„Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus“

Georg Heym

Heute vor 108 Jahren ertrank Georg Heym beim Eislaufen.

Aus: Viertes Tagebuch

15.9.1911. Man könnte vielleicht sagen, daß meine Dichtung der beste Beweis eines metaphysischen Landes ist, das seine schwarzen Halbinseln weit herein in unsere flüchtigen Tage streckt.

Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Denn ich bedarf gewaltiger äußerer Emotionen, um glücklich zu sein. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasieen, immer als einen Danton, oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinermütze kann ich mich eigentlich garnicht denken. Ich hoffte jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts.

Mein Gott, wäre ich in der französischen Revolution geboren, ich hätte wenigstens gewußt, wo ich mit Anstand hätte mein Leben lassen können, bei Hohenlinden oder Jémappes.

Alle diese Jentzsch, u. Koffka, alle diese Leute können sich in diese Zeit eingewöhnen, sie alle, Hebbelianer, Leute des Innern, können sich schließlich in jeder Zeit zurecht finden, ich aber, der Mann der Dinge, ich, ein zerrissenes Meer, ich immer in Sturm, ich der Spiegel des Außen, ebenso wild und chaotisch wie die Welt, ich leider so geschaffen, daß ich ein ungeheures, begeistertes Publikum brauche um glückselig zu sein, krank genug, um mir nie selbst genug zu sein, ich wäre mit einem Male gesund, ein Gott, erlöst, wenn ich irgendwo eine Sturmglocke hörte, wenn ich die Menschen herumrennen sähe mit angstzerfetzten Gesichtern, wenn das Volk aufgestanden wäre, und eine Straße hell wäre von Pieken, Säbeln, begeisterten Gesichtern, und aufgerissene Hemden.

Wie gut haben es die Contemplativen, die Unlebendigcn, Leute eben wie Jentzsch u. Koffka, die genug Leben aus ihrer Seele ziehen können.

Vielleicht irre ich mich hier, ich kann das ja auch, – aber – sie sind dabei glücklich, und ich nicht. (Denkfehler, aufsuchen)

Man vergleiche doch ihre Gesichter, wie friedlich sie aussehen und das meine, auf dem Qual, Laster, Verzweiflung, Enthousiasmus alles mögliche stündlich tausend mal herüberfahren.

Aus: Klaus Schuhmann: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik (rowohlts enzyklopädie). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, S. 7if

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