Eine Strophe aus dem Turm

Hölderlinjahr. Vor 250 Jahren und rund 3 Monaten wurde Friedrich Hölderlin geboren. Heute vor 177 Jahren starb er in Tübingen, wo er fast die Hälfte des Lebens als amtlich anerkannter Geisteskranker gelebt hatte.

Ich bringe zum Anlaß eine Strophe aus der zweiten (er hatte ja schon ein paar Jahrzehnte vorher in Tübingen studiert, wo er eine Stube mit Hegel und Schelling teilte) Tübinger Zeit, die man poetisch die „Turmzeit“ nennt, weil er in einem Turm überm Neckar ein relativ freundliches Asyl gefunden hatte. Ich teile die isolierte Strophe in 4 Textfassungen mit, jeweils mit Herausgeberkommentar. Die Textfassung dieser 4 Zeilen unterscheidet sich zwar nur in wenigen, mancheR vielleicht unwesentlich erscheinenden Details, die Angaben zur Entstehungszeit dafür umso mehr, wie auch immer: ein wenig Skepsis gegenüber dem Text, den man zufällig in irgendeiner Ausgabe vor sich hat, ist immer angebracht, nicht nur bei Hölderlin.

(Noch eine persönliche Anmerkung: wegen Corona ist die hiesige Universitätsbibliothek noch geschlossen, ich persönlich denke zwar, dass die Universität mit besserem Konzept hätte Wege finden können und sollen, die nicht gerade oft überlaufene Bibliothek auch schon vor der Wiederaufnahme des Lehrbetriebs mit wenig Aufwand zu öffnen. In meiner Privatbibliothek habe ich viele Hölderlinbände, aber für alle relevanten Bände war das Budget um einige tausend Mark und Euro zu klein. So habe ich von der ziemlich teuren Frankfurter Ausgabe nur die mir wichtigsten 3 letzten Bände hier stehen. Die 17 anderen stehen in der Unibibliothek, also leider noch nicht zugänglich. Eigentlich habe ich eine Aktie an deren Bestand – in der wilden Gründerjahren nach 1990, als manchmal Gelder flossen, war es mir gelungen, die bisher in 2 Jahrzehnten erschienen Bände für die Germanistik zu bestellen, die Bibliothekarin freute sich über meine Bücherlisten, lang ists her. Smiley.).

Stuttgarter Ausgabe, Hrsg. Friedrich Beißner 1944ff:

s p ä t e s t e   g e d i c h t e

NICHT ALLE TAGE. . .

Nicht alle Tage nennet die schönsten der,
  Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo
    Ihn Freunde liebten wo die Menschen
      Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.

Bd. 2,1, S. 280

Kommentar:


Aus: A.a.O. Bd. 2,2 S. 907

Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hrsg. D.E. Sattler. Bd. 9. Luchterhand 1984, S. 59:

Nicht alle Tage…

Ernst Zimmer teilte die Strophe am 22. Dezember 1822 einem Ungenannten, vermutlich dem Grafen Schack mit und schrieb dazu: Daß Höld: zuweilen seinen Zustandt fühlt ist keinem Zweifel unterworfen Er machte vor ein paar Jahren folgenden vers auf Ihn selbst (vgl. LX: 68 ff.). Nach der ungefähren Zeitangabe dürfte diese letzte bekannt gewordene alkäische Strophe um 1830 oder Ende der zwanziger Jahre entstanden sein.

Emendation bei: 2 zurücksehnt

Emendierter Text

Nicht alle Tage nennt die schönsten der,
  Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo
    Ihn Freunde liebten wo die Menschen
      Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.

Hölderlin, Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente (Bremer Ausgabe). Hrsg. D.E. Sattler. Bd. 12, 1806-1843, München: Luchterhand 2004, S. 25:

1809
Nicht alle Tage nennt…

Ernst Zimmer teilt die alkäische Strophe am 22. Dezember 1834 mit und setzt hinzu, er machte vor ein paar Jahren folgenden Vers auf ihn selbst. Wahrscheinlich scheute er sich, dem Adressaten, vmtl. Adolf Friedrich von Schack, die so lange zurückliegende, in der Nähe der ihm gewidmeten Ode einzuordnende alkäische Strophe mitzuteilen.

Nicht alle Tage nennet die schönsten der,
  Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo
    Ihn Freunde liebten wo die Menschen
      Uber dem Jüngling mit Gunst verweilten.

Hölderlin, Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. D.E. Sattler. Frankfurt/Main, Basel: Stroemfeld/ Roter Stern, 2008, S. :

 

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