Ein bayrischer Tyrtaios?

Heute vor 300 Jahren wurde Matthias Ettenhuber (oder Mathias Etenhueber) in München geboren, er starb ebendort 1782. Er war (130 Jahre zu spät) ein geschickter lateinischer Dichter, unter dem Einfluß von Dichtern wie Klopstock und Gellert ging er zum Deutschen über. Er machte sich einen Namen, die Kaiserin Maria Theresia verlieh eine goldene Ehrenmedaille, er wurde Hofpoet (unbezahlter). Dann sank sein Stern, er schlug sich mit Gedichten über Hinrichtungen für Wochenblätter durch. Man hält ihn für das Vorbild von Spitzbergs armem Poeten. Seine Gelegenheitsgedichte in Alexandrinern sind nicht state of the art. Kein Klopstock noch Gellert, zu schweigen von Schubart oder den Neutönern Goethe und Lenz. Auf mich wirkt er wie im falschen Jahrhundert geboren (oder im falschen Landstrich oder beides). – Gibts heute in Bayern eine Feier?

Hier ein paar Strophen aus einem Gedicht, für das er sogar ins Gefängnis kam, weil es als „regierungskritisch“ empfunden wurde. Darin beklagt sich das arme Bayern beim undankbaren Österreich.

Vor der Leseprobe ein Zitat aus einem Nachruf

„Er wurde vielleicht zum Dichter geboren, blieb aber, von seinem Zeitalter und seinem Schicksal, das unser ganzes Mitleid verdient, niedergedrückt, meistens nur Versemacher, deren er weit über hunderttausend geliefert hat. […] Zuletzt war er (nicht zu unserm Ruhm) ein Gegenstand der Dürftigkeit und des einzigen Mitleids. […] Dennoch gehören seine Schriften in die Literaturgeschichte – als Werke, die gefallen haben.“

– Nachruf von Lorenz von Westenrieder (aus: Wikipedia)

Aus: Das sich beschwerende Baiern. In einer Ode.

So lang der Baier wird gebraucht, 
   heißt es: der brave Mann!
ist einmal die Gefahr verraucht,
   schaut ihn kein Hund mehr an. 
sein Blut, sein Schweiß, Müh, Geld, und Treu 
   sind in der Noth wie Gold, 
nach dieser aber Stein , und Bley , 
   der Undank ist sein Sold.

Da spricht der aufgeblaßne Pfau:
   ( der Ausdruck fällt mir schwer: ) 
such deinen Stall du bair'sche Sau ! 
   man braucht dich jetzt nicht mehr.  
Renn fort zu deinen Eichelnschmauß, 
   und wasche dir mit Bier
den vollgestampften Magen aus,
   dein Bleiben ist nicht hier. 

Was hast den denn bey mir zu thun,
   du ungebethner Gast ? 
gelüstet dich der Würste nun , 
   und meiner Schweine Mast ? 
o laß dir doch den Appetit 
   auf eine Zeit vergeh'n!
sonst dörfte wohl dein kühner Schritt
   zu letzt auf Krücken geh'n. 

Wie oder schmeckt das bair'sche Brod 
   dir gar so treflich wohl ? 
gesegne dir’s der liebe Gott 
   Iß dich dran satt, und voll! 
doch sag ich dir's in's Angesicht, 
   hast du einmal genug; 
laß dich begnügen , fordre nicht 
   den Acker sammt dem Pflug!

Jetzt steckt das Schwerdt noch in der Scheid: 
   geh , Schwester ! geh in dich ! 
sehr kurz ist die Bedenkenszeit: 
   es blitzt schon fürchterlich. 
Der Sieg ist allzeit ungewiß, 
   spar deiner Völker Blut ! 
doch bleibet nichts so wahr, als dieß,
   Der Undank thut kein Gut. 

Das Gedicht erschien 1778 anonym.

One Comment on “Ein bayrischer Tyrtaios?

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: