Arthur Cravan, Boxer, Dadaist, Dichter, Neffe Oscar Wildes und „Fahnenflüchtiger von siebzehn Nationen“, verschwand im November 1918 spurlos in den Gewässern vor der mexikanischen Küste – vermutlich bei dem Versuch, mit einem kleinen Boot von Salina Cruz nach Guatemala* zu segeln. Sein Tod bleibt bis heute ungeklärt und nährt den Mythos um einen der radikalsten und schillerndsten Außenseiter der literarischen Moderne. Heute ein Gedicht des französischen Dichters Philippe Soupault aus seiner Sammlung „Grabinschriften“ (1919). Arthur Cravan war Ende 1918 im Golf von Mexiko* verschwunden, aber er schrieb auch Grabinschriften für seine lebenden Surrealistenfreunde Paul Éluard, André Breton und Louis Aragon.
*) siehe im Kommentar
Philippe Soupault
(* 2. August 1897 in Chaville bei Paris; † 12. März 1990 in Paris)
Grabinschriften
ARTHUR CRAVAN
Die Straßenhändler sind nach Mexiko ausgewandert
Alter Boxer du bist dort gestorben
Du weißt nicht einmal warum
Du hast lauter geschrien als wir in den Palästen Amerikas
und in allen Pariser Kneipen
Du hast dich nie in einem Spiegel angeschaut
Du warst im Krankenhaus zur Sommerfrische
Was wirst du nun im Himmel tun alter Junge
Ich habe dir nichts mehr zu verbergen
Die Seine fließt noch an meinem Fenster vorbei
Deine Freunde sind sehr reich
Ich habe ein wahnsinniges Verlangen zu rauchen
Aus: Philippe Soupault, Frühe Gedichte 1917 – 1930. Übersetzt aus dem Französischen und herausgegeben von Eugen Helmlé. München: edition text + kritik, 1983, S. 93
Karl Krolow, geboren 1915, starb 1999 im Alter von 84 Jahren. Er schrieb bis zuletzt. Über 700 Gedichte entstanden in den letzten drei Jahren seines Lebens, alle datiert, manche dazu noch mit Altersangabe versehen, „84 Jahre, 2 Monate“, als ginge es um eine Wette gegen die Zeit. Es ist wie ein Endspurt – 400 Gedichte in den letzten 5 (!) Lebensmonaten, rund 150 in den letzten 2. In „Zwischen den Zeilen“, datiert auf den 16. August 1996, entwirft Krolow eine kleine Poetik des Spätwerks: zwischen Phantasie und Wahrheit, Wahrheit und Irrtum, in der „anderen Zeit“, wo es „nie zu spät“ ist für „kurze Ewigkeit“.
Auch das Inselbuch mit einer Auswahl aus diesem Nachlass lag obenauf auf dem Schreibtisch von Irmgard Senf, dieses Gedicht angestrichen.
Karl Krolow
(* 11. März 1915 in Hannover; † 21. Juni 1999 in Darmstadt
Zwischen den Zeilen
Zwischen den Zeilen ist nichts.
Die Flucht aus der Phantasie,
verächtlichen Gesichts,
weiss es und anders war's nie.
Aber in Wahrheit trumpft
eine andere Wahrheit auf
gegen alle Vernunft,
nimmt den Irrtum in Kauf.
Wer zwischen Zeilen gerät
lebt in der anderen Zeit.
In ihr ists nie zu spät
für kurze Ewigkeit.
16. VIII. 96
Aus: Karl Krolow: Die Handvoll Sand. Gedichte aus dem Nachlaß. Auswahl und Nachwort von Charitas Jenny-Ebeling. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 2001 (Insel-Bücherei 1223), S. 9
Peter Handke
(* 6. Dezember 1942 in Griffen, Kärnten)
Österreichisches Gedicht
1 Im Gedicht kommen zwei sonst getrennte Dinge zusammen
Ein Gedicht ist eine Verkündigung
2 Jetzt!
Und das Morgenlicht im Holunderbusch
3 Der Akazienzweig in den Herbsthimmel gewirbelt
als Friedenszweig
4 Gestern im Zug der Roman »Plötzlich wie ein Fremder«
Heute auf dem Schneefeld ein fernes Sausen
das plötzlich auch in der Nähe war
5 Es ist manchmal schwer einen Schneemann anzuschauen
Aber dafür geht ein Kind mit kräftigen Schritten
eine Treppe hinauf
6 Am Vormittag in der Parfumwolke eines Landgendarmen
Am Nachmittag der Humor eines leuchtenden Kuhfladen
7 Das Pfeifen eines Zuges weit draußen in der Ebene
schließt am Abend das tagesoffene Innere
8 Die Sonne macht untergehend eine Bergkante sichtbar
und hinter den Lärchen erscheint der Mond:
Eins gibt das andre
und man freut sich
9 Eins gibt das andre
und man freut sich:
und die Freude gibt wieder ein andres
10 Das weiße Gesicht einer Meise
als Flocke in der Dämmerung
11 Zitronenfalter hier:
flatternd gelbes Büchlein
vom blauen Hemd dort
12 Hinter der Stadt Magnolia am Yukon in Alaska
rollte der Mond als Schaufelrad
13 Am Morgen noch sanftes Übersehen
der Hakenkreuze
Am Abend
der Augenblick der Philosophie
14 »Unter Gut verstehe ich hier jede Art von Freude
und ferner alles, was zur Freude hinführt«
15 »Unter Wirklichkeit und Vollkommenheit
verstehe ich ein und dasselbe«
16 Ich denke begeistert
doch ermangelnd der Liebe
und möchte ein Gedicht für dich schreiben
Aus: Poesiealbum 352. Peter Handke. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2020
Leute, es gibt schon bald 400 dieser Hefte, aber man kann auch jetzt jederzeit einsteigen und wird über die nächsten Jahre ein buntes Magazin der Weltlyrik bekommen. Wo gibts das sonst so günstig?
595 Wörter, 3 Minuten Lesezeit
Ich konnte in den beiden letzten Tagen den literarischen Nachlass von Irmgard Senf durchsehen, der Gartenarchitektin und Autorin aus Sassnitz, die im Mai im Alter von 90 Jahren gestorben ist (1.5.1935 – 30.5.2025). Bis zuletzt rege und neugierig, neuste Bücher verfolgend, sass sie an zwei literarischen Projekten, einem neuen Gedichtband und autobiografischer Prosa. Ein Schreibtisch im Arbeitszimmer und einer im Wohnzimmer, beide übervoll mit wohl Hunderten Manuskripten und Notizzetteln, Büchern, Zeitungsausschnitten. Auf dem einen Tisch in der Mitte aufgeschlagen das „Poesiealbum 17 – Friedrich Hölderlin“ (1969) mit dem Gedicht „Abendphantasie“.

Ich durfte ein paar Bücher aus ihrer hervorragenden Bibliothek mitnehmen, darunter das hier links neben Hölderlin liegende von Ezra Pound, ebenfalls 1969, aus dem ich das heutige Gedicht auswähle.
Ein bemerkenswertes Buch. Auf dem Einband steht:
Ezra Pound:
Der Revolution
ins Lesebuch.
«So wurde das
deutsche Hochschul-
und Universitäts-
wesen … vom Ziel der
Wahrheitsfindung…
abgelenkt und in
einen Mechanismus
verwandelt …“
Ezra Pound (1932)
Die Arche
(Das Pound-Zitat der Einbandseite geht so weiter: „… verwandelt, der dazu bestimmt war, das denkende Segment des Volkes von der Beschäftigung mit aktuellen Problemen abzuhalten.“)
Eins der Gedichte, die sie angekreuzt hat.
Ezra Pound
(* 30. Oktober 1885 in Hailey, Blaine County, Idaho; † 1. November 1972 in Venedig)
IST DIES DER BLÖDSINN...?
Ihr wurdet gelobt, meine Werke
weil ich frisch vom Lande hereinkam;
Ich war zwanzig Jahre hinter der Zeit zurück,
so fandet ihr das Publikum bereit.
Ich verleugne euch nicht,
verleugne nicht eure Nachfahren.
Da stehen sie ohne putzigen Kunstgriff,
Da stehen sie und haben nichts Altertümliches.
Seht nur das öffentliche Befremden:
«Ist dies», sagt man, «der Blödsinn,
den wir von unsern Dichtern erwarten ?»
«Wo bleibt das Pittoreske?»
«Wo bleibt der Strudel der Gefühle ?»
«Nein! Sein erstes Werk war das Beste.»
«Der Ärmste hat seine Ideale verloren.»1
Anmerkung:
1] Niemand hat seine Kritik an den Mächten der Zeit klarer formuliert als Pound, den die Kritik als Esoteriker hinzustellen liebt. Die nun folgende Passage über die finanzielle Funktion der Fabrik ist ein klassisches Beispiel. (Originalanmerkung 1969)
Aus: Ezra Pound: Der Revolution ins Lesebuch. Deutsche Übersetzung und Dokumentation von Eva hesse. Zürich: Arche, 1969, S. 29.
Eva Hesse hat in diesem Band Ausschnitte aus den Gedichten und Cantos ausgewählt und mit aktualisierenden Überschriften versehen. Hier das vollständige Gedicht, aus dem obiger Ausschnitt stammt.
SALUTATION THE SECOND
You were praised, my books,
because I had just come from the country;
I was twenty years behind the time
so you found an audience ready.
I do not disown you,
do not you disown your progeny.
Here they stand without quaint devices,
Here they are with nothing archaic about them.
Observe the irritation in general:
“Is this,” they say, “the nonsense
that we expect of poets?”
“Where is the Picturesque?”
“Where is the vertigo of emotion?”
“No! his first work was the best.”
“Poor Dear! he has lost his illusions.”
Go, little naked and impudent songs,
Go with a light foot!
(Or with two light feet, if it please you!)
Go and dance shamelessly!“
Go with an impertinent frolic!
Greet the grave and the stodgy,
Salute them with your thumbs at your noses.
Here are your bells and confetti.
Go! rejuvenate things!
Rejuvenate even “The Spectator.”
Go! and make cat calls!
Dance and make people blush,
Dance the dance of the phallus
and tell anecdotes of Cybele!
Speak of the indecorous conduct of the Gods!
(Tell it to Mr. Strachey)
Ruffle the skirts of prudes,
speak of their knees and ankles.
But, above all, go to practical people—
go! jangle their door-bells!
Say that you do no work
and that you will live forever.
Aus: Ezra Pound: Personæ/ Masken. Gedichte. München: dtv, 1992, S. 122/124
152 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Jörg Fauser
(* 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München)
Frankfurt am Main (I)
Trunken vom Höhenwahn
meldet neuen Rekord
die Deutsche Bank:
67 Zentimeter
wird ihre Zentrale
die Konkurrenz überragen.
Schau dir die Trümmer an
sagt bei der Personenkontrolle
in der U-Bahn ein Polizist
zu seinem Kollegen und
zeigt auf die Stadtstreicher
die auf der Bank ihren
Rausch ausschlafen.
Menschenauflauf vor den
Delikatessenläden.
Für Austern und Kaviar
stehn sie gern wieder
Schlange.
Wieviele Aufputschmittel
sind nötig, um so
hoch zu kommen, wieviele
Schmerztabletten, um den
Sturz zu wattieren?
Um die Ecke stehn
ihre Kinder und
spritzen sich gleich
Heroin Nr. 4 – sie
sind ihre Kinder:
Sie kotzen in die
praktischen
Einwegtüten.
Aus: Jörg Fauser Edition, Band 5. Gedichte. Hrsg. Carl Weissner. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, 1990, S. 191 (ExLibris Irmgard Senf)
(„Manhattan am Main / Krankfurt sagen die andern“, aus: Frankfurt am Main II, ebd. S. 192)
67 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Kristin Schulz
vor den enden das ende 9
kein und aber
verliefen sich im
wald aber erschlug
kein und kein
kind nicht einmal
wind bliebe der
aber vertriebe
aber nahm fast sein
ende am ende eines
stricks doch hielt der
ast nicht was er ver-
sprach und brach
aber wie
lebt aber
ohne kein
sein
ende
Aus: Kristin Schulz, gesammelte fehlmärchen. gedichte. Frankfurt/Main: gutleut, 2014, S. 15
Kaspar Hauser war ein geheimnisvoller Findling, der 1828 plötzlich in Nürnberg auftauchte und angab, zuvor sein Leben isoliert in einem dunklen Raum verbracht zu haben. Sein Schicksal gab Anlass zu zahlreichen Spekulationen über seine Herkunft – vom Betrüger bis zum verschollenen Erbprinzen – und wurde zu einem Symbol für Verwahrlosung, Identitätssuche und das Verhältnis von Natur und Erziehung. Hier ein Gedicht von
Paul Verlaine
(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)
in 2 deutschen Fassungen und im Original.
Deutsch von Wolf Graf von Kalckreuth
(* 9. Juni 1887 in Weimar; † 9. Oktober 1906, 19jährig, in Stuttgart-Cannstatt)
Caspar Hauser singt
Als schlichter Waise, reich genug
An meiner Augen stillem Scheine,
Kam ich zur Stadt, fremd und alleine,
Die Männer fanden mich nicht klug.
Mit zwanzig Jahren wurde ich
Im Feuer der verliebten Sinne
Der Weiber süsser Schönheit inne:
Doch freilich schön fand keine mich.
Wenn auch in keines Königs Sold,
Ich Heimatloser Ruhm erworben,
Wär' gern ich doch im Krieg gestorben,
Doch hat der Tod mich nicht gewollt.
Kam ich zu früh, kam ich zu spät
In diese Welt voll herber Trauer?
Was soll mir, ach, des Lebens Dauer?
Denkt an mich Armen im Gebet!
Aus: Wolf Graf von Kalckreuth, Gedichte und Übertragungen. Heidelberg: Lambert Schneider, 1962
Deutsch von Paul Wiegler
(* 15. September 1878 in Frankfurt am Main; † 23. August 1949 in Ost-Berlin)
Kaspar Hauser singt.
Ich kam verwaist und ohne Lug
Zur grossen Stadt mit stillen Augen,
Ob ich den Leuten mochte taugen:
Sie fanden mich nicht schlecht genug.
Und als ich zwanzig Jahre alt
Trieb mich ein sonderbares Grauen
Man nennt es Liebe, zu den Frauen:
Sie fanden, ich sei ungestalt.
Ein Heimatloser nahm ich Sold
Und liess mich für den König werben,
Ich wollte dort im Kriege sterben:
Der Tod, er hat mich nicht gewollt.
O lebe ich zu früh, zu spät?
Was soll ich in der Welt beginnen?
Mein Alles muss in Pein verrinnen;
O sprecht für Kaspar ein Gebet!
Aus: Baudelaire und Verlaine. Gedichte . Übertragen und eingeleitet von Paul Wiegler. Berlin 1900
Das Original
Gaspard Hauser chante :
Je suis venu, calme orphelin,
Riche de mes seuls yeux tranquilles,
Vers les hommes des grandes villes :
Ils ne m'ont pas trouvé malin.
À vingt ans un trouble nouveau,
Sous le nom d'amoureuses flammes
M'a fait trouver belles les femmes :
Elles ne m'ont pas trouvé beau.
Bien que sans patrie et sans roi
Et très brave ne l'étant guère,
J'ai voulu mourir à la guerre :
La mort n'a pas voulu de moi.
Suis-je né trop tôt ou trop tard ?
Qu'est-ce que je fais en ce monde ?
Ô vous tous, ma peine est profonde :
Priez pour le pauvre Gaspard !
73 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Doris Runge
(* 15. Juli 1943 in Carlow)
natürlich
könnte ich vorher
das handtuch
werfen
den löffel
abgeben
bei sinnen
und nicht gefundenem sinn
das tafelsilber entsorgen
mit oder ohne segen
das weltliche segnen
ohne reue ohne trost
natürlich
werde ich weitergehen
wenn die füße
den dienst versagen
erfindet der kopf
die gängigen
prothesen
Aus: Doris Runge, zwischen tür und engel. Gesammelte Gedichte. Gesammelt und mit einem Nachwort von Heinrich Detering. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 93
226 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Paul Éluard
(* 14. Dezember 1895 in Saint-Denis bei Paris; † 18. November 1952 in Charenton-le-Pont bei Paris)
Das Wort
Ich bin von müheloser Schönheit und das ist gut.
Ich gleite über das Dach der Winde
Ich gleite über das Dach der Meere
Ich bin empfindsam geworden
Ich kenne den Lenker nicht mehr
Ich bin reglos Seide über dem Eis
Ich bin kränklich Blumen und Kiesel
Ich liebe das Seltsamste bis in den Himmel
Ich liebe die Nackteste verirrt wie ein Vogel
Ich bin gealtert aber hier bin ich schön
Und der sinkende Schatten aus tiefen Fenstern
Verschont jeden Abend das schwarze Herz meiner Augen.
Aus dem Französischen von Gerd Henniger, aus: Paul Éluard: Schwestern der Hoffnung. Ausgewählte Gedichte. München: dtv, 1973, S. 19. Das Gedicht stammt aus dem Band „Répetitions“ (Wiederholungen), 1922.
LA PAROLE
J´ai la beauté facile et c’est heureux.
Je glisse sur le toit des vents
Je glisse sur le toit des mers
Je suis devenue sentimentale
Je ne connais plus le conducteur
Je ne bouge plus soie sur les glaces
Je suis malade fleurs et cailloux
J’aime le plus chinois aux nues
J’aime la plus nue aux écarts d’oiseau
Je suis vieille mais ici je suis belle
Et l’ombre qui descend des fenêtres profondes
Epargne chaque soir le cœur noir de mes yeux.
Aus: Paul Éluard: Répetitions. Dessins de Max Ernst. Paris: Au sans pareil, 1922, S. 17
Neueste Kommentare