Viele Gedichte sind zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden. Im Nachwort zu seiner Übersetzung bemängelt Nitzberg «das Fehlen von Metrum und Reim» in den vorangehenden Übertragungen. Vor allem reibt er sich an Peter Urban. Dieser kleinkarierte Hickhack soll den Leser aber nicht stören. Die Übersetzungen von Nitzberg (Gedichte) und Beate Rausch (Prosa) lesen sich jedenfalls sehr gut. Sie gewähren den Blick auf ein Leben und Werk, das imprägniert ist vom Leiden unter einer totalitären Herrschaft. Wie ein Nachtwandler, angstvoll träumend und zugleich hellsichtig, ist Charms durch den Albtraum des Grossen Terrors gegangen. Die Wahrheit der Sowjetunion ist wohl nirgendwo so klar, rücksichtslos und illusionslos beschrieben worden wie im Werk von Charms. / Claus-Ulrich Bielefeld, Tages-Anzeiger
Daniil Charms: Werke in 4 Bänden. Hrsg. von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg. Galiani, Berlin 2011. Pro Band ca. 36 Fr. Marina Durnowo: Mein Leben mit Daniil Charms. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Galiani, Berlin 2011. 156 S., ca. 25 Fr.
… titelt der Focus. Klingt nach Hölderlin: „Und ihre Vaterlandsgesänge lähmen die Knie den Ehrelosen“. Aber ganz so schlimm ist es wohl nicht. (Wenn auch bös genug. Lupenreine Demokratie ist nicht jedermanns Sache.) Es handelt sich um keinen Putinschen Vaterlandsgesang, sondern „nur“ um ein Lobgedicht auf Putin:
Die russische Oppositionspartei Jabloko hat sich über Telefonterror durch ein Gedicht an Regierungschef Wladimir Putin in Dauerschleife beklagt. Die Hotline sei praktisch lahmgelegt worden, teilte Jabloko am Donnerstag in Moskau mit. „Putin ist unser Leben“, „Ohne Putin hat das Leben keine Bedeutung“ oder „Putin liebt Dich“ trug demnach eine Frauenstimme bei jedem Anruf vor. Ein Rückruf auf die angezeigte Telefonnummer sei nicht möglich gewesen. Die liberale Partei beteiligt sich an den kremlkritischen Protesten gegen Fälschungen bei der Parlamentswahl vom 4. Dezember.
Die im Libanon geborene und in Paris lebende Dichterin Vénus Khoury-Ghata erhielt am 6.12. den Prix Goncourt für Lyrik – Adrien Bertrand für ihr Gesamtwerk. Außer rund 20 Romanen veröffentlichte sie auch neun Gedichtbände. Sie erhielt bereits zahlreiche andere Auszeichnungen, darunter den Grand prix de poésie der Académie française (2009) und den Grand prix Guillevic de poésie de Saint-Malo (2010).
Seit 1903 vergibt die Akademie jährlich den Prix Goncourt an einen Romanautor. 1985 wurde ein spezieller Preis für Lyrik zu Ehren des Schriftstellers Adrien Bertrand (Goncourt 1914) hinzugefügt. (Warum nach Bertrand, der natürlich für einen Roman ausgezeichnet wurde, und nicht nach einem der großen Lyriker, ist Außenstehenden nicht leicht einsichtig. Vielleicht, weil die wichtigsten Namen bereits vergeben waren?)
Klickt man bei Wikipedias Prix Goncourt-Eintrag auf den Namen Bertrands, erhält man die Mitteilung, dieser Eintrag existiere nicht. was aber nur für die deutsche Version gilt. Es gibt sehr wohl einen (knappen) französischen und auch einen englischen, die erreicht man aber nur durch einen Trick (z.B. bei Goncourt auf Französisch klicken und dann dort anklicken oder suchen).
Übrigens haben ja auch die vielen Millionen deutschen Mallorcabesucher bisher nicht ausgereicht, um dem „Inseldichter“ einen deutschen Eintrag zu sichern. Der hat einfach zu viele Minuspunkte: Dichter, katalanisch schreibend und auch noch aus Afrika. D’Efak gibt es auf Spanisch und Katalanisch.
Am Montag, den 12. Dezember um 21.12 Uhr:
Schock Edition
Pre-Release der im Januar 2012 erscheinenden 3. Folge
mit Gerd Adloff, Florian Günther, Katrin Heinau, Bertram Reinecke und Silka Teichert feat. Anna Rheinsberg.
Das Schock, des -es, plur. die -e. Eigentlich, so wohl ein Haufe, als auch eine Menge; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, außer daß man noch im gemeinen Leben eine beträchtliche unbestimmte Menge zuweilen ein Schock zu nennen pflegt. Im Schwed. ist Skock und im Isländ. Skockr noch eine Menge mehrerer Dinge, und das Engl. Shock bedeutet einen Haufen Garben. In einigen oberd. Gegenden wird ein Schober und Feimen noch jetzt ein Schoch genannt, und da hat man auch das Zeitwort schochen und schöcheln in solche Schoche oder Haufen setzen. Bey dem Hornegk ist geschockt gehäuft, häufig. Ohne Zweifel gehöret hierher auch die bey den Jägern mancher Gegenden übliche Bedeutung, wo ein dicker Strauch ein Schock genannt wird.
Eintritt frei!
Ein Skandal bahnt sich an: nach Alice Oswald tritt auch John Kinsella von der Shortlist des T.S. Eliot-Preises zurück mit der gleichen Begründung.
Er dankt Alice Oswald, daß sie ihn auf dieses Sponsoring aufmerksam gemacht hat. Zwar bedauere er, daß die preisstiftende Poetry Book Society durch den Rückzug staatlicher Subventionen in diese Lage gekommen sei. Aber die Geschäfte von Aurum paßten nicht zu seiner persönlichen Politik und Ethik. Er als Antikapitalist könne nicht anders entscheiden. Schließlich seien Hedge Fonds „das spitze Ende des Kapitalismus“.
Gegen den Rückzug des Arts Council aus der Finanzierung des T.S.Eliot-Preises hatten über 100 Lyriker protestiert, darunter Carol Ann Duffy und Simon Armitage.
Bericht im Guardian, 7.12. Mehr: New York Observer
Die Lyrikerin Alice Oswald, die bereits 2002 für ihren Band „Dart“ mit dem prestigeträchtigen TS Eliot-Preis ausgezeichnet wurde, zog sich aus Protest gegen das Sponsoring von der 10 Titel umfassenden Shortlist des diesjährigen Preises zurück. Die Investmentgesellschaft Aurum, die Hedge Fonds verwaltet, hat einen dreijährigen Sponsoringdeal mit der Poetry Book Society abgeschlossen. Die Finanzierung steht im Zusammenhang mit der Streichung staatlicher Zuschüsse.
Oswald, die mit ihrem Band „Memorial“ nominiert war, sagte, ihrer Meinung nach solle Poesie solche Institutionen in Frage stellen und nicht stützen.
Der 1953 von T.S. Eliot begründete Preis soll den besten Gedichtband eines Jahres auszeichnen. Die Preissumme beträgt 15.000 Pound. Im vorigen Jahr gewann der Nobelpreisträger Derek Walcott. Die verbliebenen Titel der Liste:
Die Jury, der in diesem Jahr Gillian Clarke, Stephen Knight und Dennis O’Driscoll angehören, wählt den Preisträger. Die Mitteilung erfolgt am 15. Januar.
/ Florence Waters, Telegraph
Der mit 26.000 Euro dotierte Kurt-Wolff-Preis 2012 geht an den Verlag Das Wunderhorn in Heidelberg. Dieser habe seit seiner Gründung 1978 die internationale Orientierung und die lokale Verwurzelung seines Programms erfolgreich ausbalanciert, heißt es in der Pressemitteilung der Kurt-Wolff-Stiftung.
Ebenfalls ausgezeichnet wird die in Hildesheim erscheinende Zeitschrift BELLA triste. Sie erhält den mit 5.000 Euro dotierten Kurt-Wolff-Förderpreis. Die Zeitschrift biete der jungen Gegenwartsliteratur seit gut einem Jahrzehnt eine Plattform, auf der sie in die Welt schaue und über sich selbst reflektiere, so die Mitteilung.
Die Preisverleihung findet am Freitag, dem 16. März 2012, um 13.00 Uhr im Berliner Zimmer auf der Leipziger Buchmesse (15. bis 18. März 2012) statt.
Thórdarson ist unter den verkrachten Geistesaristokraten ein König. Seit sein Gedicht «Nacht» in einer Literaturzeitschrift gedruckt wurde, hält der weltfremde Gymnasiast sich für ein Genie. In der Liebe ist er dagegen noch ein Anfänger, der für seine angebetete Hulda nur platonisch zu schwärmen wagt.
Der Träumer kehrt ernüchtert aus Akureyri zurück: Sehnsucht ist ohnmächtiges Selbstmitleid, das Gerede von reiner Liebe weinerliches Dichtergewäsch. Die Weiber, so lernt er, wollen, wenn sie im Dunkeln zittern, keine Gedichte hören, sondern im Nacken gestreichelt oder noch ganz anders angefasst werden. / Martin Halter, baz
Thórbergur Thórdarson, «Islands Adel», Fischer 2011. ISBN: 978-3-10-078023-2, ca. 35 Franken.
Sandra Trojan sprach mit der Westfalenpost nach dem Münchner Lyrikpreis:
Welche Bedeutung hat nun dieser Lyrikpreis für Sie?
Trojan: Nach dem Erscheinen meines Debüts hatte ich mir viel Zeit genommen um zu überlegen, wie ich meine Arbeit weiterentwickeln möchte. Die Gedichte, mit denen ich mich für den Preis beworben hatte, gehören zu diesen neuen Texten. Und die Tatsache, dass eine fachkundige Jury von ihnen überzeugt war, ist für mich eine Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Außerdem ist so eine Veranstaltung auch sehr spannend und transparent: Bei vielen Stipendien oder Preisen schickt man eine Bewerbung mit Arbeitsproben ab und erhält irgendwann einen Brief, meist eine Absage. In München gab es neben der Jury, die jeden Kandidaten nach seiner Lesung kommentierte, auch ein Publikum, das mitdiskutierte und -fieberte. Die Preisvergabe fand also in einer Öffentlichkeit statt, nicht hinter verschlossenen Türen.
Die letzten beiden roughbooks für 2011 sind:
Wer ab roughbook 017 oder 018 Abonnent wird, bekommt Keller oder Stolterfoht als Jahresgabe umsonst – wie alle andern Abonnenten, die die roughbooks unter Dampf halten.
Natürlich kann auch jedes Buch einzeln bestellt werden.
In diesem Jahr sind ausserdem erschienen:
Diese Bücher gibt es nur hier:
Die Serviceleistung des luxbooks Verlags besteht nicht aus einer Vokabelstütze für die Leserschaft von „Ein weltgewandtes Land“. Sondern vielmehr aus einer Gegen- und Nebeneinanderstellung von Optionen, die diskutabel sind, von poetologischen Ansätzen der Übersetzung, die in einer verwertbaren Form geliefert werden. Wer also aus der Vielzahl an Übertragungen oder besser aus ihrer Schnittmenge die Essenz von Ashberys Gedichten destilliert haben möchte kann nur enttäuscht werden. Letztlich bricht sich in den Spannungsfeldern der deutschen Interpretationen – denn von solchen darf man hier getrost sprechen – die sowieso schon farbenfrohe Welt des US-Amerikaners noch weiter auf. Eine quasi-Anthologie, die als Prisma nicht nur neue Lesarten eines großartigen Gedichtbands ermöglicht, sondern ohne in verstockte Reflexivität zu verfallen viel zum Thema Übersetzung sagt. / Kristoffer Cornils, fixpoetry
Ein weltgewandtes Land. John Ashbery. 340 Seiten. 24,00 Euro. Luxbooks, Wiesbaden 2010
Für die Übersetzung wurden viele der wichtigsten deutschen Lyriker und Übersetzer gewonnen. Dichter wie Gerhard Falkner, Matthias Göritz, Alexander Gumz, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Léonce W. Lupette, Jan Volker Röhnert, Hendrik Rost, Andre Rudolph, Daniela Seel, Ron Winkler, Jan Wagner, Uljana Wolf, die renommierten Ashbery-Übersetzer Erwin Einziger und Joachim Sartorius wie auch weitere angesehene Übersetzer anglo-amerikanischer Lyrik wie Iain Galbraith, Margitt Lehbert und Lars Vollert haben jeder für sich Gedichte ausgewählt und übersetzt.
Meine erste Begegnung mit den Gedichten Anne Sextons löste damals einen inneren Erdrutsch aus, wie das selten, bei der Entdeckung einer Dichtung oder anderer Ausdrucksformen der Kunst geschieht. Sextons Texte hatten eine erschreckende Offenheit, Nacktheit. Ihre sprachliche Bilderflut war wie eine übersüße, starke, oder zu scharfe Kost. Etwas Hochprozentiges. Ich las und spürte: hier ging es ans Eingemachte.
Sexton war, wie Sylvia Plath, Vertreterin der Confessional Poetry; einer Poesieströmung, die im Amerika der 50’er / 60’er Jahre durch ihren intimen Charakter, der eng an die Biographie der DichterInnen gekoppelt war, Aufsehen erregte. Sexton war in erster Linie aus Selbstrettungsgründen Dichterin geworden. Ihre Texte changieren zwischen zerbrechlicher Zartheit und unerbittlicher Sezierung. Bildpralle Verse bohren sich mit psychoanalytisch forschendem Blick in Intimsphären vor der Kulisse des gesellschaftspolitischen Hintergrundes. Dem amerikanisch bürgerlichen Familienbild mit seinen starren Regeln und Beschränkungen, vermochte Sexton nie zu entsprechen. / Kerstin Becker, fixpoetry
Anne Sexton. Verwandlungen. Hrsg. u. Vorw. v. Elisabeth Bronfen. Aus d. Amerikan. v. Silvia Morawetz. S.Fischer, Frankfurt am Main 1995
»ich schreibe keine weihnachtsgedichte, keine liebesgedichte // und ich halte menschen keine vorträge, wie sehr ich sie // mag oder verabscheue // (…) mir hängt das innerste nicht termingetreu aus dem hals heraus. generell nicht und nicht jetzt.«
Simone Kornappel verbietet nicht nur Cocooning oder emotionale Vereinnahmung durch andere. Sie fragt danach, inwieweit ein Weihnachtsgedicht inhaltlich auf die allgemein bekannten Requisiten des Festes rekurrieren muss, eben, indem sie selbst diese Requisiten ausspart. Dass sich dieser Ansatz nicht nur auf Weihnachtsgedichte, sondern auf das Mobiliar von Gedichten generell bezieht, ist klar. Auch der Titel ceci n’est pas un poème verweist darauf.
Eine weitere Ebene bei Kornappel, aber auch bei Daniela Seel, ist die interessante Frage, was »das Innerste« überhaupt sei, wann und ob dieser Begriff zur Floskel wird, längst geworden ist: Menschen sitzen um »die alte funzel hier. abflusslicht, dritter aufguss. kaum, dass // sich noch einer dran stieße. kaum, dass noch einer.« Und überall nur »so ein sitzen«, immer alles »bitteschön unverbindlich.« / Peggy Neidel, titel
Tom Bresemann (Hg.): Im Heiligkeitsgedränge – Neue Weihnachtsgedichte
Berlin: Lettrétage 2011. 32 Seiten. 8,00 Euro
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