Vergessen

Franz Kugler 

(* 18. Januar 1808 in Stettin; † 18. März 1858 in Berlin)

An einen vergessenen Dichter

Sprich, warum stets du mir erscheinst,
Du armes, altermüdes Haupt?
Mich dünkt, fürwahr! du warest einst
Von grünem Lorbeer dicht umlaubt.

Wohl schwand des Frühlings Licht und Glanz,
Wohl hat gebrannt der Sommer heiß,
's ist Winter nun! und von dem Kranz
Blieb nur ein dürres Dornenreis.

Dein Name, als ein Knab' ich war,
Erklang in hellem, vollem Ton;
Wer heut ihn nennt, — er thut es gar
Kaum anders als mit bitterm Hohn.

Vergessen haben sie, — es flieht
Ihr Geist vor Bildern, die so werth, —
Vergessen, wie dein holdes Lied
Der Liebe Sprache sie gelehrt;

Vergessen, wie im heil'gen Streit
Die Brust bei deinem Liede schwoll;
Vergessen, wie im tiefsten Leid
Die Tröstung deinem Lied entquoll.

Doch wo noch Treu' im Herzen ist,
Blüht fort auch deines Namens Preis:
Und wenn du einst begraben bist,
Treibt neuen Sproß dein Lorbeerreis! 

Aus: Franz Kugler: Gedichte. Stuttgart: Cotta, 1840, S. 158f

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