Es ist mein Leben

Endre Ady

(* 22. November 1877 in Érmindszent, Komitat Sathmar, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1919 in Budapest)

DAS FLIEHENDE LEBEN

Ei, schau, wie er da flieht,
der hohe Herr, das Leben,
verfolgt wie ein entlaufener Knecht
vom größeren Herrn, der ihn gerecht
am Kragen faßt.
(Und mit ihm rennen, fliehen andere,
der Enkel Millionen,
geringe Lebenssprosse.
Darunter seh ich eben,
einen, der da verzweifelt trippelt,
es ist mein Leben.)

Da stapft es durch den weißen,
noch unberührten Schnee.
Flieh, Leben, flieh, o weh,
schon sind sie da, die Spuren
von närrisch blutigroten Beinen,
die sich zum schrecklichen Verfolger
im Schnee vereinen.

Ei, wie das große Leben rennt,
und hinter ihm her laufen
durchs Eis- und Schneegeländ
die winzigen Lebenshaufen
vorm Tod, der kommt, und
er kommt in Stücken.

Ich will mir selbst entrücken
und schau mir an den Strich
wie Rembrandt seinen Stich:
Die Flächen hell und dunkel,
die lässig seine Hand gemacht —
sind heute höchste Pracht.

(Ich weiß, ich tauge was,
nur habe ich mich eben
mit gutem Grund und ohne
zuviel schon abgegeben
mit dem Tode.
Der Tod ist aber nicht der Schluß,
nur einer, der auch selber fliehen muß.
Denn Tod und Leben, beide
sind arme kleine Knirpse,
die tun uns nichts zuleide.)

Sie waten durch den wunderbaren Schnee,
um meinem Los zu folgen,
dem Leidensweg von Leib und Seele.
Wie Jäger suchen sie im Dickicht nur
vom Großen Wild die Spur.
Die blutige Fährte, es ist die seine,
des allergrößten Verfolgers,
er kommt, er droht,
und ist ein tausendmal größerer Herr
als der Tod.

Der Tod ist nur ein Blutfleck,
eine verrückte Uhr,
sie hat wohl tausend Zeiger,
und alle zeigen stur
tausendmal falsche Zeiten.
Ein Winternarr, ein Clown,
alles in allem — nichts.
Das Leben kann er schlagen
und hat trotzdem nicht mehr zu sagen
als eine Visitenkarte.
Und dennoch und immer wieder,
auf allen Lebenswegen,
rennt man nur seinetwegen.
(auch mir gilt sein Gebot,)
uns kommandiert der kleine Groom,
der Kerl, das Nichts:
Der Tod.

Mag sein, daß ohne Tod
das Leben auch nicht wär.
Doch hinter beiden steht
der rätselhafte Herr,
ein urzeitlich wildes Muß,
die regelwidrige Regel,
der Erzverfolger: Er.

Der Tod verfolgt — wie Wanzen
die ßlutspur im Zickzack —
das Leben nach dem Gebot des höchsten Herrn,
des Kommandeurs vom Ganzen.

Der Tod ist Farbe nur,
ist auf dem Schneeweiß feigen Lebens
die Glasur
(so auch auf meinem Lebensbrocken).
Die Röte aber schwindet leicht
wie bei dem Fieberkranken,
den man ein Pulver reicht.

O Tod, ich liebe dich
(wie oft hab ich’s gestanden !),
und doch bist du nichts anderes
als blutiger Begleiter,
als Spiegelbild, zersplittert,
als schuldloser Begleiter
des Lebens, das flieht und zittert.

(Auch meines armen Lebens,
das weiß, erfroren mitflieht,
gejagt wie jedes Leben.)
Und hinter allen kommt daher
der größere Verfolger:
der Unbekannte Herr.

Deutsch von Géza Engl, in: Endre Ady: Gedichte. Auswahl zum 100. Geburtstag des Dichters. Budapest: Corvina, 1977, S. 107-109

War Endre Ady, der große ungarische Dichter, der vielleicht zu den Großen der modernen Weltliteratur gezählt würde, hätte er in einer Weltsprache geschrieben, Expressionist? Wen kümmerts? In Paris las und übersetzte er Baudelaire und Verlaine. Man nennt ihn oft einen Symbolisten. Er schrieb: „Jedes Kunstdogma ist mir verhaßt, und ich verabscheue das Dogma des l’art pour l’art mit all der Milde und all den tödlichen Wunden, die ich vom Leben erhielt…“ (zitiert nach dem Vorwort des Bandes, aus dem das Gedicht entnommen ist).

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