113. Unvollkommenheit der Sprachen (Mallarmé)

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Die Sprachen, unvollkommen insofern, als sie mehrere sind und die erhabenste fehlt: da Denken ein Niederschreiben – ohne Zubehör noch Flüstern, sondern verschwiegen noch – der unsterblichsten Rede ist, hindert die Verschiedenheit, auf Erden, der Idiome jedermann, die Worte auszusprechen, die andernfalls, durch eine einmalige Prägung, sich stofflich als die Wahrheit selbst entdeckten. Dieses Verbot wütet ausgedrückt in der Natur (man stößt sich daran mit einem Lächeln), daß kein Grund ausreicht, sich als Gott zu betrachten; zur Stunde aber Ästhetischem zugewandt, bedauert mein Empfinden, daß die Rede versagt, wenn sie die Gegenstände durch Anklänge auszudrücken sucht, farbliche oder was die Gebärden angeht, die im Instrument der Stimme, unter den Sprachen und manchmal in einer vorhanden sind. Neben „ombre“ [Schatten], undurchsichtig, dunkelt „ténèbres“ [Finsternis] wenig; welche Enttäuschung vor der Perversität, die „jour“ [Tag] wie „nuit“ [Nacht], widersprüchlich, hier einen dunklen, da einen hellen Klang verleiht. Der Wunsch nach einem glanzvoll strahlenden Ausdruck oder, daß er erlösche, umgekehrten; einfache Alternativen des Lichts betreffend – Nur, müssen wir wissen, gäbe es nicht den Vers: er entschädigt, in philosophischer Hinsicht, den Mangel der Sprachen, höheres Komplement.

Befremdliches Arkanum; und aus nicht minderen Bestrebungen entsprang die Metrik in den Zeiten des Ausbrütens.

Eine mittlere Ausdehnung von Wörtern reihe sich, unter der Umfassung des Blicks, zu endgültigen Strahlen, und dazu das Schweigen.

Aus: Stéphane Mallarmé: Verskrise. In: Sämtliche Dichtungen. Französisch und deutsch. Mit einer Auswahl poetologischer Schriften. München, Wien: Hanser 1992, S. 282. (Übersetzung der Schriften von Rolf Stabel)
Les langues imparfaites en cela que plusieurs, manque suprême : penser étant écrire sans accessoires, ni chuchotement mais tacite encore l’immortelle parole, la diversité, sur terre, des idiomes empêche personne de proférer les mots qui, sinon se trouveraient, par une frappe unique, elle-même matériellement la vérité. Cette prohibition sévit expresse, dans la nature (on s’y bute avec un sourire) que ne vaille de raison pour se considérer Dieu; mais, sur l’heure, tourné à de l’esthétique, mon sens regrette que le discours défaille à exprimer lés objets par des touches y répondant en coloris ou en allure, lesquelles existent dans l’instrument de la voix, parmi les langages et quelquefois chez un. A côté d`ombre, opaque, ténèbres se fonce peu; quelle déception, devant la perversité conférant à jour comme à nuit, contradictoirement, des timbres obscur ici, là clair. Le souhait d’un terme de splendeur brillant, ou qu’il s’éteigne,  inverse; quant à des alternatives lumineuses simples – Seulement, sachons n’existerait pas le vers : lui, philosophiquement rémunère le défaut des langues, complément supérieur.

Arcane étrange; et, d’intentions pas moindres, a jailli la métrique aux temps incubatoires.

Qu’une moyenne étendue de mots, sous la compréhension du regard, se range en traits définitifs avec quoi le silence.

Aus: Stéphane Mallarmé: Crise de vers. In: Œuvres  complètes. Hg. v. Henri Mondor u. G. Jean-Aubry. Paris 1945 (Bibliothèque de la Pléiade), S.363f.

Literaturempfehlung

  • Hans-Jost Frey: Vier Veränderungen über Rhythmus. Basel, Weil am Rhein, Wien: Urs Engeler Editor, 2000.
  • Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Von Baudelaire bis zur Gegenwart. 1. Hamburg: Rowohlt 1956, Die 2. erw. Neuausg. mit verändertem Untertitel „Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts“ wurde jahrzehntelang neu aufgelegt.

Anmerkung

Mein Exemplar der Œuvres  complètes stammt aus dem Nachlaß des Romanisten Hugo Friedrich, erworben 2009 in der Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg / Breisgau. Es trägt den handschriftlichen besitzvermerk: H. Friedrich, Juli 1952, Frbg. Die zitierte Stelle wurde mit Bleistift angestrichen.

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