32. Poetopie

die offen sichtliche Unwirklichkeit eines Kinofilms bewirkt, dass ich mich selbst als wirklich wahrnehme

Hansjürgen Bulkowski

31. Mitleid mit den Lyrikfernen

Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass Gedichtbände heutzutage nur wenige Leser finden. Man mag das zurückführen auf die Gier des Deutschunterrichts nach normierbaren Interpretationen, auf den Mangel an Werbung, die sich die auf Lyrik spezialisierten Verlage nicht in dem Umfang leisten können, wie es wünschenswert wäre oder meinetwegen auf das Wirken irgendeiner internationalen Verschwörung – leugnen lässt es sich nicht. Die Reaktionen auf diesen Missstand variieren typbedingt: Manche geben sich dem wohligen Gefühl hin, Teil einer kleinen und familiären Gruppe von Lyrikliebhabern zu sein, andere werden angesichts der Stapel pastellfarbener Prosabände in Buchhandlungen, die keinen Platz für Lyrik zu haben glauben, von kalter Wut gepackt oder auch von Mitleid mit all denen, die ihr Leben fristen müssen, ohne sich je an einem Gedicht erfreuen zu können.

Liest man die Gedichte in Jan Skudlareks Debütband „Elektrosmog“, herrscht – so erging es jedenfalls mir – das Mitleid mit den Lyrikfernen vor. Denn diese Gedichte sind eine Einladung, sich auf Lyrik einzulassen; eine Einladung, die man kaum ausschlagen kann und von der ich mir wünsche, dass jeder, der bereit ist, Augen und Ohren zu öffnen (der Mund wird ihm hier und da vor freudigem Erstaunen auch noch offenstehen), sie erhalten möge. / Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Jan Skudlarek: Elektrosmog. Gedichte. Wiesbaden (Luxbooks Labor) 2013. 80 S., 19,80 Euro.                           

30. Zwei Engellieder

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor 3 Tagen begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.

Ausgewählt von Michael Gratz (nominiert von Sven Wenig)

Peter Hille (1854-1904):

2 Engellieder

Knabe

Hält die Augen in die Welt
Wie zwei schwarze Renner.
Zügelt sie kaum,
Aller Helden Held:
Weit dein Traum,
Reich ohne Raum.

Das Mädchen

Gestern noch ein dürftig Ding,
Das so grau und albern ging,
Nichts an ihm zu sehen –
Und muß heut behutsam sein,
Wie wenn im Mai die Blüten schnein,
Daß nicht all verwehen.

Wie wenn ich Blüten an mir habe,
Als sei ich eine Gottesgabe –
Ein reines Wunder bin ich ja,
Wie nie ich eins mit Augen sah.
Und muß mich sehr zusammennehmen
Und schämen.

Warum? Weil ich so blühend bin
Und weil der Wind treibt Blüten hin,
Die nicht am Baum erröten
Und voller Vorsicht sind
Und Unschuld und Erblöden –
Der dumme Wind!

Ein paar Aphorismen:

Was ist der Dichter? Ein immer sprossendes, furchtbares, rastlos bebendes Hirn.

Dichten, wie ich’s verstehe, heißt nicht schöne Worte, heißt schönes Leben machen.

Ein echter Dichter haßt nichts so sehr wie das Poetische.

29. Swift-Speare

Sogar Shakespeare oder Goethe sind wohl nicht mehr lange vor elektronischer Konkurrenz sicher, denn ein Forscher des MIT Media Labs hat eine Algorithmus-Maschine erstellt, die allen poesieaffinen Menschen helfen soll, Gedichte zu schreiben.

schreibt die Computerwelt. Wie die Dichtertitanen in den Text kommen ist nicht ganz klar, denn wenn ich den Text richtig verstehe, soll der Computer poesieaffinen Menschen wohl nicht helfen, Gedichte von Shakespeare und Goethe zu schreiben. Das sind so Aufhänger. Trotzdem spannend:

Er begann ein Sonett zu schreiben, indem er Wörter aus einem Pool wählte, die der Algorithmus vorschlug.

„Um gute Poesie zu schreiben, musste ich aber weiter antizipieren als bis zum nächsten Wort“, erklärt Matias gegenüber dem Fachmagazin TechCrunch. „Welche Voraussagen können getroffen werden, wenn ich dieses statt einem anderen Wort wähle? Dazu entwickelte ich das Touchscreen-Interface, um zukünftige Voraussagen für poetisches Schreiben zu treffen.“ Swift-Speare soll jedoch mehr ein kreatives Schreibwerkzeug sein, als ein künstlicher Poet.

Die Technologie ist nicht ohne Präzedenz. So gibt es bereits Konzepte wie zum Beispiel Pentametron, was jambische Pentameter in Tweets aufspürt. „Algorithmen, die nach Poesie suchen, sind genau das Gegenteil meiner Arbeit“, meint Matias. „Diese suchen unerwartete Poesie in gewöhnlichen Texten. Meine Arbeit mit Swift-Speare sucht jedoch unter bereits existierender Poesie nach der Möglichkeit neuer Dichtung, die noch nicht geschrieben wurde.“

28. Adam Zagajewski

Adam Zagajewski verteidigt „das Recht auf Unendlichkeit“, gegen den nüchternen Zeitgeist, die „Notwendigkeit der Leidenschaft gegen das Diktat der Ironie“. Er fordert „Wildheit“ und den Mut, tiefgehende persönliche Erfahrungen auszusprechen. Produktion: DLF 2014

Hier (Manuskript zum Download)

Zitat

O-Ton  Adam Zagajewski
Für mich war das immer ein Symbol der Heiligkeit, das Lachen. Die Leute, die einen gewissen Grad des Heiligsten erreicht hatten, die lachten viel, die hatten diese lockere Attitüde:

Zitator Adam Z.
Ein Bibelwort, das nie geschrieben wurde: "Komm zu mir, denn ich bin widerspruchsvoll wie du selbst".

O-Ton  Adam Zagajewski
Das ist schwarzer Tee. Ich trinke selten den grünen Tee, weil der schwarze Tee gibt mir die Inspiration. Nicht jeden Tag, aber manchmal doch.

Es passiert manchmal, dass Studenten oder Leute in einer Lesung fragen: "Wie machen Sie das, wie schreiben Sie Gedichte?" Ich sage: "Man braucht zwei Sachen: schwarzen Tee und Musik. Wenn man beides hat, kann man schreiben".

27. Rätselhaft

Nachrichten sind der Treibstoff der Moderne. Wir halten es kaum einen Tag ohne sie aus, und trotzdem ist ihr Wesen uns rätselhafter als antike Lyrik.

Die Welt 8.2.

26. American Life in Poetry: Column 455

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I don’t remember ever having a blind date, but if I had, I suspect it would have gone just as the one goes in this poem by Jay Leeming, who lives in New York state.

Blind Date

Our loneliness sits with us at dinner, an unwanted guest
who never says anything. It’s uncomfortable. Still

we get to know each other, like students allowed
to use a private research library for only one night.

I go through her file of friends, cities and jobs.
“What was that like?” I ask. “What did you do then?”

We are each doctors who have only ourselves
for medicine, and long to prescribe it for what ails

the other. She has a nice smile. Maybe, maybe . . .
I tell myself. But my heart is a cynical hermit

who frowns once, then shuts the door of his room
and starts reading a book. All I can do now is want

to want her. Our polite conversation coasts
like a car running on fumes, and then rolls to a stop;

we split the bill, and that third guest at the table
goes home with each of us, to talk and talk.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Jay Leeming’s most recent book of poems is Miracle Atlas, Big Pencil Press, 2011. Poem copyright © 2011 by Jay Leeming and reprinted by permission of the author and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

25. Hashem Shaabani hingerichtet

Die US-amerikanische Poetry Foundation teilt mit, daß am 27.1. auf Anweisung des iranischen Präsidenten Hassan Rohani der Dichter und Aktivist Hashem Shaabani hingerichtet wurde. Laut Radio Free Europe habe ein Islamisches Revolutionstribunal ihn und 14 weitere Personen im vergangenen Juli zum Tode verurteilt, u.a. weil sie einen „Krieg gegen Gott“ führten. Nach Presseberichten sei die Todesstrafe durch Hängen vollstreckt worden.

Shaabani war während seiner dreijährigen Haft schwer gefoltert worden. Human Rights Voices schreibt:

Seine Freunde kannten ihn als einen Mann des Friedens und der Verständigung, der innerhalb des despotischen Khomeinisystems dafür kämpfte,  individuelle Freiheitsräume auszuweiten. In einem Brief aus dem Gefängnis, den seine Familie zugänglich gemacht hat, schrieb er, er habe nicht schweigen können, wenn Menschen willkürlich und unrechtsmäßig verurteilt und hingerichtet wurden. Er habe versucht, das Recht jeden Volkes auf ein freies Leben mit vollen Bürgerrechten zu verteidigen. „Die einzige Waffe, die ich in meinem Kampf gegen diese furchtbaren Verbrechen je benutzt habe, war die Feder.“

24. Neuer Gedichtband von Franz Hodjak

Die deutsche Literatur aus Rumänien ist ausgewandert nach Deutschland, und eine ganze Weile sind ihre Dichter hier angelegentlich willkommen geheißen worden. Da waren neue Stimmen, sie kündeten von einer merkwürdigen, bisweilen bösen alten Welt, und man genoss, dass diese untergegangen und doch in Texten so aufgehoben war und man einen wohligen Schauer zu beziehen vermochte, weil man sie so vermittelt erhielt und nicht unvermittelt hatte erleben müssen. Dieser auch als „Exotenbonus“ (Peter Motzan) apostrophierte Aufmerksamkeitsvorschuss ist verbraucht, die Securitate-Wirrnisse haben die Szenerie vernebelt, der Widerhall schwillt ab zum Nachhall. Der „Betrieb“ wirft früher oder später einen jeden auf sich selbst zurück, viel Selbstbewusstsein, ja Eigensinn ist nötig, im literarischen Tun noch einen Sinn zu sehen – und viel Gelassenheit gegenüber dem Markttreiben.

Der Eigen-Sinnigsten und Gelassensten einer ist Franz Hodjak. Er war und ist so sehr Dichter, dass er es auch im Überdruss noch vermag, mit seinem sanften kargen Wort die sirrende und dröhnende Wirklichkeit hüben und drüben, die alte und die neue, zu übertönen und dem Leser, den er freundschaftlich zum Komplizen macht, ein paar Verse lang das Empfinden zu schenken, er wäre ihrer enthoben, ja stände über ihr. Hier ist ein Therapeut am Werk, der Hoffnung gibt, die er selbst nicht mehr hat. (…)

Wäre da nicht die streng stilsichere – gleichsam vom „Meißel“ geführte – Hand des Dichters, der sich jeden Überschwang versagt, sich zurücknimmt und die Bilder diszipliniert, indem er sie weiterdenkt oder -spinnt, immer allerdings auf eine eigentümlich gegenständliche und zugleich transzendierende Art: „Es gibt Tage, da rollen dir bloß / Sellerieköpfe über den Weg wie Gesichter // aus einem Märchen mit bösem Ausgang“ („Grammophon“). Das Furchtbare ist wirklich und umgekehrt – und das ist das Märchenhafte dran! Bei Franz Hodjak kann man lesen, wie Unerträgliches erträglich geschrieben wird.

Man muss sich nur einlassen darauf, er macht es einem leicht. Er schreibt eine Lyrik, die nicht allein Selbstaussage ist, sondern einbezieht, den Leser allemal – und dann die anderen, denen die Texte zugeeignet sind. Der Dichter bekennt sich eingangs zu den „auffallend viele(n)“ Widmungsgedichten, tatsächlich beherrschen sie den Band. All diese Menschen, einmal in sein „Leben getreten, sind … nicht mehr wegzudenken“. Ist da ein Widerspruch? Einerseits praktiziert der Poet die Auflösung der Wirklichkeit im Gedicht, andererseits holt er per Widmung Menschen aus derselben in selbiges herein, „erdet“ und konkretisiert also seine Verse mit den mitdichtenden Gedanken an mitmenschliche Existenzen. / Georg Aescht, Siebenbürgische Zeitung

Franz Hodjak: „Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an“. Gedichte. Lithographien von Hubertus Giebe. Verlag SchumacherGebler, Dresden 2013, 100 Seiten, 22,50 Euro, ISBN 978-3941209-28-2

23. Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships

The Poetry Foundation Welcomes Submissions to the 2014 Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships

Submissions Accepted March 1–April 30

CHICAGO – Five Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships in the amount of $25,800 each will be awarded to young poets through a national competition sponsored by the Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine. Submissions will be accepted from March 1 through April 30 of this year.

The original Ruth Lilly Poetry Fellowships were established in 1989 by Indianapolis philanthropist Ruth Lilly to encourage the further study and writing of poetry. Earlier this year, the Poetry Foundation received a generous gift from the Dorothy Sargent Rosenberg Memorial Fund to create the Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships, which increase the fellowship amount from $15,000 to $25,800.

The new fellowships honor two extraordinary women and their commitment to poetry and give five young poets a more auspicious start to their careers. The awards are among the largest offered to young poets in the United States.

“From Harriet Monroe’s founding of Poetry in 1912 to our constant search for fresh new voices today, Poetry has always discovered work that enlivens our sense of what poetry is worth and what it can do,” says Don Share, editor of Poetry magazine. “The Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships are especially inspiring because they identify emerging writers whose promising work shows how poetry helps compose our lives.”

The fellowships are open to all U.S. poets between 21 and 31 years of age. Visit poetryfoundation.org/foundation/prizes_fellowship for information on how to submit.

The winners of the fellowships will be announced in September 2014 and featured in the November 2014 issue of Poetrymagazine.

The Poetry Foundation’s annual awards to poets include the $100,000 Ruth Lilly Poetry Prize, which honors a living U.S. poet whose lifetime accomplishments warrant extraordinary recognition, and the new $7,500 Pegasus Award for Poetry Criticism, first given this year, which honors the best book-length works of criticism published in the prior calendar year, including biographies, essay collections and critical editions that consider the subject of poetry or poets.

***

About Poetry Magazine
Founded in Chicago by Harriet Monroe in 1912, Poetry is the oldest monthly devoted to verse in the English-speaking world. Monroe’s “Open Door” policy, set forth in Volume 1 of the magazine, remains the most succinct statement of Poetry’s mission: to print the best poetry written today, in whatever style, genre or approach. The magazine established its reputation early by publishing the first important poems of T.S. Eliot, Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, H.D., William Carlos Williams, Carl Sandburg and other now-classic authors. In succeeding decades it has presented—often for the first time—works by virtually every major contemporary poet.

About the Poetry Foundation
The Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine, is an independent literary organization committed to a vigorous presence for poetry in our culture. It exists to discover and celebrate the best poetry and to place it before the largest possible audience. The Poetry Foundation seeks to be a leader in shaping a receptive climate for poetry by developing new audiences, creating new avenues for delivery and encouraging new kinds of poetry through innovative literary prizes and programs. For more information, please visit poetryfoundation.org.

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POETRY FOUNDATION | 61 West Superior Street | Chicago, IL 60654 | 312.787.7070

Media contacts:
Elizabeth Burke-Dain, eburkedain@poetryfoundation.org, 312.799.8016
Kristin Gecan, kgecan@poetryfoundation.org, 312.799.8065

22. Stadtnomadin

In der „Staatsgalerie“ des Prenzlauer Bergs stellt Sarah Marrs ihre „Stadtnomadin“ vor – Mit und außer ihr lesen Sylvia Koerbel, Robert Mießner, Bert Papenfuß und Uwe Preuß (…)

1992 reist Sarah Marrs mit „Novemberklub“ nach Bitterfeld zur „Kunst. Was soll das?“-Konferenz. Die Stadt hat geschlossen. Überall wird „Novemberklub“ abgewiesen. Schließlich zwingt Sarah Marrs einen Wirt, ihrer Band Toast Hawaii zu servieren. Das betrifft die knurrenden Mägen von Bernd Jestram, Ronald Lippok, Mario Mentrup, Bert Papenfuß und Brad Hwang. Sarah Marrs findet dann auf einem Plakat manches erklärt. Was darauf grafisch zusammenwächst und aufblüht in der Landschaft, ergänzt Wurst mit Banane.
Es ist heiß in Bitterfeld, A. R. Penck baut in der Hitze ab. Er behauptet, der „Denver Clan“ sei kulturpolitisch weiter als Maxim Gorkis „Mutter“. Penck erinnert daran, dass Stalin seine Erkenntnisse aus dem amerikanischen Kino gewann. Er lobt „die Philosophie des amerikanischen Kleinbürgers“, in der Staatsgalerie wird die Story mit verteilten Rollen gelesen. Uwe Preuß ist der Penck des Abends.

Immer wieder Penck, wie er im Halbschlaf zuckt, und auch dann nicht wach wird, wenn Durs Grünbein der Versammlung vermeintlich linken Zynismus mit Negativer Dialektik erklärt. Schön auch die Einlassung vom ostaffinen Westmann Ulf Erdy Ziegler: „Das gemeinsame Klagen hat uns (linke Wessis und Ossis) immer wieder subversiv zusammengebracht mit vielen Getränken. Das war stets schön.“ / Jamal Tuschick, Faustkultur (http://faustkultur.de/1389-0-TEXTLAND-von-Jamal-Tuschick.html)

Sarah Marrs: „Stadtnomadin. Wilde Tage in Chicago, lange Nächte in Berlin“. Eden Books

21. Zuß und Ames suchen Streit / V. Teil

literaturlabor in der Lettrétage

Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)

Teil V – Die Kommunikation der Literatur: Knall sitzsamen Ultramontanisten einen Fortschritt hin – und erwarte ein Wunder in Zwischen

Zuß, u.e. Leutnant, und Ames, suspendierter Hilfsinspektor, mussten das Büro räumen und wechselten die Stadt, so routiniert wie eine volle Windel. In ihren Augen rollt ein Text, so wie ein frisch aufgeschlagenes Ei in der Pfanne rollt, die nicht erhitzt ist, wie ein Pennälerköpfchen voller Rechtschreibregeln und Beschulungsbedürfnis. In Zwischen hoffen Zuß und Ames ein Treffen mit Morgenstern arrangieren zu können, wenn nur nicht …

avec un accent

connais-tu le land, où le Regenbogen steigt? ça n’est pas à
Sarrelouis, où des Lorrains doing shopping comme des
Allemands de l’Est à Pologne.

on (ichchen) ne trouvait pas certains élégies à Mayence ou à
Coblence ou dans la Metze de Metz: Bouzonville (zu Sapphos
Verdruss)
on les trouvait à Eisenhüttenstadt (Cité du Stalin, jusqu’au
13eme novembre 1961) 2013 verzagt und fast stumm in einem
Pferdepo (cul-de-sac) avec l’air de Mme. de Staël (Merci pour les
Dichter et Denker! c’est trop gentil!)

Voltigez, Mme. Taupe!
Voltigez au travers

(des élégies pour nouvelles verreries« 24.10.2013)

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!

20. Uwe Hübner

Dem Band Jäger Gejagte des Dresdner Dichters Uwe Hübner, meine ich, ist in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahre nichts Vergleichbares entgegenzusetzen – weder an erzählerisch verdichteter Qualität noch an Radikalität der Faltung von Zeiten und Räumen. Die Einzige, die auf diesem Level ihren Sound gefunden hat, scheint mir Ann Cotten zu sein. Sein leider zu wenig beachtetes Debüt hat Uwe Hübner mit Pinscher und Promenade 1993 bei Galrev gegeben. Vor also genau 20 Jahren!

Angefangen zu schreiben hat er vor 40 Jahren. Zwei Bücher in vierzig Jahren! Der 1951 im Erzgebirge geborene, sein bisheriges Lohn-Leben als Heizungsmechaniker in den Kellern der Technischen Universität Dresden abgespult habende und auch als Rentier weiterhin in Dresden lebende Schriftsteller ist wahrlich kein Vielschreiber. Keiner, der aus jedem Scheiß gleich ein Gedicht quetscht. Was noch lange nicht heißt, dass nicht jeder im Weg liegende Haufen eins wert wäre. Denn das wird in Jäger Gejagte offensichtlich, dass es nichts gibt, das es nicht wert ist.

Auf Seite 90 des 112 Seiten starken Bandes steht: „Pleitier zu sein … puh … das ist schon was / schrieb der Finanz- und Sprachexperte, aus dem Nichts / wird dies keiner“, womit wir das drei Verse lange Motto des Weltbürgers, des Kompagnons, des Niemands und Odysseus’ (siehe S. 100) – alles Aliasse des in Welt-Er-Kenntnis gespiegelten Autoren – ausgegraben und aufgedeckt hätten. / Sascha Anderson, Der Freitag 4/14 vom 23.01.2014 (http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/pleitier-zu-sein-puh)

Jäger Gejagte GedichteUwe Hübner Poetenladen 2013, 109 S., 16,80 €

19. Why, what, how?

In der TLS (http://www.the-tls.co.uk/tls/public/article1371516.ece) erklärt der Papyrologe Dirk Obbink,

why is the discovery important, what do the poems tell us about Sappho, and how do we know they are genuine?

Darin u.a. eine Übersetzung des neuen Brüder-Gedichts durch Christopher Pelling.

18. Booklets & Quadriga

Für zeitgenössische Lyriker gibt es Publikations­möglich­keiten in einschlägigen Zeitschriften zuhauf, aber regelrechte Gedichtbände bringen nur noch ganz wenige Verlage heraus–und ihre Zahl nimmt stetig ab. Zwei neue Reihen, die im letzten Jahr gestartet wurden, versuchen sich gegen diesen Trend zu stemmen. Das ungewöhnlichere Unternehmen ist das des pensionierten Kunsterziehers Carl-Walter Kottnik, der im Zeichensaal seines Hamburger Gymnasium von 1999 bis 2013 hundert Autorenlesungen veranstaltet hatte, bis die Schule diese weithin beachtete Initiative nicht mehr unterstützte. Es lasen dort unter anderem die Lyriker Elisabeth Borchers, Heinz Czechowski, Gerhard Falkner, Ulla Hahn, Norbert Hummelt, Wulf Kirsten, Ulrich Koch, Richard Pietraß, Steffen Popp, Hendrik Rost und Ron Winkler.

Nachdem Kottnik eine Fortführung seiner Dichterlesungen versagt worden war, entschloss er sich zur Herausgabe einer Lyrikreihe. Die Booklets, wie er sie nennt, umfassen um die 30 Seiten und bieten meist nur 15 Gedichte, sind aber sehr schön gedruckt und sämtlich von Malern der Gegenwart illustriert. Auf dieses Zusammenspiel von Text und Bild kommt es dem Herausgeber besonders an, nicht hingegen auf Einheitlichkeit, denn jedes der ansehnlichen Bändchen hat ein anderes Format. / Mehr bei Fixpoetry 27.1. (http://www.fixpoetry.com/feuilleton/notizen/2014-01-27/zwei-neue-reihen-mit-gegenwartslyrik)