Wenig und viel oder: Mao Zhu demütigte den Stör

Der südafrikanische Dichter Dennis Brutus wurde vom Apartheidregime verfolgt, angeschossen und zu 18 Monaten Zwangsarbeit auf Robben Island verurteilt. Nach seiner Entlassung konnte er ins Exil nach London ausreisen und kam schließlich in die Vereinigten Staaten.

Irgendwann konnte ich in einem Antiquariat im Wald hinter dem Bahnhof Jehser bei Greifswald ein Buch von ihm erwerben – der Antiquar hatte hineingeschrieben „nicht im www“. Wahrscheinlich zum Glück für mich, andernfalls hätte ich es mir wahrscheinlich nicht leisten können. Heute findet man es leicht – Amazon listet es „neu“ für über 800 und „gebraucht“ ab 10 Dollar. (Ich nehm das gebrauchte – ach nein, ich habs ja schon.)

Das Buch erschien 1975 in Austin, Texas, damals für 2 Dollar. „China Poems“ ist der Titel. Es sind kurze Gedichte, vom Haiku und dem noch kürzeren chinesischen chueh chu inspiriert. Sie entstanden während einer Reise nach China zur Zeit Mao Tse-Tungs. Beim chueh chu, sagt der Autor, ist der Trick, wenig zu sagen (je näher an nichts, umso besser) und viel anzudeuten, so viel als möglich. Das Schwergewicht an Bedeutung „schwebe“ (hovers) um die Worte (die so leicht, „flat“, wie möglich sein sollen) oder werde vom Leser oder Hörer hinzugetan. Emotionslose, fast neutrale Klänge sollten unbegrenzte Resonanzen in den Köpfen auslösen; das Entzücken liege in der schmalen Balance zwischen Nichts und allem nur Möglichen. Als Beispiel „aus anderen Quellen“ bringt er:

Goose-grey
clouds
lour

Nur annähernd

Gänsegraue
Wolken
blicken drohend herab.

Ich sags mal vorsichtig: Nicht immer gelingt es dem Autor, „fast nichts zu sagen“ und „fast alles zu meinen“. Ziemlich oft in dem dünnen Buch schreit er einfach so laut wie möglich die plattesten Propagandamärchen heraus.

In diesem Fall reicht die „poetische“ Botschaft nicht einmal aus, so dick sie auch schon aufgetragen ist – er muss sie noch in Prosa, nunja, vertiefen. Das muss man nicht übersetzen. Die Gastgeber, die ihm die Reise durch China finanzierten, werden begeistert gewesen sein. Ich mache das Experiment und lasse den chinesischen Text (den ich leider nicht lesen kann) vom Computer einscannen und ins Deutsche bringen, mal sehn.

•上没有4壬何做不成的爭
毛主辱鮮故了肀国

Shàng méiyǒu 4 rén hé zuò bùchéng de zhēng
máo zhǔ rǔ xiān gùle yù guó

Es gibt keine Streitigkeiten über die 4
Mao Zhuxi stirbt vom Land

Na bitte.

Interessanterweise scheint die chinesische Übersetzung des englischen Originals viel wortreicher als dieses. Vermutlich hat der chinesische Übersetzer dem – vielleicht mißverständlichen – lakonischen Texte kommentierende Zusätze mitgegeben. – Ich gebe zu, der Scanner hat die englische Handschrift noch schlechter verstanden, er erkannte nicht einmal das Wort Mao.

Als Übersetzungssprache hatte ich angegeben: Simplified Chinese und Englisch. Gegenprobe mit Traditional Chinese ergibt:

^0祕匕
上没有/壬何做不成的爭
毛主辱鲟故了肀国
祕旮??16决成加!IV

^0 Mì bǐ
shàng méiyǒu/rén hé zuò bùchéng de zhēng
máo zhǔ rǔ xún gùle yù guó
mì gā??16 Jué chéng jiā!IV

^ 0 Geheimdolch
Es gibt keinen Streit über die
Mao Zhu demütigte den Stör
Geheimnis ?? 16% Bonus! IV

Quelle: Dennis Brutus, China Poems. Translation: Ko Ching Po. Occasional Publication. African and Afro-American Studies & Research Center, University of Texas at Austin, 1975.

Vielleicht muss ich hinzufügen, dass ich von diesem Autor Ernstzunehmendes kenne. In diesem Fall aber ist es gründlich schiefgegangen, q.e.d.

2 Comments on “Wenig und viel oder: Mao Zhu demütigte den Stör

  1. The sun might shine, or the clouds might lour; but nothing could appear to me as it had done the day before.
    Frankenstein|Mary Shelley
    aus http://www.dictionary.com
    Gänsegraue Wolken drohen. Gute Zeile.
    Der englische Satz in dem Bild scheint mir eher die Übersetzung des chinesischen Satzes zu sein. Das mit dem Scannen ist herrlich. Die Software erkennt offenbar nicht einmal eine extra deutlich gesetzte Handschrift. 事 ist das letzte Zeichen der oberen Zeile, es bedeutet Sache. Keine Sache, nichts ist unmöglich. Ich glaube, task ist die Übersetzung von 事 shì, nicht umgekehrt. Die ersten drei Zeichen der zweiten Zeile des chinesischen Satzes sind Mao zhuxi 毛主席, Vorsitzender Mao. The President makes the US gross again, something like that. Die nächsten beiden Zeichen sind 解放 jiě-fàng, befreien, auch emanzipieren. 觧 und 解 sind dasselbe Zeichen, viele Zeichen haben mehrere gebräuchliche Schriftweisen. Hoffentlich ist die Erkennungs-Software an vielen Orten in vieler Hinsicht noch lange so schön defekt.

    Liken

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