Ganz anders, nein so, nein, noch ganz anders

Daniil Charms, ein russischer Schriftsteller, kraft seiner Lebensdaten auch ein sowjetischer. Er war ein Avantgardist zu der Zeit, als die Avantgarde in der Sowjetunion und bald auch in Deutschland abgewickelt wurde. 1927 gründete er mit Freunden die Künstlervereinigung OBERIU, ausgeschrieben auf Deutsch „Vereinigung der Realen Kunst“. (Ja, die Realpoesie wurde nicht von den Herren N.N. und O.O. in der Bundesrepublik Deutschland begründet!). 1931 wurde OBERIU für staatsfeindlich erklärt und verboten. 1932 wurde er wegen „Beteiligung an einer antisowjetischen illegalen Vereinigung von Literaten“ zu drei Jahren Verbannung verurteilt. Er konnte vorzeitig nach Leningrad zurückkehren. Ab 1937 wurde er erneut wegen seiner Gedichte politisch angegriffen. Freunde verschwanden im Lager, wurden erschossen. Charms wurde 1941 verhaftet, als Defätist und Staatsfeind, aber für geisteskrank erklärt und zur „Zwangsheilung“ in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo er während der deutschen Blockade wahrscheinlich verhungerte. – In Wikipedia steht über ihn: „Er gehört zu den Schriftstellern, deren Werk sich ohne Kenntnis seiner Lebensumstände nur schwer erschließen lässt.“ Mit Verlaub, was für ein Unsinn. Sein trauriges Schicksal mag uns die Geschichte erklären, wenn wir sie wissen wollen. Zum Verstehen seiner absurden Poesie braucht man sie nicht. Lesen Sie selbst.

Daniil Charms 

(Даниил Хармс; * 17. Dezember jul. / 30. Dezember 1905 greg. in Sankt Petersburg, Russisches Reich; † 2. Februar 1942 in Leningrad, Sowjetunion) 

Traum zweier schwarzhaariger Damen

Zwei Damen schlafen, nein, ganz anders, 
sie schlafen nicht, nein, noch ganz anders, 
klar schlafen sie und sehn im Traum,
ihr Freund Ivan betritt den Raum, 
ihm folgt der Hauswart ohne Scheu, 
und er trägt einen Band Tolstoj, 
ja, »Krieg und Frieden«, zweiter Teil... 
Nein, es war so und noch ganz anders, 
Tolstoj tritt ein, schon ohne Mantel, 
Galoschen, Stiefel zieht er aus, 
dann ruft er: Vanja, hilf mir raus!
Da greift Ivan zur Axt und Krach!
haut er Tolstoj mit Macht auf den Kopf. 
Tolstoj fällt um. 0 Weh und Ach!
Die ganze russische Literatur im Nachttopf.

19. Aug. 1936

Deutsch von Peter Urban, aus: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 144

Von diesem Gedicht gibt es auch eine Nachdichtung von Alexander Nitzberg, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte (Charms, Werke, Bd. 2). Berlin: Galiani, 2010, S. 52.

Даниил Хармс

Сон двух черномазых дам

Две дамы спят, а впрочем нет,
не спят они, а впрочем нет,
конечно спят и видят сон,
как будто в дверь вошел Иван,
а за Иваном управдом,
держа в руках Толстого том
«Война и мир», вторая часть…
А впрочем нет, совсем не то,
вошёл Толстой и снял пальто,
калоши снял и сапоги
и крикнул: Ванька, помоги!
Тогда Иван схватил топор
и трах Толстого по башке.
Толстой упал. Какой позор!
И вся литература русская в ночном горшке.

19 августа 1936

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