So lallt sie noch immer

Mit Gedichten kann man viel machen – das ist das Gute daran. Man kann sie zum Beispiel lieben, hassen, bekämpfen oder ignorieren. Verstehen und mißverstehen sowieso / sowieso nicht.

Das Gedicht Schatten Rosen Schatten von Ingeborg Bachmann, das ich gestern hier gepostet habe, es erschien zuerst 1956, könnte man für eine Variation des Themas Blumen und Straßen aus Eugen Gomringers im letzten Jahr viel diskutierten Gedichts Avenidas halten (es entstand nur wenige Jahre früher, Gomringers). Avenidas, das verweist ja auf Fremde, in dem kurzen Gedicht Bachmanns kommt das Wort dreimal vor. Gemeinsamkeiten? Unterschiede? Wenn jemand eine gute Interpretation schreibt, bedeutet es das. (Auch).

Hier noch einmal der Text:

Ingeborg Bachmann

Schatten Rosen Schatten

Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten

(In: Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte. München, Zürich: Piper, 1998, S. 143)

Oder man könnte fragen, was es bedeutet, dass dem Gedicht das in ihrer frühen Lyrik typische Parlando fehlt. Nichts von Verzetteln und Verquatschen, wie es Brecht monierte (er bearbeitete einige ihrer Gedichte, indem er sie radikal zusammenstrich).

Es gibt aber auch einen privaten Hintergrund. Das Gedicht verweist auf ein 1951 entstandenes Gedicht von Paul Celan, Stille! In dem Gedicht kommen die Zutaten Rose und Schatten vor, nur das Fremde fehlt ganz.

Die Kommentierte Gesamtausgabe von 2003/2005 sagt zu dem Gedicht, es sei wahrscheinlich das erste nach dem Beginn der Liebesbeziehung zwischen Celan und seiner späteren Frau Gisèle de Lestrange entstandene Gedicht:

Paul Celan

Stille!

Stille! Ich treibe den Dorn in dein Herz,
denn die Rose, die Rose
steht mit den Schatten im Spiegel, sie blutet!
Sie blutete schon, als wir mischten das Ja und das Nein,
als wirs schlürften,
weil ein Glas, das vom Tisch sprang, erklirrte:
es läutete ein eine Nacht, die finsterte länger als wir.

Wir tranken mit gierigen Mündern:
es schmeckte wie Galle,
doch schäumt‘ es wie Wein –
Ich folgte dem Strahl deiner Augen,
und die Zunge lallte uns Süße . . .
(So lallt sie, so lallt sie noch immer.)

Stille! Der Dorn dringt dir tiefer ins Herz:
er steht im Bund mit der Rose.

Aus: „Mohn und Gedächtnis“, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

Man hat das Gedicht mit Kristallnacht (Glas, das erklirrte) und Holocaust zusammengebracht, ich will überhaupt nichts ausschließen. Aber die Autoren der Kommentierten Gesamtausgabe legen andere Spuren, darunter eben prominent die Liebesgeschichte. Und Bachmann? Wenn sie das Gedicht im Erstabdruck in einer Zeitschrift las, fand sie, hätte sie dort für die drittletzte Zeile gefunden:

(So lallt sie, Geliebte, noch immer.)

Wer ist die Geliebte, Gisèle oder Ingeborg? Letztere hatte ihn noch 1951 in Paris besucht, entschlossen, mit ihm zu leben, aber es ging nicht. Was beide nicht hinderte, die Liebesgeschichte fortzusetzen.

Bachmann schreibt sich/ihren Schatten in Celans Gedicht:

auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten

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