Lebt man denn wenn andre leben?

Johann Wolfgang Goethe

  Keinen Reimer wird man finden
Der sich nicht den besten hielte,
Keinen Fiedler der nicht lieber
Eigne Melodieen spielte.

  Und ich konnte sie nicht tadeln;
Wenn wir andern Ehre geben
Müssen wir uns selbst entadeln.
Lebt man denn wenn andre leben?

  Und so fand ich's denn auch juste
In gewissen Antichambern,
Wo man nicht zu sondern wußte
Mäusedreck von Koriandern.

  Das Gewesne wollte hassen
Solche rüstige neue Besen,
Diese dann nicht gelten lassen
Was sonst Besen war gewesen.

  Und wo sich die Völker trennen,
Gegenseitig im Verachten,
Keins von beyden wird bekennen
Dass sie nach demselben trachten.

  Und das grobe Selbstempfinden
Haben Leute hart gescholten,
Die am wenigsten verwinden,
Wenn die andern was gegolten.

Aus: West-oestlicher DIVAN von Goethe. Stuttgard: Cotta, 1819, S. 83f (Rendsch Nameh. Buch des Unmuths)

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