Wilna

In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1937 wurden zahlreiche weißrussische und jiddische Dichter in Stalins Sowjetunion erschossen, darunter Mosche Kulbak. Hier zwei Strophen aus dem Gedicht „Wilna“.

Mosche Kulbak : Wilna

Auf deinen Mauern geht wer eingehüllt im Talles*,
Des Nachts über der Stadt hält ihn die Trauer wach.
Er lauscht: Die Adern alter Betstuben und Höfe
Pulsieren, rasseln wie ein staubbedecktes Herz.
Du bist ein Psalmenlied, geformt aus Lehm und Eisen,
Gebet wird jeder Stein, und Hymne – jede Wand,
Wenn Mondlicht in die Kabbala der Gassen rinnt
Und deine nackte, garstig-kalte Pracht beglänzt.
Dein Frohsinn trauert, ist die Freude tiefer Bässe
Von Klezmern, deine Feste sind Begräbnisfeiern,
Trost schenkt dir nur die leuchtend klare Armut,
Die auf dem Stadtrand ruht, wie stiller Sommernebel.
Du bist ein dunkles Amulett, in Litauen gefaßt,
Mit altersgrauer Schrift, von Moos bedeckt und Flechten:
Ein jeder Stein ist Buch, Wände sind Pergamente,
Die Nacht für Nacht geheimnisvoll die Seiten wenden,
Wenn ein Wasserträger auf der alten Synagoge
Frostklamm sein Bärtchen streicht und Sterne zählt.

Des Nachts über der Stadt, hält mich die Trauer wach:
Kein Ton. Die Häuser liegen starr wie Lumpenballen.
Irgendwo oben tropft und flackert eine Kerze.
Wie eine Spinne hockt, im Dachstuhl eingenistet.
Ein Kabbalist und spinnt des Lebens grauen Faden:
– Sag, gibt es einen in der weiten kalten Leere,
Der unser Ohr verlorne Schreie hören läßt?
Vor ihm steht Raziel**, bleigrau, in der Finsternis
Mit pergamentnen, alten, abgewetzten Schwingen,
Die Augen, Gruben voller Sand und Spinngewebe:
– Es gibt ihn nicht. Da ist nur Trauer und sonst nichts!
Die Kerze tropft. Der grüne Jude lauscht versteinert
Und saugt das Dunkel aus des Engels Augenhöhlen.
Der ganze Dachstuhl atmet tief, mit Lungen
Des herben Wesens bei den Hügeln schlummernd.
Ach, Stadt, bist du nur Traumbild eines Kabbalisten,
Das grau durchs All schwebt, wie ein Spinnennetz im Herbst?

* Gebetsmantel
**mystischer Engel, übergab dem Menschen ein Buch über Himmelslehre

Aus dem Jiddischen von Andrej Jendrusch, in: „Wilna, das litauische Jerusalem“. 9. Tage der jiddischen Kultur vom 21. bis 26. Januar 1995 in Berlin, S. 9

 

Originaltext aus: Ale verk fun Mosheh Kulbak. Amherst, Mass.: National Yiddish Book Center, Band 2. Nachdruck der Ausgabe Wilna 1929, S. 179f.

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