Ballade vom Beichtgeheimnis

Geboren heute vor 240 Jahren, am 28. Oktober 1780: Ernst Gebhard Salomon Anschütz, deutscher Komponist und Dichter. Der Name sagt uns nicht viel, aber jeder kennt ein paar Text(teil)e und Melodien von ihm: Fuchs du hast die Gans gestohlen; O Tannenbaum; Es klappert die Mühle am rauschenden Bach; Wenn ich ein Vöglein wär. Er schrieb auch das Libretto des Singspiels „Johann von Nepomuk“ von Carl Loewe. Hier daraus ein Balladenduett, keine hohe Lyrik, nur ein frommes, Schauer- und Rührstück, wie es im Buche steht.

Böhmenkönig Wenzel:
„Ha, Priester, zitt’re! nicht verhöhnen
Läßt sich des Königs Machtgebot!
Sprich, willst du meinen Zorn versöhnen,
Der deinen Trotze furchtbar droht?

Dein Fürst befiehlt, du mußt gehorchen,
Es ist des Untertanen Pflicht,
Sonst schwör‘ ich dir, du siehst schon morgen
Des Tages erste Sonne nicht.

Die finstern Zweifel, die mich quälen,
Ich löse sie mit mächt’ger Hand;
Umsonst versuchst du zu verhehlen,
Was beichtend dir mein Weib bekannt.

Drum nenne frei die Last der Sünden,
Die schwer Johanna’s Busen drückt,
Daß mir die Hölenqualen schwinden
Wenn ihre Schuld ich klar durchblickt.“

Johann von Nepomuk:
„Herr, nimmer löst der Beichte Siegel
Ein Staubgeborner frevelnd auf,
Denn ewig birgt ihr eh’rner Riegel
Und hemmt des freien Wortes Lauf.

Zum Dienst der Kirche auserkoren,
Wie Gott und Welt mir Zeuge war,
Hab‘ ich Verschwiegenheit geschworen
Am glanzerfüllten Hochaltar.

Drum wolle nicht den Diener richten,
Der solch Bekenntnis dir versagt
Und in Erfüllung ernster Pflichten
Der Erdengüter Größtes wagt.

Bedenke, daß der Weltgebieter
Ein Richter herrscht im Königshaus;
Er winkt, und Thronen stürzen nieder,
Und Völker tilgt sein Donner aus.

Doch hast du Ändrung nicht beschlossen,
Wohl, so versöhne dich mein Blut!
Viel reineres ward einst vergossen
Zum Heil der Welt für höh’res Gut.“

Wenzel:
„Wohlan denn, Haß und Rache kochen
In meiner Brust, ich schwör es laut:
Dein Urteil hast du selbst gesprochen,
Dem leeren Wort zu viel vertraut.“

Drauf rief er seiner Knechte Scharen,
Ein Kerker schließt den Priester ein,
Der seinen Eid getreu zu wahren,
Trägt heldenkühn die schwere Pein;

Heiß betend unter süßen Schauern,
Erfleht er Gnade nur von Gott,
Nicht Rettung aus den düstern Mauern,
Trotz seiner Feinde bitterm Spott.

So kommt die Nacht auf dunkeln Schwingen,
In Andacht kniet der Fromme dort,
Die Angel knarrt, und näher dringen
Die Henker ihm, bereit zum Mord.

Die Hände, die vor wenig Stunden
Der Messe Opfer dargebracht,
Sie werden schmachvoll ihm gebunden
Durch Wenzels zügellose Macht.

Und zu des Moldaustromes Brücke
Schleppt ihn die Menge stürmisch hin,
Denn es befahl des Wütrichs Tücke,
Er finde seinen Tod darin.

Die Sterne deckt ein Nebelschleier,
In tiefer Stille ruht die Flur,
Des Gottgeweihten Leichenfeier
Begeht die trauernde Natur.

Wild brausend wälzen sich die Fluten,
Ans Ufer spritzt der Wellen Schaum,
Die drängend nicht im Kampfe ruhten,
Als wär zu eng des Bettes Raum.

Allein die Priestermörder stählen
Wie Erz die Brust. Ins feuchte Grab,
Gehorchend ihres Herrn Befehlen,
Wirft ihn die Rotte kalt hinab.

Urplötzlich schweigt das grause Toben
Des Flutenmeers, das ihn errafft.
Von Wellensanft emporgehoben
Schwebt er dahin voll Wunderkraft,
Und aus den schwarzen Wogen steigen,
Umglänzt vom reinsten Strahlensgold,
Fünf Sterne, wie im ew’gen Reigen
Jehovah dort sie tönend rollt.

Da sinken zitternd Wenzels Schergen,
Das Wunder schauend, niederwärts,
Am Boden ihre Schuld zu bergen,
Gefoltert von der Reue Schmerz.

Und singend aus der Wasserhöhle
Schwingt sich der Geist des Heil’gen los,
Und Engel tragen sanft die Seele
Hinauf in Gottes Vatersschoß!

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