77. Kontrolliertes Außersichsein

Sibylle Lewitscharoff, für die Lavant unter den Frauen die größte Dichterin des 20. Jahrhunderts ist, hält es für gut möglich, dass die Gedichte eine doppelfädige Bedeutung haben: „Ein Versteckspiel mit scheinreligiösen Inhalten, wobei eigentlich ein sehr, sehr profanes Liebesgewitter dahintersteckt.“

Das Verdienst der Herausgeber dieses Buches liegt (nachzulesen in den Nachworten) im Aufzeigen dieser sinnlich-erotischen, die leibliche Gegenwart wahrnehmende und über die katholische Begrifflichkeit hinausgehende Lesart in Lavants Gedichten. In dieser Lesart konnte man Die Bettlerschale als Leerform oder leeres Gefäß, Die Spindel im Mond als das Aufgehen des Männlichen im Weiblichen und Der Pfauenschrei als Lust- oder Liebesschrei deuten, auch wenn dieser Dreischritt von Begehren, Erfüllung und erneuter Vereinsamung in diesen Gedichtbänden chronologisch nicht nachvollziehbar ist. „Gute Gedichte“, schrieb Thomas Kling über Lavants Lyrik, „sind immer Produkte des kontrollierten Außersichseins, nicht von innerlicher Schlafwandelei.“ / Wilhelm Huber, DER STANDARD 22.11.

76. An die Anderen

An die Anderen
(ein Aufruf gegen den open-mike-Appell von Björn Kuhligk)
„In berlin the dogs have no jobs“ (Mara Genschel)

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe in der Vorrunde Ausgeschiedene, liebe Teil- und Arbeitnehmer und alle, die sich nichts von allem nennen dürfen!

Ganz bestimmt hat der oder die eine oder andere von euch Björn Kuhligks bodenständigen open-mike-Appell zum Anlass genommen, auf die Tastatur seines MacBook Air (o.ä.) zu kotzen. Das ist gut so. Empört euch! Habt ihr dieses vollbracht, geht aber hin und wischt die Tastatur wieder sauber und rein. Nehmt dafür nicht irgendeinen Lappen, sondern am besten ein Produkt aus der guten Swiffer-Serie. Gehet sodann eurem eigentlichen Beruf nach und schreibt auf dem nunmehr wieder wie neuen Gerät eine authentische, positive Kundenbewertung für das von euch verwendete Säuberungsprodukt. Vier Sterne sind Minimum! Tut dies unter einem eurer zahlreichen, kreativen Pseudonyme. Vergesst überdies nicht, euer Werk sachgemäß zu verlinken.
Seid hierbei stets dankbar, dass ihr euch eure Zeit völlig frei einteilen könnt, wie übrigens überall in der weiten Welt der Selbstständigkeit. So bleibt euch nach dem Tag im Call Center noch genügend Zeit für das Verfassen weiterer suchmaschinenoptimierter Rezensionen. Im Handumdrehen werdet ihr genügend Geld beisammen haben, um euch beispielsweise das erträumte Praktikum in der Literaturwerkstatt Berlin zu finanzieren.

Euren Text „Ein Quäntchen Widerstand“ (AT) reicht bei allen gängigen Publikationsorganen ein. Seht aber zu, dass euch vorher die Pointe entfällt und kürzt ihn entsprechend! Verheddert euch nicht in Verbindlichkeiten. Zu ungenau sind die politischen Träume des Schriftstellers, und zu niedlich. Was dieser heute fordert, haut ihm jener morgen zehnfach um die Ohren. Drum fordert nichts! Danket stattdessen, für was euch gegeben.

Rottet euch fürderhin zusammen und lästert. Seid hässlich, das macht euch interessant. Dokumentiert sodann unvorteilhafte Anekdoten übereinander in einem öffentlich einsehbaren Online-Tagebuch, um euch ein wenig wohlverdiente Erleichterung zu verschaffen. Distanziert euch von euren Kollegen. Andernfalls seid ihr am Ende völlig ununterscheidbar – vor GOtt nicht nur, sondern auch vor der Jury.

Habt ihr aber einmal die Altersgrenze für Wettbewerbe überschritten, so verfasst Appelle in autoritärem Ton und platziert sie in Foren wie diesem. Macht hierfür vom Imperativ reichlich Gebrauch. Geizt auf keinen Fall mit dem Imperativ, er macht schön!

Mara Genschel

Quelle: lyrikkritik

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75. Weilheimer Literaturpreis 2015

Die Stadt Weilheim i. OB vergibt in Kooperation mit der Kester-Haeusler-Stiftung, weiteren lokalen Sponsoren sowie dem Gymnasium Weilheim den Weilheimer Literaturpreis 2015 an die Autorin

Nora Gomringer für ihr lyrisches Gesamtwerk.

Frau Gomringer fügt sich damit in die klangvolle Reihe der bisherigen Preisträger seit 1988 ein:

Ilse Aichinger, Wolfgang Hildesheimer, Gertrud Fussenegger, Thomas Hürlimann, Reiner Kunze, Vicco von Bülow (Loriot), Siegfried Lenz, Rafik Schami, Wole Soyinka und zuletzt Sten Nadolny.

Der Weilheimer Literaturpreis ist mit 7.500 EURO dotiert und wird im Rahmen eines Festakts am 19. März 2015 (Beginn 19 Uhr) in der Weilheimer Stadthalle verliehen werden. Hierbei wird sich Frau Gomringer mit der traditionellen „Rede an die Jugend“ für die Auszeichnung bedanken.

Die Wahl der Preisträgerin ist ausschließlich durch elf Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Weilheim erfolgt, was in Bezug auf renommierte literarische Auszeichnungen im deutschen Sprachraum einzigartig ist. Die Schülerjury, welche sich seit Beginn des Schuljahres 2013/2014 mit der Literatur aller lebenden Autoren, welchen ein „Weilheimer Heft zur Literatur“ gewidmet ist, beschäftigt hatte, wird ihre Wahl durch eine eigene Rede im Rahmen des Festakts begründen.

Ferner wird die Laudatio auf die Preisträgerin von Frau Dr. Pia-Elisabeth Leuschner gehalten werden. Die geborene Münchenerin studierte an den Universitäten München, Canterbury (Kent) und Venedig und promovierte an der LMU mit einer komparatistischen Arbeit über ‚Musik in Texten der englischen und deutschen Romantik’. Sie ist Pressereferentin der Stiftung Lyrik Kabinett, freiberufliche wissenschaftliche Publizistin, Sprecherin, Moderatorin und begeisterte Leserin Nora Gomringers.

Laudatio, Schülerrede und „Rede an die Jugend“ werden in Folge im 71. der „Weilheimer Hefte zur Literatur“ veröffentlicht.

Foto: Marcus Schiefer, Redaktion der "Weilheimer Hefte zur Literatur"
Foto: Jürgen Bauer

Weilheim, den 17. November 2014

Redaktion der „Weilheimer Hefte zur Literatur“
Gymnasium Weilheim i. OB

Murnauer Str.12
82362 Weilheim i. OB
Tel.: 0881-92546-0
Email: verwaltung@gymweilheim.de

74. Allgemeinbashing

Was liegt näher, als seinen Bericht über ein lokales Ereignis, auf das man lobend hinweisen will, ein Allgemeinbashing voranzustellen, das zwar nicht originell ist, die Autorin oder den Autoren [Achtung, ich bediene mich aus hinterlistigen Motiven des verbreiteten falschen Akkusativs, M.G.] aber als KennerIn selbst der winzigsten Biotope erscheinen läßt. In diesem – häufigen – Fall also dem Paralleluniversum der „aktuellen deutschsprachigen Lyrik“. Hier tut es Maren Jäger, obwohl der Anlaß gerade nicht auf ihren Gegenstand paßt, ein löbliches und nicht allzu selbstverständliches Beispiel nämlich universitärer Nichtignoranz aus Essen. Deshalb vollzieht sie ab dem dritten Satz eine jähe Volte*:

Die aktuelle deutschsprachige Lyrik (deren illusorischer Singular bereits vor sechs Jahren von Martin Endres aufgespießt wurde) hat es nicht leicht – und genießt obendrein nicht den allerbesten Ruf. In seinen Zehn Thesen zur Poesie polemisiert Michael Lentz 2005: „Keine Strömungen derzeit, höchstens Brisen und Rettungsschwimmer, kein Arschloch der Jahrtausendwende. Es herrscht weitgehend eine Bravheit, dass die Verdauungsorgane ihre Tätigkeit einstellen sollten.“ Ungeachtet aller Unkenrufe, die der Gegenwartslyrik Formlosigkeit und eine Inflation des Banalen attestieren, erfuhr sie in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom – sofern man die zahllosen Autorendebüts, die sprunghafte Vermehrung von Anthologien und Periodika, die Erschließung neuer Leserschichten und Verbreitungsformen (Internetforen, Poetry Slams & Co) als Indikatoren gelten lässt.

In seltsamem Widerspruch dazu steht ihre weitgehende Vernachlässigung durch die Literaturwissenschaft.

Ihre eigentliche Information (die den Bashingkopf nicht nötig hätte) aber bekommt eine eigene Nachricht.

*) Kunstgriff beim Mischen im Kartenspiel; (Reiten) das Reiten eines Kreises von kleinem Durchmesser; (Fechten) seitliches Ausweichen (Duden – Das Fremdwöšrterbuch, 9. Aufl. Mannheim 2007)

73. Poet in residence

KulturHaus Loschwitz schreibt:

Der diesjährige Abend zur Wahl des Stipendiaten, dem „poet in residence 2015“ spricht zum wiederholten Male ein lyrikaffines, poetisch interessiertes, der Literatur leidenschaftlich verbundenes Publikum an: denn jeder Besucher hat eine Stimme und kann mitentscheiden!

Zu Wahl stehen in diesem Jahr
Monika Littau, Andreas Reimann und Christoph Szalay.

Die Veranstaltung fand gestern abend statt. Gewählt wurde der Leipziger Lyriker Andreas Reimann.

Das 3-monatige Lyrik-Stipendium wird vom Verein »Literarisches Dresden e.V.« seit 2013 ausgeschrieben.

Ermöglicht wird es durch eine kontinuierliche, zweckgebundene Spende aus der Wirtschaft, welche dem Verein über die Firma KREACON e.K. vermittelt wurde.

Jeweils im Zeitraum von 6. Januar bis 31. März erhält ein Autor bzw. eine Autorin freie Unterkunft im Gästehaus des KulturHaus Loschwitz und ein Stipendium in Höhe von 900 Euro monatlich. Das Stipendium wird nach Antritt der Stelle monatlich ausgezahlt.

Die in der Zeit des Stipendiums entstehenden lyrischen Arbeiten sollen einen Bezug zur Stadt Dresden oder der sächsischen Kulturlandschaft erkennen lassen. Im Ergebnis wird diese lyrische Arbeit gedruckt, im Rahmen einer bibliophilen Schriftenreihe in kleiner Auflage publiziert. Alle darüber hinausgehenden Rechte verbleiben bei dem Autor bzw. der Autorin. Die Publikation wird jeweils im September des Jahres in einer öffentlichen Veranstaltung im KulturHaus Loschwitz präsentiert. Für die Mitwirkung an dieser Veranstaltung erhält der Autor bzw. die Autorin ein Honorar. / poet-in-dresden.de

 

Bisherige Stipendiaten waren

 

2013: Carl-Christian Elze

  • »pferd im schnee«. Gedichte.Dresden: Literarisches Dresden e.V. / Edition BuchHaus Loschwitz, 2013

 

72. Gestorben

Im Alter von 91 Jahren ist am Dienstag (18.11.14) die Lyrikerin Elli Michler gestorben. Die gebürtige Würzburgerin wurde mit ihrem Gedicht „Ich wünsche Dir Zeit“ auf der ganzen Welt bekannt. (…) Im März 2010 wurde Elli Michler für ihr lyrisches Werk das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. / BR (das Gedicht hier zum Nachlesen)

71. Faltungen

Aus: Jan Kuhlbrodt, Faltungen – zum Experiment

Wie es scheint, wird das Experiment als Gattung betrachtet, was dem Begriff widerspricht. Denn im Grunde müsste das Experiment ja im Bereich vor jeder Gattung liegen. Aus dem Experiment könnte sich, wenn es denn gelingt, eine Gattung konstituieren.

Was verbindet also Texte?

Das ist natürlich eine unsinnige Frage. Eine Frage, die von ihrem metaphorischen Gehalt her sofort auf eine falsche Fährte führt, denn verbunden sind Texte zunächst durch etwas ihnen rein Äußerliches, die Willkür der Auswahl, die sie in einer Publikation zusammenbindet, und durch die Unmöglichkeit, irgendetwas, schon gar nicht die sogenannte experimentelle Dichtung, in seiner Vollständigkeit zu präsentieren.

(…)

Mayröcker steht für eine Art experimentelle Innerlichkeit. Die Sprache durchwandert das Selbst und trifft dort auf die Sedimente von Welt. Innerlichkeit hat hier also nichts mit dem Kitsch zu tun, der anderenorts unter diesem Label verbreitet wird. Sie ist analytisch. Und an Mayröcker schließen sich all jene an, die auf diesem Feld experimentieren und forschen.

Jürgen Becker erforscht die Ränder der Gattung zumindest auf literarischem Gebiet, vielleicht könnte man an dieser Stelle auch Brinkmann nennen. Eventuell hat es auch etwas mit dem B im Nachnamen zu tun. Beide also arbeiten zwischen Hörspiel und Prosa am Gedicht.

Elke Erb schließlich, auch eine, die forscht. Vielleicht könnte man ihre Art mit literarischem Exerzitium des 21. Jahrhunderts beschreiben. Alles wird Gegenstand lyrischer Analyse, und dabei unterscheidet sie nicht zwischen hergestellter und (sozusagen im Volksvorurteil) natürlicher Welt. Und Ausgangspunkt dieser Analyse ist ein Wundern.

Die Kleider der hier ausnahmsweise namentlich angeführten Alten werfen Falten. Wie gute Großeltern sitzen sie nicht auf einem Sockel, sondern mitten unter uns, und wir spielen zwischen den Falten. Verlassen auch schon mal das Zimmer, um bei den Nachbarn reinzuschauen und langsam wird uns auch klar, dass wir fremde Sprachen lernen sollten, um uns zu verstehen.

(Das wussten die angeführten Alten schon, vor allem Jandl und Erb haben in übersetzerischer Hinsicht Unglaubliches geleistet, aber die sind ja schon lange erwachsen.)

Am Ende eine sehr sehr unvollständige Liste der Kinder und Enkelkinder, wie sie mir in den Sinn gekommen sind. Zwei Stunden später wäre das sicherlich anders ausgefallen:

Rinck, Falkner, Czernin, Hefter, Winkler, Piekar, Crauss, Berends, Futscher, Popp, Filips, Seel, Elze, Bresemann … …

(Komplett bei Signaturen)

70. Basler Lyrikpreis für José F.A. Oliver

Große Freude löste die Nachricht gestern aus, dass José F. A. Oliver im Januar den mit 10 000 Franken dotierten »Basler Lyrikpreis« erhalten wird. Die erste Ehrung Olivers, die außerhalb Deutschlands stattfindet – und eine Anerkennung, die von Lyrikern vergeben wird. » Es gibt nichts Schöneres als die Wertschätzung unter Dichterkollegen«, sagte José Oliver gestern.

Ausdrücklich belohnt werden sollen mit dem Preis die Innovationskraft und der Mut von Dichterinnen und Dichtern, gegen den Strom zu schwimmen, heißt es in der Pressemitteilung des Vereins  »Internationales Lyrikfestival Basel«. Er soll dazu beitragen, »herausragende Stimmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen«. José Oliver erhalte diesen Preis für sein „umfangreiches, beeindruckendes Werk“. »José Oliver hat seine Poesie ganz tief in die deutsche Sprache eingeschrieben, eingegraben, ja, die deutsche Sprache mit ihr umgegraben», schrieb der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Harald Weinrich.

Das Basler Lyrikfestival findet vom 23.- 25. Januar 2015 im Literaturhaus Basel statt. /Claudia Ramsteiner, Baden Online

69. Starke Bilder

Es ist mir seltsam ergangen mit Dombrowskis Gedichten: Zwar war mir von Anfang an klar, dass sie mir gefielen, nur wusste ich nicht recht zu sagen, warum. Dieses unmittelbare Gefallen mag, dachte ich, auf die starken Bilder zurückzuführen sein, die wir in den Gedichten immer wieder finden. / Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Dominik Dombrowski: Fremdbestäubung. Gedichte. Köln (parasitenpresse) 2014. 44 Seiten. 9,00 Euro.

68. Spielraum

Die Greifswalder Tagung „Poetische Horizonte“, die vom 13. bis 16.11. „Dichter, Lyrikverlage, Literaturwissenschaft“ zusammenführte, hinterließ neben den Spuren sprühender Funken bei Beteiligten und Gästen viele Stunden Tonaufzeichnungen, an deren Aufarbeitung in den nächsten Jahren intensiv gearbeitet werden wird. Eine erste Kost- bzw. Tonprobe wird morgen abend im unabhängigen Radio 98,1 zu hören sein (Raum Greifswald oder Internet). Sie hören u.a. Bertram Reinecke, Simone Kornappel, Pindar (gesungen von Immanuel Musäus), Odile Endres, Léonce Lupette, Silke Peters, Norbert Lange und Elke Erb.

Zur Vorfreude hier ein poetischer Gruß an Greifswald von Elke Erb.

67. Literaturfest ohne Lyrik

Gestern wurde das 5. Literaturfest München eröffnet (bis zum 7. 12.), das in diesem Jahr keine Lyrik-Veranstaltung im Programm führt.

66. Ernesto Cardenal

Ernesto Cardenal, der fast 90 Jahre alte Revolutionär, Theologe, Dichter und ehemalige Kulturminister Nicaraguas las in St. Veit Gedichte. Eingeladen wurde er von der Katholischen Frauenbewegung, er ist gerade auf Lesereise.

Papst Johannes Paul II rügte Cardenal 1983 bei seinem Nicaraguabesuch öffentlich: Das Priesteramt und politische Ämter seien unvereinbar. Cardenal blieb dennoch Kulturminister, als Priester wurde er suspendiert. Bei seiner Lesung am Montagabend in St. Veit ging es Cardenal nicht nur um seine neuesten Gedichte, sondern nach wie vor um Revolution: „Mein Traum ist, dass es noch eine weitere Revolution gibt wie in Nicaragua.“ (…)

Auch heute noch ist Cardenal Schriftsteller, Theologe und Revolutionär: „Ich bin mit der Berufung zum Dichter geboren, sie hat mich zu Gott gebracht, Gott hat mich zu meiner Berufung als Revolutionär gebracht.“/ ORF

65. Strausspreis für Reiner Kunze

Für seinen Beitrag zur Überwindung der deutschen Teilung wird der Schriftsteller Reiner Kunze mit dem Franz-Josef-Strauß-Preis ausgezeichnet. Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung erklärte zur Begründung, in den Texten des 81 Jahre alten früheren DDR-Dissidenten zeige sich die Hoffnung auf einen offenen Umgang mit dem freien Denken und der Kreativität des Einzelnen. (…) Der Franz-Josef-Strauß-Preis wird seit 1996 verliehen. Kunze ist der erste Schriftsteller, der die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung erhält. Die Preisverleihung soll im kommenden Frühjahr stattfinden. / Thüringer Allgemeine

64. Traklpreis für Waltraud Seidlhofer, Förderpreis für Peter Enzinger

Der mit 8.000 Euro dotierte Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2014 geht an die Autorin Waltraud Seidlhofer. Je 4.000 Euro wurden laut der Landeskorrespondenz Salzburg von der Republik Österreich und dem Land Salzburg zur Verfügung gestellt. Den mit 3.000 Euro dotierten Georg-Trakl-Förderpreis erhält der Lyriker Peter Enzinger.

Seidlhofer wurde 1939 in Linz geboren und lebt in Thalheim bei Wels. Sie war als Bibliothekarin in Linz und Wels tätig und ist Mitglied der Linzer Künstlervereinigung Maerz und Gründungsmitglied der Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung. Enzinger stammt aus Zell am See und lebt jetzt in Wien. Der Lyriker wurde bereits 2005 mit dem Förderungspreis der Stadt Wien ausgezeichnet. / Der Standard

63. Skácels Art zu gehen

Oft fragte ich mich (und ich frage mich weiterhin) wie Jan Skácel zu einem Meister des Landschaftsgedichts werden konnte, da er doch Feld und Wald überhaupt nicht zu beachten schien; da er kaum je den Blick hob, kaum je innehielt, um sich irgend etwas genauer anzusehen. Seine Art zu gehen und im Gehen den Blick zum Boden gesenkt zu halten, machte auf mich den Eindruck, als würde er die Landschaft gleichsam von Grund auf … vom Erdboden her einlesen, um sie später in der Kneipe oder daheim in der Küche in seinem Heft niederzuschreiben. – Aufgefallen ist mir auch, dass Skácel, dessen feiner Humor und subtile Melancholie einen Großteil seiner Lyrik unverwechselbar imprägniert haben, nie gelacht, auch nie gelächelt hat. Seine schönes, kraftvoll geschnitztes Gesicht war beherrscht von tiefen, fast schwarzen Augen unter ungewöhnlich buschigen Brauen; es ließ keine momentanen Regungen erkennen, wirkte insgesamt eher düster, jedenfalls sehr ernst und hellte sich – soweit ich mich erinnere – niemals auf. Skácels zarte Gestalt gewann durch den dominanten, wie wohl fast immer gesenkten Kopf einen gravitätischen … einen Respekt heischenden Ausdruck, zu dem es in seiner Art zu reden und zu schreiben keine erkennbare Entsprechung gab. – Nach weiteren Besuchen während der 1970er, 1980er Jahre traf ich im Sommer 1989 anlässlich der Verleihung des Petrarca-Preises in Lucca ein letztes Mal mit Jan Skácel zusammen. Dutzende von Menschen – Dichterkollegen, Übersetzer, Kritiker, Verleger – bemühten sich um ihn, befragten ihn, feierten ihn. Nur ein einziges längeres Gespräch konnte ich bei jener Gelegenheit mit ihm in einem Straßencafé führen. Es war ein strikt privates Gespräch. Er berichtete mir von gemeinsamen Freunden, von seiner bedrängenden Wohnsituation, von seinen zunehmenden gesundheitlichen Problemen. Fast ebenso viel, wie er sprach, hustete er. Als auf der anderen Straßenseite der Dichter Handke schlendernd vorüberging, rief er ihm zu und verschluckte sich dabei, was einen neuen Hustenanfall auslöste. Handke hatte den Ruf wohl überhört und ging, ohne sich umzuwenden, weiter, derweil Skácel, noch immer hustend, die nächste Zigarette ansteckte.

Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Berlin: Matthes & Seitz, 2014, Seite 218-219.