Gegengift

Überhaupt werden sich Germanisten schwer tun, Uwe Kolbe zu fassen. Er entzieht sich gängigen Kategorisierungs-Versuchen. Früher war er ein deutscher Autor, mit deutschen Themen. Er war ein Teil der Geschichte, der Stellung bezog zu deutschen Verhältnissen. Jetzt ist Kolbe schwieriger zu verorten. Er ist zu einer frei schwebenden Existenz geworden, die allenfalls in Szenen einer Kindheit und Jugend eingebunden ist in den größeren Zusammenhang einer Gesellschaft.

Ziemlich verloren steht er da, dieser Dichter, der aus seiner Ratlosigkeit keinen Hehl macht. Viel mehr als sich und seine Sprache hat er nicht, um vorzustoßen in die Geheimnisse der Existenz. Wer auf Antworten aus ist, weil er Orientierung sucht in der verworrenen Welt, muss sich woanders umsehen. Wer erfahren möchte, wie jemand Worte dafür sucht, dass er aus der Welt gefallen ist, findet in Uwe Kolbe einen Kumpanen im Zweifel. Seine Lyrik ist Gegengift zum Geist der Zeit. /Anton Thuswaldner, FR 6.6.02

Uwe Kolbe : Die Farben des Wassers. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, 79 Seiten, 14,80 .

Hätten Sie´s gewußt?

Alles was Sie wissen müssen, um mitzureden. Heute: Sonnyboy

Supermarkt
heißkalt

Lyrik goes Drama: Karin Beiers Urinszenierung von Albert Ostermaiers „99 Grad“ in den Münchner Kammerspielen
Dass man versucht wäre, den Mann fast mal zu verteidigen, wer hätte das gedacht? Der Sonnyboy der Lyrik und der Feuilletons, der meistgespielte deutschsprachige Autor dieser Saison hat einen Text geschrieben, der so sehr Theatertext ist, wie ihn ein Wortedrechsler und Episoden-Jonglierer nur eben zu schreiben vermag. / taz 5.6.02

– Fürwahr selbst eine Perle der Wortedrechslerei von der Überschrift über die versammelten Reklameschlagworte und so Halbsatz für Halbsatz weiter. Lesen Sie mehr neue Wörter (Vertheaterung, Versupermarktisierung…) – (Auch nicht schlecht: Urinszene.)

„Die unbefleckte Empfängnis“

ist vor einem halben Jahr in einer zweisprachigen Ausgabe herausgekommen. Veröffentlicht hat das Gedicht der kleine, kaum bekannte „Verlag im Wald“ (in 98435 Doenning), der für diese Tat ungewöhnliches Lob verdient. Denn die Ausgabe rechnet sich in gar keinem Fall, nicht in Jahrzehnten, und höchstwahrscheinlich, in unseren hohen Zeiten angeblicher Synergien, wird von dem tollkühnen Kleinstverlag bald kaum noch eine Spur zu sehen sein. Aber, pathetisch gesagt: Solange es Menschen wie den Verleger Rüdiger Fischer gibt, kann die Erde kein völlig unbewohnbarer Platz sein. / Michael Meyers, Die Gazette 4.6.02

Pierre Garnier
L’immaculée conception (Litanie) / Die unbefleckte Empfängnis (Litanei)
201 Seiten, kartoniert
Übersetzung Rüdiger Fischer
Éditions En Forêt / Verlag im Wald, Doenning 2001
€ 15,–

Männer mögen Gedichte.

Männer mögen’s darin schwer. Männer haben Träume. Männer borgen sich einen, zur Not. Männer bebildern wortschwallig ihr Innerstes im Äußeren ab. Durs Grünbein ist einer von ihnen.

schreibt Klaus Hübner im Titel -Magazin ( Juni 2002) und empfiehlt

daher, den einundneunziger Grünbein zu lesen: „Schädelbasislektion“. Da sezierte er ohne italienischen Beigeschmack.

Durs Grünbein: Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen.
Durs Grünbein: Erklärte Nacht. Gedichte.
Suhrkamp Verlag. 2002.
Gebunden. 151 Seiten. € 18
ISBN 3518413058

Poems of Psychoanalysis and Fire

In der New York Times *) v. 3.6.02 berichtet die Autorin Diane Ackerman über die Entstehung ihrer „Poems of Psychoanalysis and Fire“.

„Psychotherapy and lyrical poetry address many of the same issues,“ Diane Ackerman says. „The two overlap in companionable places.“

britischer Hofpoet

In der Süddeutschen vom 3.6.02 stellt Joachim Sartorius ein Gedicht des russischen Dichters Vitali Kalpidi vor. – Die FAZ druckt am gleichen Tag ein Gedicht des britischen Hofpoeten Andrew Motion zum königlichen Jubiläum. Hier aus dem Guardian ein anderes amtliches Gedicht Motions:

‚You helped give a shape to slipstreaming time‘
An elegy on the death of HM Queen Elizabeth the Queen Mother, by Andrew Motion , the poet laureate

Alles verstanden

Bislang sind von ihm [Oswald Egger ] zehn Bücher erschienen, zuletzt „Nichts, das ist“ in der Edition Suhrkamp. In diesem Titel ist für ihn der Sinn von Gedichten im Allgemeinen und der seiner im Besonderen ausgedrückt. „Ich glaube das nicht, wenn die Leute sagen, dass sie meine Gedichte nicht verstehen. Ich glaube im Gegenteil, dass sie alles verstanden haben.“ / Neuß-Grevenbroicher Zeitung 3.6.02

Adam Zagajewski

Thüringer Allgemeine im Gespräch mit Adam Zagajewski , *2.6.02

Dharma Bum: Gary Snyder

«Einen glücklichen kleinen Weisen» nannte ihn Jack Kerouac 1958 in «The Dharma Bums» und porträtierte ihn darin als Japhy Ryder: als ernsthaften Zen-Schüler, der sich dem Studium chinesischer Gedichte widmet, als naturverbundenen Bergsteiger, der alles über Bäume und Pflanzen wissen will. «Eine Million Formen – schau in jedes Biologiebuch», rät Snyder in einem Gedicht. Sein Credo formulierte er in dem Band «Turtle Island», für den er 1975 den Pulitzer-Preis erhielt und der in den USA noch heute zu den meistverkauften Gedichtbänden zählt: «For the protection of all beings.» Wenn man Snyders geomorphologische Ökopoesie betrachtet, lernt man die heitere Ernsthaftigkeit, mit der er diesem hohen Anspruch dient, respektieren, schätzen. / Neue Zürcher Zeitung , 1. Juni 2002

Gary Snyder : Aus der Spur. Aus dem Amerikanischen von Sibylle Klefinghaus und Ralf Zühlke. Stadtlichter-Presse, Berlin 2001. 144 S., Fr. 28.-.syn

Surrealismus-Ausstellung in Paris

Das 1920 erschienene Buch «Champs magnétiques» (dt. «Magnetfelder», 1981, eine Mischung aus Prosatexten, Aphorismen und Lyrik) läutet die neue Bewegung ein und wird von Aragon enthusiastisch gefeiert. «So tauchte dieses unvergleichliche Buch am Morgen des Jahrhunderts auf, in dem die ganze Geschichte der Schreibweisen umgewälzt wird … das Buch, womit alles beginnt.» In diesem Sinne setzt die Ausstellung im Centre Pompidou mit Werken von de Chirico und der Originalausgabe der «Champs magnétiques» von André Breton und Philippe Soupault ein und bildet bis zum letzten Saal, dem Saal der nach Amerika emigrierten Künstler, einen chronologischen Parcours von Dialog und poetischem Spiel. / Landbote 1.6.02

GrIStuF 98,1 Festivalradio (viel Musik & gar nicht wenig Lyrik)

Vom 31.5. – 11.6.02 24 Stunden Radio aus Greifswald (vom Internationalen Studentenfestival GrIStuF)
Im Raum Greifswald auf UKW 98,1 MHz
Oder als Livestream auf: http://www.kunstcontainer.de/

Jede Nacht ab 23 Uhr Wortsendungen mit diesen Themen:

31.05. O – Ton Pathos- Rex Joswig

01.06. Beat. Eine jazz – unterfütterte Odyssee durch die amerikanischen 20er – 50er Jahre feat. Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Neal Cassady

02.06. Weltende. Gegen den „fauligen gereimten Geist Deutschlands“ – expressionistische Dichtung

03.06. „Ach, wenn es mich doch gruselte!“. Grauenhaften, Grausames und Grässliches aus dem Albtraumland

04.06. Russischer Futurismus – Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack. Zu Velimir Chlebnikow, Wladimir Majakowski und anderen Wortschöpfern der russischen Avantgarde.

05.06. Abriss und Zerfall. Der DDR – Underground der 80er Jahre in Greifswald

06.06. ‚Junky‘ special (Burroughs)

07.06. Je t’aime. Versautes und Verdorbenes

08.06. „Männer kommen vom Jupiter – Frauen auch“. Hörspiel – Eine Eigenproduktion

09.06. Pop `n` Poetry. Zum Wechselverhältnis von songs & lyrics quer durch die Rock – u. Popgeschichte

10.06. Wiecker Bote. Geschichte und Geschichten einer Greifswalder Literaturzeitschrift von den expressionistischen Anfängen bis zur Gegenwart

11.06. Muspilli Spezial. Ein Weltuntergangstext von Bert Papenfuß in musikalischen Versionen von Tarwater, Muchtmaschine, Rex Joswig und Underwater Agents.

Für die Dichtung folgenreich war beides:

Hölderlin liebte in Kassel Susette Gontard – Gottfried Benn goss Astrid Claes Tee ein

Die Redewendung „Ab nach Kassel!“ galt bislang nicht als Chiffre für ein geheimes Stelldichein. Man wird in dieser Hinsicht vielleicht umdenken müssen. Schuld daran sind die diskreten Amouren zweier Dichter. Beide stammten aus protestantischen Pfarrhäusern. Der eine konnte nichts vom andern wissen, der andere mochte vom einen partout nicht viel halten. Denn unter den Dingen, die der späte Gottfried Benn für „schlimm“ erklärte, gehört – nächst der peinigenden Vorstellung, „bei Hitze ein Bier (zu) sehn, das man nicht bezahlen kann“ – auch die Not, „einen neuen Gedanken (zu) haben, den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann, wie es die Professoren tun“. Was man als Spitze gegen Professoren, aber auch als Unfreundlichkeit gegenüber Hölderlin auffassen muss. / Mehr in der FR vom 1.6.02

Radio- bzw. Fernsehtips

 

  • Lyrik in HörenSagen jeden Sonntag • 11:15 DLR
  • Lesezeit • „…las im Deutschlandfunk“ (Teil 6): Helmut Heißenbüttel Mi 5.6.02 20.30 DLF
  • Di 18.6.02 9.30 – BR alpha – Rückblende: Vor 70 Jahren vorgestellt – Die „Ursonate“ von Kurt Schwitters
  • Crashing Aeroplanes. A: Andreas Ammer und FM Einheit, Fr 21.6.02 0.05 DLR
  • Fr., 21.6.2002:

„Mein Wald, mein Leben“
Leben und Werk der Dichterin Emerenz Meier
A: Katrin Fritsch
DLF 2002

Marcel Beyer

SWR-Bestenliste Juni 2002

Persönliche Empfehlung von Hubert Winkels
MARCEL BEYER: Erdkunde
Gedichte. DuMont Verlag, 16,90 Euro

Bardinale in Dresden

Auch für die kolumbianische Lyrikerin Angela Garcia , die heute in Malmö / Schweden lebt und dort ein Lyrikfestival ausrichtet, spielen die Überlieferungen ihrer Altvorderen eine große Rolle. Leben mit und aus der Kraft der Tradition es scheint der geheime Leitfaden des Festvials zu sein.
Aus Weissagungen und indianischen Schöpfungsmythen speisen sich die Gedichte Angela Garcias: „Die Apokalypse wird gestrickt / zwischen ruhigen Tagen und Stürmen“, konstatiert sie mit Blick auf lateinamerikanische Alltagserfahrungen. Unruhig geht es auch in manchen Gedichten der russischen Autorin Olga Martynowa zu: Sirenen heulen, Hyänen und seltsame Nachttiere wandern umher. Ein äußerst belebtes Universum begegnet uns in den lang ausschwingenden Versen dieser Dichterin. Das kann schön und unheimlich zugleich sein, wenn sie etwa schreibt: „Es wird dunkel. Die Weinbergschnecken flüchten vor den Pfannen.“ Martynowa imaginiert in ihren Texten immer wieder St.Petersburg, die Stadt ihrer Kindheit, die sie als hochmütig, aber auch als „betrunken, gutmütig, abgeschabt“ in ihrer Erinnerung bewahrt. „Brief an die Zypressen“ heisst ihr erster auf Deutsch erschienener Gedichtband, und der ist eine Entdeckung. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 31.5.02**

4. Juni, 21 Uhr Buchhandlung LeseZeichen, Lesung Hauke Hückstädt; 21 Uhr Konzert mit AMP
5. Juni, 20 Uhr Eröffnung mit Poets on the Road, Noize Creator und Enzym
6 Juni, 10 Uhr Kästner-Museum Wettlesen der 5. Klassen mit Jaromir Konecny ; 15 Uhr Lyrikwettbewerb der 10. und 11. Klassen; 20 Uhr Bardinale-Talk, 22 Uhr Groovy Galaxy
7. Juni, 20 Uhr Breakdance-Intro, 5 geladene Slammer, 7 Slammer aus dem Publikum; 23 Uhr, 35007 (Loose)
8. Juni, 14 Uhr Lesung um den Lyrikpreis: Cornelia Schmerle, Tina Stroheker, Hendrik Rost, Jan Wagner Nada Cvancarova, Martin J. Stöhr, Pavl Petr, Pavel Kolmacka Gerald Fiebig ; 20 Uhr Preisverleihung; 22 Uhr The Jack Brothers
9. Juni, 20 Uhr Abschlusskonzert mit Yat-Kha wo nicht anders vermerkt, in der Scheune