Heroische Landschaft

Armin T. Wegner

(* 16. Oktober 1886 in Elberfeld; † 17. Mai 1978 in Rom)

Heroische Landschaft

Nun sticht die Zwergin Nacht mit schwarzem Pfahl
Das Sonnenauge aus der Himmelsstirne,
Daß es verblutend aus dem wehen Hirne
Hintropft. Erblindet schreit in ihrer Qual

Die Erde auf. Um offne Gräber knien
Die Palmen, und sie werfen voll Verzagen,
Wie Klageweiber ihre Brüste schlagen,
Die Zweige schluchzend in der Winde Glühn.

Im Schilf verröcheln mit geborstnen Speeren
Des Tempels Säulen, wo im Aas der Sümpfe
Ein Lachen schielt. Die toten Städte stehn

Im Sande auf. Sie zeigen ihre Schwären
Und heben stumm die blutigen Mauerstümpfe,
Wie Bettler, die um eine Münze flehn.

Aus: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. Dietrich Bode. Stuttgart: Reclam, 1966, S. 181f

„Im Herbst 1916 schrieb der Dichter und deutsche Sanitätssoldat Armin T. Wegner auf der Reise von Bagdad nach Istanbul ein Gedicht, das von Bildern und Metaphern der Gewalt und des Grauens geradezu überquillt, und veröffentlichte dieses Sonett später unter dem ironischen Titel Heroische Landschaft. Seitdem wird es von den Germanisten als Beispiel für expressionistische „Naturlyrik“, sprachautonome „absolute Poesie“ angeführt und abgehakt. Keiner hat erkannt, dass Wegner hier, wie seine Tagebücher und Briefe belegen, seine Erfahrung als Augenzeuge des Aghet, des osmanischen Völkermords an den Armeniern, seine Trauer und Erschütterung, poetisch zu gestalten versucht hat.“ Norbert Mecklenburg, literaturkritik.de

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