106. Tom Schulz

Ein ebenso hehres wie paradoxes Unterfangen initiierte Die Zeit im März 2011, als sie unter dem griffigen (und höchst aufschlussreichen) Motto „Macht, Gedichte“ elf LyrikerInnen versammelte und sie mit dem Angebot lockte, Politik aus der Nähe zu erleben, sich von Andrea Nahles, Katrin Göring-Eckardt und Christian Lindner beim Blick hinter die politischen Kulissen unter die Fittiche nehmen zu lassen. Hehr, weil die Gedichte in der Tat wöchentlich im Politikteil, „an prominenter Stelle, nicht irgendwo rechts unten versteckt“, abgedruckt wurden und weil (neben einigen kümmerlichen Exemplaren, die bestenfalls ‚irgendwie politisch‘ waren) doch einiges aufhorchen ließ, etwa Ann Cottens „Hymne auf die Zukunft“. Paradox, weil hier eine bizarre Inversion der (mutmaßlichen) Genese eines politischen Gedichts stattfand: Am Anfang war nicht der Wut-Dichter, der sagt, was gesagt werden muss (oder plärrt, was er plärren zu müssen glaubt), sondern die Redaktion einer Wochenzeitung, die den Versuch unternahm, eine totgesagte Gattung durch Auftragsarbeiten zu reanimieren. Es musste das politisches Gedicht, dessen Fehlen von besagter Redaktion beklagt wurde, also „erst künstlich beatmet werden, damit es überhaupt wiederentdeckt werden“ konnte (Michael Braun im DLR Kultur).

Jemand, der in die Riege der Elf Zeit-Lyriker fehlte, war Tom Schulz, in dessen Werk das politische Gedicht eine Konstante ist. Hätten die Zeit-Redakteure etwa seinen 2006 als Band 7 der Reihe Lyrik bei kookbooks erschienenen Band Vergeuden, den Tag gekannt, oder die von ihm 2009 im Rotbuch-Verlag herausgegebene Anthologie alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte, man hätte vielleicht nicht ganz so laut die Leerstelle beklagt oder sich (weniger rhetorisch) fragen müssen: „Oder liegt es an den unaufmerksamen Zeitungen, übersehen wir das Politische in der ja sehr reichen deutschen Lyrikszene?“ Genau, liebe Zeit-Redaktion, Tom Schulz habt Ihr übersehen.

Er ist aber auch alles andere als ein Wutbürger oder ein zorniger junger Mann, davon konnte man sich am 27. Oktober in Essen überzeugen, als der 44-jährige das Zwischenspiel Lyrik des Duisburg-Essener Poet in Residence eröffnete. Tom Schulz ist bescheiden, ein wenig verschmitzt und (wenn das Wort nicht so abgenutzt wäre!) ‚unaufgeregt’, sein Konversationston ist das gepflegte Understatement, ob er sich diplomatisch über Dichterkolleg*innen äußert, die mit viel Talent und wenig Wagnis brillieren („Sieht der nur arte-Dokumentarfilme?“), oder lakonisch über Selbstexegesen von geschätzten Lyriker*innen, die Essays über das Schreiben eines Verses verfassen („Dafür interessiere ich mich zu wenig für mich selber“). / Maren Jäger, literaturkritik.de

4 Comments on “106. Tom Schulz

  1. Embedded poets, das muss ja auch nicht sein. Ein Beispiel dafür, dass es das Politische Gedicht gibt (und zwar so, dass es als Gedicht bezeichnet werden kann und nicht als Meinungsäußerung, wofür dann ja wieder die Zeitungen zuständig wären), ist der Band „Solanum Nigrum Antichoc“ von Kai Pohl. Das mal als Tip.
    Auf Tom Schulz wäre ich nicht gekommen, vielleicht, weil er auf eine Weise auch eingebettet ist: im Literaturbetrieb. Der Literaturbetrieb hat allerdings Krakenarme, ich mache niemandem einen Vorwurf.
    Eine abschreckende Art des (platten) Politischen Gedichts habe ich mal bei einem Abend mit Alfred Döblin-Stipendiaten in der Akademie der Künste am Pariser Platz kennengelernt, wo Boris Preckwitz auftrat, sehr von sich eingenommen … Politische Signalwörter, grob hingeworfen wie Fleischbatzen.
    Subtilität: ein notwendiges Kriterium für gute Gedichte? Ich würde sagen Ja.

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  2. Es reicht doch völlig, sich die alljährlich erscheindenden „Versnetze“, die Axel Kutsch herausgibt, anzusehen, um von der medial genährten Indolenz geheilt zu werden, das zeitgenössische Gedicht sei ohne Kraft, substanzlos und unpolitisch und irgendein Haftbefehl könne mehr als die Dichterzunft. Welche/r auch nur mäßig Literaturinteressierte (und nicht bloß diffus -beflissene) nimmt denn bitte DIE ZEIT als Auskunftei für Poetisches noch ernst?

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  3. Was die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart betrifft, ist die ZEIT nicht immer auf der Höhe der Zeit. Außer der sehr empfehlenswerten Anthologie „alles außer Tiernahrung“ ist ebenfalls 2009 der von mir herausgegebene Sammelband „An Deutschland gedacht. Lyrik zur Lage des Landes“ (Verlag Ralf Liebe) erschienen, der unter anderem ausführlich im WDR vorgestellt worden ist. Die ZEIT hüllte sich dagegen in Schweigen – ebenso wie bei der von Tom Schulz edierten Anthologie. Das 2011 von dieser Zeitung beklagte Fehlen zeitgenössischer politischer Lyrik zeigt einmal mehr, wie wenig man dort offenbar über die aktuelle Situation in der deutschsprachigen Poesie informiert ist. Das trifft auch auf den ZEIT-Artikel zu, in dem Daniel Haas jetzt den Rapper „Haftbefehl“ als Herausforderung für die heutige Dichtung bezeichnet. Nichts gegen dessen kraftvolle oder kraftmeierische Sprache – aber ein Problem für unsere lebendige zeitgenössische Lyrik? Herrn Haas scheint hier der für eine solche Behauptung erforderliche Überblick zu fehlen. Vielleicht wollte er auch nur ein wenig provozieren. Mir kommt’s wie unfreiwillige Komik vor.

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