Jamsids Spiegelkelch

Şafak Sarıçiçeks Gedichtband hat von der ersten Zeile („Wolkenscheiben des Flusses treiben ins Land des Hafis“), ja eigentlich vom Titel an eine ausgesprochen west-östliche Ausrichtung. Kommen 200 Jahre nach Goethe Dichter, die Osten und Westen auf neue Weise zusammenführen? Man kann es so lesen. Eine frühe Kritik monierte zu viele „östliche Kostbarkeiten“ und mythische Namen, „verschiedenste und zu viele Urkulturen“. Meines Erachtens ein Mißverständnis, aber durchaus symptomatisch und nicht ohne Parallelen zur Rezeption von Goethes lyrischer Ost-Erweiterung. Lange kaum verstanden und noch weniger gekauft – 100 Jahre nach Erscheinen war die Erstausgabe des Diwan noch nicht vergriffen –, heute mitunter spiegelverkehrt von manchem Westler orientalistisch verklärt, während sein Verfasser von manchem Moslem und mancher Muslima zum Moslem erklärt wird, als wäre das alles, was sie suchen. Sitzt immer noch jeder auf seinem Pott?
Schon Goethe sah ja das Problem. Selbst Freunde begegneten den Proben aus seiner west-östlichen Produktion ratlos, und er ging soweit, den 150 Gedichtseiten zu „besserem Verständnis“ beinah doppelt soviel Seiten mit Erklärungen hinzuzufügen, mit dem bereits erwähnten traurigen Fakt der Unverkäuflichkeit. Aber wenden wir uns dem Buch des deutschen Dichters von heute zu.

Ich gestehe, ich hatte vor diesem kein Buch des Autors gelesen (Jamsids Spiegelkelch ist schon sein viertes). Ich war neugierig und wollte mich wieder an Lyrikkritik versuchen nach zu langer Abstinenz. Also warum nicht ganz was Neues?

Wenn etwas neu ist, hat man noch keinen Bezugsrahmen. Es rauscht vieles an uns vorbei, und warum nicht? Es gibt ja keinen Zwang, alles und jeden zu verstehen, gar noch „richtig“.

Es rauscht an uns vorbei oder zieht uns in den Bann. So ging es mir bald (in gewissem Sinn von der ersten Zeile an, weil ich mich viel mit Hafis beschäftigt habe). Man weiß nicht, worum es geht, es fehlt der Bezug. Aber stimmt das? Habe ich noch nie ein vorher unbekanntes Gedicht von unbekanntem Autor gelesen? Ist es nicht so, dass mich der Sog, in den das Buch mich fast von Anfang an und dann bei jedem Wiederlesen zog, an frühere, frühe Soge erinnert? Wie war das vor… tatsächlich, vor fünfeinhalb Jahrzehnten, als der Schüler meines Namens plötzlich anfing, Gedichte zu lesen, jedesmal ein neuer Autor, ein neuer Kontinent, rätselhaft beglückend, irritierend, konvulsivisch… Die Schönheit wird konvulsivisch sein, oder sie wird nicht sein. – Die Schule versuchte eine andere Leseart zu implantieren, apollinisch könnte ich sie nennen. Du musst verstehen, verstehen, richtig verstehen, vor allem richtig! Aber dann findest du bei Goethe: Du musst verstehn, aus eins mach zehn, und zwei lass gehn, und drei mach gleich, so bist du reich! (Ihr müsst nicht nachschlagen, ich zitiere aus dem Gedächtnis, stimmt so.) So, genau so ist es, Reichtum und Schönheit entstehen nur beim konvulsivischen Lesen, das andere, das Geradeauslesen bringt höchstens gute Noten. Was für beglückende Erinnerungen, wie es mich hineinriß in den Strudel, den Maelstrom, eine neue Welt bei jedem neuen Autor, neuen Buch. Süße Zeit, wo ich zum ersten Mal Heine las, süße Musik, liebliches Geläute, aber fragt mich nur nicht wie. Novalis und Eichendorff im Weißenfelser Stadtpark neben des einen Grab. Goethe, Brecht, Hölderlin, Bobrowski… (Letzteres war noch Gegenwartsliteratur, die Weißenfelser Stadtbibliothek in Novalis‘ Sterbehaus hatte dankenswerterweise zwei Gedichtbände von Bobrowski). Das waren ungefähr in der Reihenfolge die ersten. Viele kamen dazu, ich lese viele Arten von Gedichten, Hauptsache Sog, Hauptsache Musik (neue). Ich muss es zugeben, Hafis hat mich hineingelockt, ich habe erst mal nichts verstanden, aber war fasziniert:

Lager

Wolkenscheiben des Flusses treiben ins Land des Hafis.
Schatten des Abhangs knetet Kamele, knetet und knetet.
Ellenbogen und Rücken der Gebirgsgötter. Älteste Sprachen:
Dunst ihrer Abendpfeife. Dunst wabert wolkig. Verklebt Zwischenräume.

Wir sind vier Turbane. Sind der Wüstenumhang. Blicken
auf feuchtes Silber hinab. Mit ihm zu treiben zum Monarchen
Kaukasus. Als versunkene Blicke im Strömen oder
im Saufen der Kamelhöcker.

Vorhang aller Felshänge. Kleines Feuerlager. Zum
Mohnschlaf der Steinhalden ziehend: Der Turban.
Der Wüstenumhang. Abendschwingen eines Greifs.
Ihre Majestät entlässt Triumph und Schall.

(Jamsids Spiegelkelch S. 5)

Ich sehe zuerst Bilder (in diesem Gedicht; woanders im Buch sind es auch Klänge, die hineinlocken, oder noch anderes, man könnte es Tanz des Intellekts nennen). Wolkenscheiben des Flusses, ja. Sie „treiben“ am Himmel, auf dem Fluß, ja. Der Fluß heißt nicht Rhein, sondern vielleicht Aras, der fließt von der nordöstlichen Türkei nach Osten und bildet die Grenze zwischen Iran und seinen Nachbarländern Armenien und Aserbaidshan. Dort ist jetzt Krieg, aber die Wolken treiben frei. Sie treiben ins Land des Hafis. Das Verb „treiben“ evoziert eine Karawane, die auch sogleich auftaucht, Kamele, die Schatten des Abhangs streifen und „kneten“ die Kamele, es könnte der Abhang des Ararat sein, der tatsächlich nach Norden Schatten auf den Fluss wirft, Gebirgsgötter, älteste Sprachen: Babel im Süden, der Kaukasus im Norden sind etwa gleich weit entfernt, hier ist kein Krieg, eine mythische Gegend, geeignet, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten. Hafis was here, Goethe auf seiner Spur, und auch Hölderlin trieb es dem Kaukasos zu. Die Introduktion, ein Festkonzert in erhabener Gegend. West-östlich geht es hier zu. – Es bleibt nicht so feierlich-friedlich, aber das Einleitungsgedicht mutete mich so an.

Şafak Sarıçiçek, Jamsids Spiegelkelch. Gedichte. Dortmund: edition offenes feld, 2019

Liebe Leserinnen und Leser der Lyrikzeitung, das Obenstehende war die Einleitung meiner Kritik des Gedichtbands von Şafak Sarıçiçek. Sie wird ganz in einigen Wochen in der ersten Ausgabe eines neuen Formats der Lyrikzeitung erscheinen. L&Poe Journal soll es heißen, ein Magazin mit den drei Abschnitten: Neue Texte / Umschau & Kritik / TaBu. Vor allem aber freue ich mich auf die Gelegenheit, künftig zu tun, was in mehr als anderthalb Jahrzehnten Lyrikzeitung & Poetry News keinen Raum hatte. Die tägliche Kärrnerarbeit der Zeitungsnachrichten hinderte mich am Vertiefen in Essay und Kritik. Lesen Sie in der Lyrikzeitung weiterhin jeden Tag ein Gedicht und zwei oder drei Mal im Jahr neue Texte, Kritiken und Essays, letzteres von mir und Freunden.

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