie des Spaniers José Sánchez de Murillo zerstört das Bild der 2002 Gestorbenen. Laut seiner Recherche hatte Luise Rinser in NS-Deutschland nicht nur kein Schreibverbot, sondern sie verfasste ein Drehbuch für einen UFA-Propaganda-Film und kompromittierende Gedichte: „Todtreu verschworene Wächter heiliger Erde/ des großen Führers verschwiegene Gesandte,/ Mit seinem flammenden Zeichen auf unserer Stirn,/ Wir jungen Deutschen, wir wachen, siegen oder sterben./ Denn wir sind treu!“ Unter der Überschrift „Junge Generation“ geht es sechs Strophen lang in diesem Stil. Als das Gedicht Mitte der Achtziger auftauchte, bestritt Rinser vehement, es geschrieben zu haben. / Sabine Rohlf, BZ
José Sánchez de Murillo: Luise Rinser. Ein Leben in Widersprüchen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 464 Seiten, 22,95 Euro.
Zwar ist ihr Einfluss mittlerweile stark gesunken, doch gibt es sie auch heute noch, die kleinen, aber feinen Journale. Ein solches bildet auch die Zeitschrift “Zeichen & Wunder”, deren Mitherausgeber seit kurzem der aus Trier stammende Sebastian Marx ist und die dank der Buchhandlung “Île de Ré” auch in dessen Geburtsstadt vertrieben wird. …
Hubert Brunträger, der das Projekt gründete und über zwei Dekaden hinweg nahezu in Eigenregie führte, beendete sein Engagement im vergangenen Jahr. Die verbliebenen Redaktionsmitglieder Andreas Lehmann und Christoph Leisten hätten die Zeitschrift nicht alleine weiterführen können. Damit klaffte eine große Lücke. Neben Anna Ertel, Marco Fischer und Simone Leidinger konnte jedoch relativ schnell auch Sebastian Marx für die Mitarbeit als Herausgeber und Redakteur in Personalunion gewonnen werden. / 16vor
Die aktuelle Ausgabe 55 von “Zeichen & Wunder” umfasst 64 Seiten und kostet acht Euro. Erhältlich ist sie bei der Buchhandlung “Île de Ré” in Trier und im Internet:http://www.zeichenwunder.de/.
Nora Bossong gehört zu den Sinnsuchern unter den jungen Poeten, ihre Intentionen macht sie gleich zu Beginn ihres zweiten Lyrikbandes deutlich, wenn sie die Gefahr des Fallens „über zuviel Vokal“ mit leichter Hand abwehrt. Lieber fischt sie in den Lebensentwürfen großer Geister: „Im Weitesten Dantegegend, abfallend, / Die Täler gefüllt mit Dorffesten.“ / Dorothea von Törne, Die Welt
Nora Bossong: Sommer vor den Mauern. Hanser, München. 96 S., 14,90 Euro.
Am Anfang steht ein Zahlenspiel: „A worldly country“ ist der 27. Gedichtband des 1927 geborenen John Ashbery – und 27 der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und Übersetzer haben Gedichte aus diesem Buch ins Deutsche übersetzt. Ist es Traum, Zufall oder jenes Wunderbare, das der Altmeister der modernen amerikanischen Dichtung im Alltäglichen entdeckt? Die neben dem Original platzierten verschiedenen deutschen Fassungen erschließen Bedeutungsvielfalt, Schönheit und machen die Schwierigkeit des Übersetzens deutlich. Ob ein „Mottled Tuesday“ wohl ein „melierter Dienstag“ (Uljana Wolf), ein „gefleckter Dienstag (Iain Galbraith) oder ein „durchwachsener Dienstag“ (Marcus Roloff) ist? / Dorothea von Törne, Die Welt
John Ashbery: Ein weltgewandtes Land. Luxbooks, Wiesbaden. 338 S., 24 Euro.
Ihr Repertoire umfasst eine faszinierende Mischung aus selbst geschriebenen Liedern (für die sie unter anderem Lyrik von Gertrude Stein, Augusto de Campos und Jacques Prévert vertonte), Stücke von zeitgenössischen brasilianischen Musikern wie Arnaldo Antunes, Pedro Luís oder Péricles Cavalcanti, Klassikern der Música Popular Brasileira und Bossa Nova sowie einigen Coverversionen. / Die Welt
Am Freitag, den 6. Mai 2011 um 19 Uhr lädt AfricAvenir zur einer Lesung des kenianischen Autors und Literaturwissenschaftlers Wanjohi Wa Makokha. …
Makokhas Gedichtband Nest of Stones: Kenyan Narratives in Verse, herausgegeben von dem African Books Collective, thematisiert unter anderem die 2007/08 in Kenia durch die Präsidentschaftswahlen ausgelösten Unruhen, die Kenia bis heute erschüttern. Die Oppositionspartei hatte nach der Wiedereinsetzung des vorher amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki mit dem Vorwurf der Manipulation die Wahl angezweifelt. Gewalttätige Auseinandersetzungen folgten und forderten zahlreiche Tote.
Durch seine politische Poesie möchte Wa Makokha einer Welt der Menschlichkeit und der gegenseitigen Solidarität näher kommen. Poesie ist so für Makokha nicht „nur“ Kunst, sondern auch ein Beitrag, dem Traum einer besseren Welt ein bisschen näherzukommen. / ND
G&GN-INSTITUT NEUKÖLLE 30.4.2011 / Anläßlich des traditionellen Kulturfestes auf der Kreuzberger Oranienstraße am ersten Mai wurde die autorisierte Abschrift der spontan improvisierten Antiprosa „DAS TAO DER POESIE“ von Tom de Toys (Live-Erfindung gemäß seiner „FreeWordJam“-Methode in Anlehnung an Kleists Theorie der „allmählichen Verfertigung der Gedanken“) als Gast von „Vier im roten Kreis“ in der Berliner Schillingbar im neuen G&GN-Archiv bereitgestellt. Dem vollständigen 12-minütigen Videomitschnitt (mitsamt alkoholisierter Off-Kommentare) des N.A.N.-Mitglieds Felix Watt ist es zu verdanken, daß dieses satirische Stück Off-Weltliteratur, in dem das Bonmot „FÜR ALIENS IST JEDER TAG IM UNIVERSUM ERSTER MAI!“ live on stage erfunden wurde, überhaupt existiert…
TEXTAUSZUG AUS „DAS TAO DER POESIE“:
„der fall des jungen mannes in friedrichshain ist aus zivilisatorischer sicht eine katastrophe größten ausmaßes. dieser mann hat sich mangels richtiger poesie suizidiert und konnte mangels richtiger poesie nicht mehr ins leben zurückgerufen werden. eine debatte unter literaturkritikern, germanisten ersten ranges der gesamten deutschen universitätslandschaft, hat den anfang des satzes vergessen und führt ihn deshalb nicht mehr fort. (…) nun ermittelt die polizei in 3 fällen, die sich vermutlich auf 1 einzigen fall konzentrieren. es ist noch nicht klar, wer die drahtzieher hinter diesen ominösen vorgängen sind. eins steht allerdings schon heute abend fest: die poesie der menschlichen rasse hat total versagt !!!“
ZU LESEN HIER:
www.hELaaF.de
VIDEO-Teil 2:
Der niederländische Journalist Nico Rost, der in den 1920er Jahren mit Benn gut bekannt war, unterhielt sich einmal mit einem Berliner Tabakhändler, bei dem Benn seine Zigaretten der Marke „Juno“ zu erwerben pflegte. Und dieser Mann sprach voll Hochachtung davon, dass „der Herr Doktor einen Arbeitslosen aus dem dritten Stock nicht nur umsonst behandelt, sondern auch die Kohlen für ihn bezahlt hatte. Und wenn Sie wüssten, wie viele Mädchen von der Friedrichstraße nur von ihm untersucht werden wollen, weil er nicht hochmütig ist und fast nichts rechnet. Ein guter Mensch, der Herr Doktor.“ / Hermann Schlösser, Wiener Zeitung
Vor 125 Jahren wurde Gottfried Benn geboren
Acht Mal im Jahr können Poeten ihre Texte im Kunsthof der Uni-Stadt dem Publikum vorstellen, unter anderem die Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Am 15. Mai laden die Organisatoren erneut ein. Safiye Can stellt ihre Lyrik vor. Außerdem wird Jan Volker Röhnert zu Gast sein. Bei dem in Gera geborenen Literaturwissenschaftler und Autor „haben wir Schreiben gelernt“, sagt Moritz Gause. „Eigentlich ist diese Veranstaltung eine Nachwuchslesung. Aber wir wollen einen Mann vorstellen, dem wir eben unsere erste Schritte verdanken.“ / Thüringische Landeszeitung
In seinem vielzitierten Gedicht «Ithaka» beschreibt der Diaspora-Grieche Konstantinos Kavafis das Leben als permanente Migration: «Brichst du auf gen Ithaka / wünsch dir eine lange Fahrt, voller Abenteuer und Erkenntnisse. Die Lästrygonen und Zyklopen fürchte nicht.» Als in den sechziger und siebziger Jahren griechische Arbeitskräfte unter den Argusaugen deutscher Amtsärzte in Athen und Thessaloniki reihenweise ihre «Prüfung» bestehen mussten, ehe sie sich endlich per Sonderzug oder Fährschiff auf die grosse Fahrt ins Jenseits ihrer bekannten Welt begeben durften («Halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier / Und erwirb die schönen Waren: Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz») – da haben auch diese Migranten ihre Lebenswege in einer Art elliptischen Bewusstseins als Odyssee imaginiert, als Irrfahrt zwar, die sich aber mit ihrer heldischen Heimkehr kreislaufartig wieder schliessen sollte: «Immer aber halte Ithaka im Sinn. Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt. Doch beeile nur nicht deine Reise. Besser ist, sie daure viele Jahre.» / Manuel Gogos, NZZ
„Am nächsten Tag stand diese dann mit einem Gedichtband der Brentano-Gesellschaft vor der Tür und schenkte es mir im Gegenzug“. Denn in dem über 1000-seitigen Band befand sich auch ein Gedicht der Bekannten.
Dadurch inspiriert entschloss sich NN kurzerhand, ihr einst in die Schublade gelegtes Gedicht ebenfalls der Brentano-Gesellschaft zu senden. Mit der stillen Hoffnung, dass dieses veröffentlicht würde. Was auch geschah. Im Jahrbuch 2010, das Anfang des Jahres herausgegeben wurde, ist NNs Gedicht nun eines von fast 3000 veröffentlichten Gedichten aus insgesamt 16 000 eingereichten. „Das war schon ein tolles Gefühl“, so NN.
Was dann jedoch weiter geschah, sprengt den Rahmen des Erwarteten. „Vor wenigen Wochen bekam ich ein Schreiben, dass mein Gedicht in die Auswahl der Besten des Jahres 2010 aufgenommen wurde“, so N. Im Sommer soll ein kleines, handliches Büchlein erscheinen mit 180 Gedichten. Für jedes Gedicht eine eigene Seite. Und eine davon wird reserviert sein für das von NN. Sobald das Buch erschienen ist, wird der SÜDKURIER darüber berichten.
Und ob wir das glauben. Mit der Brentano-Gesellschaft in den Dichter-Olymp (darüber berichtet die Zeitung nurzugern). Brentano rotiert im Grab August Goethes. Da muß er sich nicht mit seinen zigtausend Nachfolgern aus den dicken Frankfurter Bibliotheksbänden um einen Platz an der Sonne streiten. Das überläßt er seinem Vater.
Es ist schon erstaunlich, dass nach einem Jahrhundert radikaler Infragestellung des individuellen Ausdrucks die Herzen einem Werk zufliegen, das nichts Neues, dies aber mit einer neuen Nuance individueller Fühlsamkeit auszudrücken scheint. Dass dies vielleicht nicht die ganze Wahrheit ist, haben einige Kritiker bemerkt und in widersprüchliche Formulierungen einfließen lassen: sanft und doch wagemutig, exakt und doch verträumt, traumleicht und realitätsschwer, beruhigend und verstörend.
Ist da mehr als ein poetisch entfalteter individueller Gefühls-, Erlebnis- und Erinnerungshaushalt? Theodor W. Adorno hat 1957 in seiner Rede über Lyrik und Gesellschaft eine Perspektive eröffnet, die zu Unrecht immer mehr in Vergessenheit gerät: wenn das lyrische Gedicht gelungen ist, meint er, hält es „den geschichtlichen Stundenschlag fest“. Ist er hier zu hören? …
Vielleicht haben Leserinnen und Leser eine gewisse Scheu, das emblematische Gewicht der DDR im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands anzuerkennen, wobei diese Scheu im Westen anders begründet sein mag als im Osten. Aber dass in den Äußerungen zu dem Gedichtband so selten oder nur beiläufig das Thema DDR erwähnt wird, wo doch mindestens die Hälfte der Gedichte einen direkten oder indirekten Bezug zu diesem Thema herstellen, hat vielleicht doch mit dieser Konstellation zu tun.
Ein ganzes Kapitel aus acht zehnzeiligen Gedichten in „Alle Lichter“ heißt „briefe aus eggesin“. Der Name dieses Städtchens, Garnison der NVA, gehört zu den verlorenen Namen des öffentlichen Bewusstseins. Die Gedichte geben sich als Briefe eines Soldaten an seine Frau. Da sie „für meinen Vater“ überschrieben sind, darf man sich vorstellen, dass wirkliche Briefe das Material und vielleicht auch den ironischen Stil und Gestus geliefert haben. Es sind Rollengedichte, in keine Trauer, keine Melancholie getränkt, und das läppische Garnisonsleben, selbst bei der NVA, bekommt einen Sinn als Abbild einer im Voraus verlorenen Zeit. / HANS-HERBERT RÄKEL, Süddeutsche Zeitung 26.4.
NADJA KÜCHENMEISTER: Alle Lichter. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 104 S., 16, 90 Euro.
An der Spitze steht aktuell ein Gedichtband:
1. Yu Jian: Akte 0 (China)
Gedichte. Aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Horlemann Verlag
«Die Wahrheit des chinesischen Lebens», sagt Yu Jian, «liegt im Alltag begründet.» Seine Lyrik modelliert diesen Alltag, benutzt sein Sprachmaterial, macht ihn zum Thema, verdichtet und reflektiert ihn. So entstehen ganz und gar un-traditionelle Gedichte, die politisch und poetisch sind und doch in ihrer Konzentration aufs Wesentliche mit grossen chinesischen Lyrik-Traditionen dialogisieren. Daraus erwächst neue grosse Lyrik. (Thomas Wörtche)
Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Karl-Markus Gauss, Kristina Pfoser, Arno Widmann, Thomas Wörtche und Cornelia Zetzsche.
28. April 2011, 20 Uhr
Theater Heimathafen Neukölln (Karl-Marx-Str. 141, 12043 Berlin)
Beyoglu Blues mit Oya Erdogan und Gerrit Wustmann
Außerdem lesen Tanja Dückers, Carl-Christian Elze, Christian Kreis, Brigit Kreipe, Clemens Schittko und Orla Wolf
Musik: Frogbelly und Symphony (Thomas Lebioda und Liz Hanley)
Moderation: Julietta Fix
Eintritt: 8,- Euro (VVK) / 10,- Euro (AK)
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