96. Akzente 60

Auszüge aus einem Artikel von Willi Winkler zum 60. Geburtstag der Zeitschrift „Akzente“:

Gleich im ersten Heft fielen sie auf einen Hoch- und Tiefstapler herein. George Forestiers Lyrikband ging eben in die fünfte Auflage und längst über die unteren Zehntausend, da zögerten die Herausgeber nicht, neue Gedichte des geheimnisvollen Autors zu drucken. Der angebliche Deutschfranzose war seit 1951 als Fremdenlegionär in Indochina verschollen, hatte aber vor seinem mutmaßlichen Tod sein Herz in den Staub der Straße geschrieben oder jedenfalls gespenstisch schlechte Gedichte wie dieses hinterlassen: „Ich geh durch die Jahre/zerschossener Felder,/gesprengte Brücken/weinen im Wind.“

In den Wind geweint? Aber Walter Höllerer und Hans Bender waren ebenfalls im Krieg gewesen, dieses heruntergeschluckte Pathos war ihnen nicht fremd, und die neue „Zeitschrift für Dichtung“ suchte noch ihr Publikum. (…)

Von Verlagsseite war damals mehr an bewährte, konservative Schriftsteller gedacht worden, an richtige, reimbewusste Dichter, doch Höllerer und Bender verstanden es, Abstand zu solchen Forderungen zu halten. (…)

(…)

Günter Eich, der zunächst zusammen mit Höllerer die Zeitschrift herausgeben sollte: „Es wäre halt gut, wenn alles deutsch dastünde und zugleich Paris wäre.“

(…)

Gottfried Benn machte sich rar, brachte aber Gedichte einer Geliebten unter. (…)

Die Größe der Herausgeber zeigte sich in ihrer Großzügigkeit. Gerhard Rühm zeisigte Lautmalerisches, Jandl jandelte, Erich Fried meinte es gut, Durs Grünbein prosodierte semi-klassisch, Rolf Dieter Brinkmann nannte die Fellatio bei ihrem populären Namen, und Rühmkorf, der ganz frühe Rühmkorf, gottfriedbennte gewaltig: „Der Mond, billig, obszön/Maisbrand 40%/Ausatmen und Vergehn,/Wenn die Kerze runterbrennt.“

Am Schluß, anscheinend unbeabsichtigt, eine Stellungnahme zur „Literaturdebatte“ des däutschen Föjetons:

Und mitten drin eine Probe vom jungen Handke, eine halbe Textseite, nicht mehr: „Ich interessiere mich für die sogenannte Wirklichkeit nicht, wenn ich schreibe. (…) Ich schreibe von mir selber.“ So soll es sein, und mit Glück gibt es dafür die Akzente noch ein paar Jahre.

Die Auflage wird übrigens bei gut dreitausend angegeben, wahrscheinlich liegt sie noch darunter. Literatur, erst recht Lyrik, war schon immer ein Zuschussgeschäft, sie wälzte sich denn, siehe den Fremdenlegionär Forestier, im Staub der Landstraße.

Danke, Herr Winkler! Dafür sehe ich gern über Zeisig und Jodel hinweg.

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