Sag es wieder! Laß es geschehn!

Stephan Hermlin

(* 13. April 1915 in Chemnitz; † 6. April 1997 in Berlin)

Ballade nach zwei vergeblichen Sommern

Man friert in den großen Städten
An Pfosten klettert der Reif
Wenn die Kinder in den Schatten sich retten
In den Schatten in der Ratten Gekeif
Wo die seltsamen Stimmen wandern
Die Standarten der Tränen wehn
Begruben wir mit den andern
Zwei Sommer so laßt es geschehn!

Die Krähen hängen im Winde
An den Herzen wächst der Schorf
In Tiefen Blatt und Rinde
Verwittern in Mull und Torf
Doch knistert elektrisch die Stunde
Und die blassen Stimmen gehn
Unterm Schnee sprichts aus manchem Munde:
Sag es wieder! Laß es geschehn!

Die Straßen waren verlassen
Die Schatten vor den Füßen gestaut
Wir standen auf den Terrassen
Des Schreckens von der Tiefe umblaut
Auf den Terrassen verachtet
Von Schlägen gefleckt müßten wir stehn
Vom Brombeergesträuch umnachtet
Ließen die Toten alles geschehn

In den Kaschemmen der Städte
Wo man leiser zur Vesperzeit spricht
Wenn die letzte Zigarette
An der speichelnden Lippe verzischt
Stand man schief zwischen Türen
Und sah wie die Nebel sich drehn
Wie die Blicke der Spitzel spüren
Und die Taten der Nacht geschehn

Laßt sie wieder geschehn in den Gräben
Voll Wegerich und schwarzem Mohn
Wo Schreie gleich feurigen Stäben
An getürmten Kasernen lohn
Und splittern Herzen wie Blüten
In der Brust von Inez oder Madeleine
Die den Morgen der Zukunft behüten
Unvergleichliche! Laßt sie geschehn!

Schräg auf der unentschiednen
Straße lag der Sieg wie ein Stein
Unverrückt vor dem kaum vermiednen
Lächeln der Toten — Wein
Und Olive neigte dem Volke
Bei Huesca sich und Almaden
Wenn der Regen aus der Wolke
Verlangt: Laßt ihn geschehn!

Und die Männer aus Löwengruben
Gesichtslose Flammen Die Hand
Fühlte kalt in den armen Stuben
Das Gewehr hinter der Wand
Die wandelnden Wälder konnten
Bis zum Horizont nur die Leere sehn
Auf den feindlich besonnten
Plätzen beganns zu geschehn

Im blauen Abendstaube
Von Liedern und Tränen naß
Wo der Mond wie eine Taube
Uns links auf der Schulter saß
Partisanenchöre: Gewitter
Die fahl in den Wäldern stehn
Süß schmeckte das Brot und bitter
Erinnerung — Laßt es geschehn!

Grüne Blitze aus Oleander
Haben unsern Mittag entzückt
Wenn des Blutes schwarzer Mäander
Das Pflaster der Städte bestickt
Gekreuzigt von brüllenden Sonnen
Flogen Arme und Münder im Föhn
Der Revolten von Glorie umronnen
Laßt sie laßt sie wieder geschehn

Um die erloschenen Oefen
Brandet der Stille Geräusch
Die toten Tänzer in den Höfen
Hängen im Drahtgesträuch
Blinde Sonnen gespiegelt
In gestirnten Helmen stehn
Wo an der Oder und Elbe beflügelt
Die letzten Gefechte geschehn

Die Magier singen die neuen Lieder
Auf die alte Melodie
Die Nacht ist durchrauscht vom Gefieder
Unserer Agonie
Gaukler und Kartenschläger
Vertauschen auf den Märkten den
Gejagten mit dem Jäger
Und wir lassen es wieder geschehn

In den offenen Augen der Toten
Wächst nicht mehr der neue Tag
Unversehrt suchen schweifende Boten
Die Reste vom früheren Schlag
Doch der Reigen der Möglichkeiten
Hebt nächstens an sich zu drehn
Weil die Zeiten nicht weiterschreiten
Weil die Zeiger im Frost stillstehn.

12/4/1947

Aus: Ulenspiegel. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Satire. 1945-1950. Ausgewählt und herausgegeben von Herbert Sandberg und Günter Kunert. Berlin: Eulenspiegel, 1978, S. 80f

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