Wenngleich man verliebten Dichtern nicht aufs Wort trauen soll

Michael Gorlin

(Geboren 1909, Verließ Rußland 1919; ab 1922 in Berlin, 1933 zweite Emigration nach Paris, dort 1942 von den Deutschen deportiert)

WENNGLEICH MAN VERLIEBTEN DICHTERN NICHT AUFS WORT TRAUEN SOLL…

Wenngleich man verliebten Dichtern nicht aufs Wort trauen soll,
Ich weiß: es ist wirklich so gewesen.
Bucklig und krumm fielen – schien es – über­einander die Straßen des Ghetto,
Und auf dem Dachboden des fahlen gelben Hauses wohnte ich.
Man hielt mich für einen sehr begabten Kabbalisten.
Rabbi Nachum ben Joschia selbst auf der Reise durch unser Städtchen
Beehrte mich mit einem Gespräch über den Gehei­men Weg.
Ich erinnere mich: er hatte einen braunen, zer­schlissenen Kaftan an.
Und er erzählte, daß er den Raben des Propheten Elias begegnet sei.
Einmal in der engen Stille meines Zimmers (gelb leuchteten die Kerzen)
Tat ich Beschwörungen nach dem Buche Rasiel und sah dich plötzlich vor mir.
Ich wollte dich nicht hervorrufen, ich wußte nicht einmal, wer du warst.
Deine Augen waren wie ein paar Tauben – so steht es im Lied der Lieder –
Und deine Lippen eine Seidenschnur – so steht es ebenfalls dort.
Seitdem sind vielleicht dreihundert Jahre ver­gangen.
An einem Abend des XXten Jahrhunderts begeg­nete ich dir.
Ich wußte nichts weder von dir noch von dem Ghetto.
Ich war ein anfangender Dichter; ich verwechselte Traum und Wirklichkeiten,
Und ich las meine Gedichte nur gezwungen, weil ich fürchtete, daß man mich verlacht.
Es gibt Kommoden: man sucht, drückt nachlässig irgendwo,
Und plötzlich geht ein Fach auf, worin Briefe, Moneten und Staub.
So geschah es auch mir. Einmal waren wir zu­sammen;
Die Tischlampe leuchtete, wie eine Kerze, gelb, altertümlich und sanft.
Auf ging plötzlich von selbst das geheime Fach in den Tiefen,
Und ich sah das fahle Haus im Ghetto und sah, wie du mir erschienen
Und glaubte an dich, wie früher ich nur an Träume geglaubt.

Aus: Michael Gorlin, Märchen und Städte. Gedichte. Teil-Nachdruck der Erstausgabe von 1930. Aus dem Russischen von D. Mirajew. Nachwort Helmut Kreuzer, . S. 14f (Vergessene Autoren der Moderne X, Siegen 1985)

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