Seit Wochen liegen sie im Schützengraben

Emil Honigberger

(* 16. März 1881 Kronstadt (Brașov), 13. Februar 1953 ebd.)

Der Brunnen

Seit Wochen liegen sie im Schützengraben,
Hier Russen, drüben ungarische Schützen;
Unheil und Leid, wie märchendunkle Raben,
Mit bösen Augen ringsum beutelauernd sitzen.

Kalt ist die Nacht und qualmumrauscht die Tage,
Vor Durst gepeinigt schmachtet Feind und Freund,
Seit Tagen ohne Wasser! zehrt die Plage,
Von Heimatssinnen mild und traut umträumt.

Schussweit ein alter Galgenbrunnen schwingt
Mit langem Arm den vollen Eimer leise,
Und immerfort er stumm Erquickung winkt …
Da horch, welch melancholisch wirre Weise

Erklingt vom Schützengraben drüben wieder
Und schwingt sich ernst und sehnsuchtsschwanger weit!
Es sind schwermütige Kuruzenlieder,
Mit Sehnen füllen sie die Einsamkeit.

Sie klagen vom einsamen Heidebronnen,
Der weit im Ungarland träumend rinnt,
Von seinen hellen, klaren Flutenwonnen,
Die schön wie traute Melodien sind.

Es ist ein altes, liebes Heimatslied,
Das man am Abend vor dem Tore singt;
Das über Berg und Tal zur Heimat zieht,
Und Sehnsucht weckend tief zur Seele dringt. —

Der Sang verstummt. Da horch, ist es ein Echo leis,
Das aus dem Schützengraben drüben quillt?
So wild, so süß, so melancholisch heiß
Zu wundersamem fremden Klingen schwillt?

Die Russen singen von dem Quell der Heide,
Der in der Uralsteppe träumend rinnt,
Wo braune Hirten singend hüten ihre Weide
Und Tag und Abend wunderbar in Duft zerrinnt.

Sie hören’s in den Gräben drüben, hören’s da,
Kein Wort verstehen sie von dem fremden Sang;
Doch plötzlich fühlen sie sich heimatsnah,
Der Töne Macht tiefeinend in die Herzen drang.

Da sieh! es hebt ein Kopf sich scheu hervor,
Ganz langsam kommt ein Russe sacht heran,
Und viele andern folgen ihm empor,
Sie schreiten zu dem Brunnen, wie in Traumes Bann.

Und sieh, es kracht kein Schuss von fern und nah,
Sie laben gierig ihren Durst am Quell.
Bald sind auch Ungarns braune Streiter da,
Und Freund und Feind, sie lächeln freundlich hell! …

So geht es manchen lieben langen Abend:
Stumm schreiten alle sacht dem Brunnen zu,
Erquicken sich am Wasser kühl und labend,
Lächeln sich an und gehen froh zur Ruh.

Doch „Sturm!“ heißt es an einem bangen Tag.
Wild poltern tausend Schlünde los,
Vernichtend alles, grausam, Schlag auf Schlag;
Wild prallen Bajonette Stoß auf Stoß.

Und als der Abend hoheitsvoll gekommen,
Liegt Freund und Feind rings um den Brunnen tot.
Gesang und Herz und Sehnsucht all verglommen,
Nur goldne Glut glüht hoch im Abendrot.

Oh Brunnenlied, du trautes Heimatssehnen!
Verstummt, verklungen deiner Tone Macht,
Und melancholisch plätschert nur der Bronnen
Und hoch hinein blickt sternenklar die Nacht.

Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015, S. 51f

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: