Vortrefflichkeit der Küsse

Daniel Casper von Lohenstein

(* 25. Januar 1635 in Nimptsch; † 28. April 1683 in Breslau)

Die vortrefflichkeit der küsse

Auszüge

1.
Nectar und zucker und safftiger zimmet/
Perlen-thau/ honig und Jupiters safft/
Balsam/ der über der kohlen-glut glimmet/
Aller gewächse versammlete krafft/
Schmecket/ zu rechnen/ mehr bitter/ als süsse/
Gegen dem nectar der zuckernen küsse.

2.
Hyble wird gerne der blumichten brüste/
Rosen/ narcissen und liljen verschmähn/
Wird er die freuden-geschwängerte lüste
Zweyer sich küssender seelen ansehn.
Da sich stets honig einsammlende bienen
Finden um ihre geküßte rubinen.

3.
Marmel und kisel und eiserne wercke/
Diamant und unzerbrüchlicher stein/
Stählerne/ noch alabasterne stärcke/
Schliessen so feste/ wie küsse/ nichts ein.
Küsse verknüpffen mit nährenden flammen
Zwischen zwey lippen zwey hertzen zusammen.

4.
Schätzt ihr nicht küssende küsse für winde/
Welche nicht über den lippen-pfad gehn?
Meynet ihr/ münde beküssen nur münde?
Nimmermehr wirds euch die liebe gestehn.
Wisset/ ihr eiß-kaltgesinnete/ wisset/
Hier wird die küssende seele geküsset.

5.
Küsse bewurtzeln sich schwerlich so seuchte;
Meynen die lippen/ daß küssen nur rauch?
Lippen und mund zwar empfinden das feuchte/
Den mit der wärme verschwisterten hauch.
Aber die seele bekömmet das beste/
Von dem mit liebe beseeleten weste.

6.
Küsse sind schweigende reden der lippen/
Seuffzer der seelen und strahlen der gunst;
Welche von ihren corallenen klippen
Sämen ins hertze die qvelle der brunst;
Derer gebraucht sich der wütende schütze/
Daß er mit ihnen gemüther zerritze.

7.
O der unendlich-erqvickenden schmertzen/
Wenn man die küsse mit seuffzern vermengt!
Bald die lieb-äugelnden sternen und kertzen
Auff die geküsseten rosen versenckt/
Wenn sich gemüthe/ gedancken und leben
Haben auff äuserste lippen begeben.

8.
Lachet ihr lippen/ ihr pförtner des lachens/
Schöpffer der worte/ du perlerner mund/
Schieß-platz der liebe/ des feurigen drachens/
Köcher der pfeile/ durch die man wird wund.
Höle/ wo Cypripor wangen erröthet/
Hertzen uns stiehlet/ und seelen uns tödtet.

9.
Lippen/ die scharlach und rosen bedecken/
Welche der marmel der wangen umflicht/
Rühret von purpurnem schaume der schnecken
Euere göttliche lieblichkeit nicht?
Nein/ nein/ ihr habt euch in thränen und aschen/
Und in dem blute der buhler gewaschen.

10.
Erstlich zwar wolten die milchernen wangen
Geben an farbe dem munde nicht nach;
Aber seit purpur die milch hat umfangen/
Und das vor lauter- und schneerne dach
Ward von halbfarbichter röthe besämet/
Stehet die prahlende hoffart beschämet.

11.
Wo denn die blutige wärme der glieder
Selber der wagen der seelen soll seyn/
Auch sie sich nirgend nicht schöner läst nieder/
Als in der lippen beblümeten schein/
Kan man die seele gewisser nicht finden/
Als auff mit blute beseeleten münden.

12.
Prüfet man ferner der lippen ihr kosen/
Muß man gezwungen bekennen/ man schau
Säugende bienen/ und säugende rosen/
Winckende nelcken/ und tränckenden thau;
Die wohl mit thaue die lippen beküssen/
Aber nach anderen dürsten auch müssen.

13.
Zwar in der augen gestirntem gerüste
Wird die uns marternde liebe gezeugt.
In den bemilcheten liljen der brüste
Wird sie mit feuer und flammen gesäugt/
Biß sie mit reiffender saate wird gelbe/
Zwischen der schooß alabaster-gewölbe.

14.
Aber man kan sie mit keinerley kosen/
Als mit gepfropfeten früchten erziehn/
Auff den mit seelen geschwängerten rosen/
Wo das begeisterte küssen wird grün/
Soll mit der zeit sie mit feuer und blitzen/
Können metallene hertzen zuritzen.

15.
Denn wie wird können die seele der seelen/
Die uns entseelende liebe bestehn?
Wird auff der lippen rubinenen hölen
Ihr nicht die säugende nahrung auffgehn?
Denn auff den lippen entstehen und stertzen/
Leben und sterben/ die seelen und hertzen.

16.
Hier find die seele den tod und das leben/
Auffgang und untergang/ wiegen und grab.
Hier wird die glut ihr zur speise gegeben/
Und was sie nehret/ das zehret sie ab.
Gleichwie der Phönix von neuem auch lebet/
Wenn er sich zwischen die flammen begräbet.

17.
Küsset demnach/ ihr geküsseten/ küsset/
Küsse mit küssen verwechseln steht fein.
Glaubet/ ihr geber und nehmer/ man büsset
Nicht an der küssenden waare hier ein.
Würde sich wer/ als bevortheilt/ beschweren/
Der wird dem nehmer sie doppelt gewähren.

[…]

55.
Küsse mich/ hertze mich/ liebste/ von hertzen/
Treibe das friedsame kämpffen fein scharff/
Gönne/ daß ich diß erqvickende schertzen
Allemahl zehnmahl vergelten dir darff.
Billig verwechselt man süsse für süsse/
Zucker für zucker/ und küsse für küße.

56.
Wirstu diß also beständig nur treiben/
Werden wir beyde beseeliget seyn/
Du/ Roselinde/ wirst meine verbleiben/
Wie ich ingleichen auch bleiben muß dein.
Denn die verknüpffenden küsse sind kertzen
Liebender seelen/ und kochender hertzen.

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