Travestierter Horaz

Heute vor 108 Jahren starb Christian Morgenstern (zu seinem 150. Geburtstag im vorigen Jahr gab es hier ein Jubelfest als L&Poe Journal #01). Zum heutigen Todestag jubeln wir nicht, doch darf man bei einem 151jährigen wohl auch mal scherzen. Hier die erste Ode von Morgensterns Horaztravestie Horatius Travestitus, die er 1897 veröffentlichte.

Hoher Protektor und Freund,  Edler von Gönnersheim,   
was doch alles der Mensch  auf seiner Erde treibt! ...    
Dieser fegt auf dem Rad  über die Rennbahn, und    
platzt der Gummischlauch nicht,  geht er zuerst durchs Ziel.   
    
Welcher Tag für den Mann,  wenn ihm das Comité    
die Medaille verleiht,  Meisterschaft zuerkennt!    
Jenen wieder erfreut's,  wenn ihn der Wähler Schar    
an das berühmte Büfett  unseres Reichstags schickt.    
    
Andre, wenn der Kaffee  prompt aus Brasilien kommt,   
Sack an Sack imposant  in ihren Speichern steht.    
Der Agrarier, der  jammernd sein Land bestellt,    
tauscht dir dennoch den Pflug  mit der Couponscher' nicht,   
    
noch verlockst du ihn leicht,  daß einem Dampfer er    
sich zur Überfahrt nach  Mexiko anvertrau.    
Sieh den Kaufmann! Er schimpft  auf Kolonialpolitik,    
wird Lokalpatriot,  gründet Bazars und Klubs,   

aber bald wieder doch  rüstet mit Schnaps und Blei    
neue Schiffe er nach  Togo und Kamerun.    
N. N. schmollt, wie du weißt,  perlenden Sekten nicht,    
noch auch, wenn ein Gelag  früh im Kaffeehaus schließt;    
    
Sommers stärkt er sich dann  durch eine Sprudelkur    
oder reist nach Tirol  oder nach Helgoland.    
Andere wieder sind mit  Leib und Seel Militärs,    
schmähn das faule Zivil,  dem jeder Schuß ein Greul.    
    
Und wer jagt von Beruf  oder aus Waidlust nur:    
Dessen Hitze vergißt  Weibchen und Kinder oft,    
wenn sich etwan ein Hirsch  in seinen Forst verläuft,   
oder Wild- oder Holz-  Diebe zu fangen sind.    
    
Mich – der ja, wie du weißt,  all diesem Treiben fern, -    
reiht mein Sammetbarett  göttlicherm Kreise an,    
trennt vom Trubel der Welt  meiner vier Wände Heim,    
zarter Träume ein Schloß,  klingend von Scherz und Kuß.    
    
Bleibt die Muse nur treu,  rundlich der Pegasus,    
deine Schatulle mein Hort,  Glück meiner Wege Stern,    
sprich gelassen es aus:  oh, welch ein Lyriker!    
Und vom Himmel herab  nick ich, ein Gott zu dir 

Das Gedicht von Horaz ist eine asklepiadeische Ode – Morgensterns Parodie bildet das Versmaß nach, so gut es eben auf Deutsch ging:

Maecenas, atavis  edite regibus,  

Morgenstern macht daraus:

Hoher Protektor und Freund,  Edler von Gönnersheim,  

Die wörtliche Übersetzung:

Maecenas, alter Könige Sohn

Auch das extreme Strophenenjambement (das Herüberziehen von Sätzen in die nächste Strophe) ließ sich gut nachbilden. Hier die ersten 7 Strophen des Originals (die 7. ist die erste Strophe, die mit einem Punkt endet), darunter die wörtliche Übersetzung dieser 7 Strophen von der famosen Seite 12koerbe.de des Hans Zimmermann, Görlitz) :

Maecenas, atavis  edite regibus,   
O et praesidi' et  dulce decus meum:   
Sunt quos curriculo  pulver' Olympicum   
collegisse iuvat;  metaque fervidis   
    
evitata rotis  palmaque nobilis    
Terrarum dominos  evehit ad Deos.    
Hunc, si mobilium  turba Quiritium    
certat tergeminis  tollere honoribus;    
    
illum, si proprio  condidit horreo    
quidquid de Libycis  verritur areis.    
Gaudentem patrios  findere sarculo    
agros, Attalicis  condicionibus    
    
numquam demoveas,  ut trabe Cypria    
Myrtoum pavidus  nauta secet mare.    
Luctant' Icariis  fluctibus Africum    
mercator metuens,  oti' et oppidi    
    
laudat rura sui:  mox reficit rates    
quassas, indocilis  pauperiem pati.    
Est qui nec veteris  pocula Massici,    
nec partem solido  demere de die    
    
spernit; nunc viridi  membra sub arbuto    
stratus, nunc ad aquae  lene caput sacrae.    
Multos castra iuvat,  et lituo tubae    
permixtus sonitus,  bellaque matribus  

detestata. Manet  sub Jove frigido    
venator, tenerae  coniugis inmemor;    
seu visast catulis  cerva fidelibus,    
seu rupit teretes  Marsus aper plagas. 
Maecenas, alter Könige Sohn,     
o du mein Schutz und meine beglückende Zierde:      
Manche gibt's, die mit dem Rennwagen olympischen Staub      
aufzuschürfen erfreut; die die Wendesäule, mit glühenden      
      
Rädern vermieden, und der adelnde Palmzweig      
als Herren der Erde hinauffährt zu den Göttern.      
Den auch, wenn der unruhigen Römer Schar      
streitet, ihn zur dreifachen Ämterehre zu erheben;      
      
und jenen, wenn er in eigener Scheune anhäuft      
was von libyschen Tennen gefegt wird.      
Den, der sich daran freut, daheim mit der Hacke zu furchen      
den Acker, – selbst mit den Traumbedingungen des Attalos      
       
kannst du den nimmer bewegen, auf zyprischem Boot      
als verzagter Schiffer myrtoische Wogen zu schneiden.     
Der den mit ikarischen Fluten ringenden afrikanischen Sturm     
fürchtende Kaufmann, –  die Muße und der Heimatstadt   
     
Felder lobt der: repariert bald die Planken,      
die lädierten, unbelehrbar, Armut zu ertragen.      
Es gibt den, der weder die Becher alten Massikerweins      
noch einen Teil vom festgefügten Tagesablauf wegzunehmen      
      
verschmäht; bald die Glieder unter grünem Erdbeerbaum      
ausgestreckt, bald am sanften Quell heiligen Wassers.      
Viele erfreut das Militärlager und der mit Zinken      
vermischte Trompetenklang und Krieg, der von den Müttern      
       
verfluchte. Es verbleibt im kalten Wetter     
der Jäger, indem er seine zärtliche Gattin vergißt;      
sei es, daß seine munteren Hunde eine Hirschkuh erblickten,      
sei es, daß ein Marsischer Eber die gewundenen Netze zerriß.      

Quelle (außer für die wörtliche Übersetzung):

Christian Morgenstern, Horatius Travestitus. Ein Studentenscherz mit einem Anhang: Aus dem Nachlaß des Horaz. München: Piper, o. J., 6. Auflage, 11.-12. Tsd.

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