Verwandlung

29. Oktober 1937: Nacht der ermordeten weißrussischen und jiddischen Dichter *

160 Repräsentanten der weißrussischen literarischen und wissenschaftlichen Elite werden vom NKWD erschossen, die meisten in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober. Vorangegangen waren Listenerstellungen durch Stalin und die sowjetische Führung. Nach Stalins Tod wurden sie rehabilitiert. Die Angaben variieren bei einzelnen Autoren – der russische Wikipdiaartikel über einen dieser Erschossenen, Sjama Piwawarau, sagt, in der Nacht vom 28. zum 29.Oktober seien in Minsk 22 weißrussische und jüdische Schriftsteller Weißrußlands erschossen worden. Anscheinend war es tatsächlich die folgende Nacht. Unter den in dieser Nacht Erschossenen waren  der Literaturkritiker Jakau Branstein, der Schriftsteller Platon Halawatsch, die weißrussischen Dichter Ales Dudar, Todar Kljaschtorny, Jurka Ljawonny, Waleri Marakau (Маракоў), Sjargej Murso, Michas Tscharot und Sjama Piwawarau, der jiddische Schriftsteller Mosche Kulbak (Gedicht, Roman, Drama – anscheinend der einzige, der in Deutschland bekannt wurde) und die jiddischen Dichter Juli Taubin (יודל „יולי“ טאַוובין), Isi Charik, איזי כאַריק‏‎ und Aron Judelson; hinzu kommen zahlreiche Politiker, Wissenschaftler, Künstler usw. – offensichtlich der Versuch, die weißrussische Kultur und Identität auszurotten. Wann nehmen wir das zur Kenntnis? (Aus: Lyrikwiki) – Moische Kulbak sei „gestorben 1937“, sagt die deutsche Wikipedia immer noch, bitte mal ändern: Erschossen in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1937 (Vergleiche dort die Fassungen in anderen Sprachen). **

*) Als Nacht der ermordeten Dichter wird die Nacht vom 12. zum 13. August 1952 bezeichnet (Wikipedia)

**) Bella Szwarcman-Czarnota: Z Wilna do Ziemi Izraela. Midrasz (Warsaw), October 2007. p. 48. The article makes clear that Moyshe Kulbak was arrested in September 1937 and executed one month later. Even so, in many encyclopedia articles (similarly to the case of Isaac Babel) 1940 is given as the date of his death. (Wikipedia engl.)

Mosche Kulbak

(Moische, Moyshe, jiddisch משה קולבאַק‎, belarussisch Майсей (Мойша) Кульбак)

Geboren 20. März 1896 Smarhon / Smorgon, Belarus (Russisches Reich), erschossen 29. Oktober 1937 in oder bei Minsk

Verwandlung

Was ist Sterben, wenn wir sterben, 
s ist ein Spiel mit bunten Scherben, 
tauschbereit:
Freud für Grämen 
im Leben –
s ist ein Nehmen 
und Geben 
in der Zeit.

  

Deutsch von Hubert Witt, aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Leipzig. Reclam, 1993, S. 98 (5. veränd. Aufl. – im Bild daneben die 2. Aufl. von 1968)

Aus: Lider. Berlin: Klal-Verlag, 1922, S. 29 (neu hrsg. vom National Yiddish Book Center, Amherst, Mass.)

Aus einem Vortrag von Jürgen Rennert bei den Tagen der jiddischen Literatur 1990

(…) eine talmudische Sentenz: „Das Vergessen verzögert das Kommen des Messias, allein das Erinnern beschleunigt es.“ Bevor dieser letzte Abend der letzten von mir bislang mitgetragenen Tage der jiddischen Kultur seinen Fortgang nimmt, erlaube ich mir, vor ihren Ohren die unvollständige Namensliste jener Autoren und Publizisten auszubreiten, die von Stalin und seinen unzähligen Mitbürgern ermordet wurden. Wenn der Phönix moderner sowjetjiddischer Literatur je wieder auffliegt, wird er sich aus ihrer Asche erhoben haben:

Awrom Abtschuk (1887-1937), Schmuel Agursski (1884-1937), Lejb Abram (1896-unbekannt), Scho Alek (1888-1937), Selik Aksselrod (1904-1941), Elje Oscherowitsch (1879-1937), Dowid Bergelsson (1874-12. August 1952), Alexander Brachman (1897-1942), Jasche Bronschtejn (1906-1937), Hirsch Brill (1901-1937), Chajim Gildin (1884-1944), Sorech Grinberg (1887-unbekannt), Awrom Damessek (1893-1937), Mojsche Dubrowitzki (genaues Geburts- und Todesjahr unbekannt), Leon Duschman (1886-unbekannt), Chazkel Dunjetz (1896-1937), Schimen Diamantschejn (1888-1937), Chajim Halmschtok (1882-1942), Fajwl Halmschtok (1880-unbekannt), Dowid Hofschtejn (1882-12. August 1952), Am Wolobrinsski (1900-1937), Am Wajnschtejn (1877-1938), Binjomin Susskin (1899-12. August 1952), Herschl Shitz (1896-1953), Alexander Tschemerinsski (1880-1936), Jud Jachinsson (1887-1937), Arn Judelsson (1907-1937), Jankl Jankelewitsch (1904-1938), Isi Charik (1898-1937), Alexander Chaschin – das ist Zwi Awerbach – (1886-1939), Joissef Liberberg (1889-1937), Mojsche Litwakow (1879-1937), Sisskind Lew (1896-1937), Jankl Lewin (1882-1937), Michl Lewitan (1882-1937), Nochem Lewin (1907-1947), Dowid Matz (1902-unbekannt), Peretz Markisch (1895-12.August 1952), Daniel Marschak (1872-1937), Awrom Mereshin (1880-1937), Wolf Nadel (1897-1939), Jizchok Nussinow (1889-1950), Der Nisster – das ist Pinchas Kahanowitsch – (1884-1950), Henech Solowejtschik (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1936), Dowid-Ber Slutzki (1877-1955), Oskar Strelitz (1892-1937). Wolf-Hirsch Segalowitsch (1890-1937), Elje Spiwak (1890-12.August 1952), Ester Frumkina – das ist Malke Lifschitz – (1880-1938), Erik Makss – das ist Salmen Merkin – (1898-1937), Schmuel Perssow (1889-12. August 1952), Itzik Fefer (1900-12. August 1952), Zwi Fridland (1897-1936), Lejb Zart (Geburts- und Todesdatum unbekannt), Mojsche Kulbak (1896-1940). Lejb Kwitko (1890-12. August 1952), Motl Kiper (1869-1938), Schmuel Klitenik (1904-1940), Borech Koblenz (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1937). Benje Kapeljewitsch (1891-1941), Jojssef Rawin (1890-1937), Schlojme-Itsche Rawin (1892-1937), Salmen Ratner (1884-1938), Michail Rafalski (1889-1937), Herz Riwkin (1901-1951), Nochem Rubinschtejn (1902-1938), Chajim Schajewitsch (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1937), Salmen Schnejer-Okun (Geburtsjahr unbekannt, ermordet am 12. August 1952), Efroim Schprach (1890-1937). Sie seien zum Segen erinnert! Ich danke Ihnen.

Jürgen Rennert, 25. Januar 1990

Aus: „Doss lid is geblibn…“ 5. Tage der jiddischen Kultur 1991. Hrsg. Deutsche UNESCO-Kommission Bonn + Theater unterm Dach, Berlin.

One Comment on “Verwandlung

  1. Wenn wir sterben
    aus uns selber
    aus fremder Hand

    dann ist
    mit dem Tod
    das Ziel erreicht

    dann ists kein Tausch
    von Gram und Tränen

    der Freud
    mit den Lieben
    jene die im Jenseits

    die noch leben
    es war uns der Seele
    wirklich an der Zeit

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