Gabe des Gedichts

Stéphane Mallarmé

(* 18. März 1842 in Paris; † 9. September 1898 in Valvins)

Gabe des Gedichts

EIN KIND AUS EDOMS NACHT, HIER LIEGT ES VOR DIR. BLOSS
Und schwarz, mit Flügeln blutig-bleich und federlos,
Durchs Fensterglas, gebeizt von würzigem Rauch und Gold,
Gefrorne Scheiben, ach, noch eine Hellung hold,
Stürzte die Morgenröte in der Lampe Schein.
Triumph! Und als erschien ihr abgelebtes Sein
Dem Vater, der nur mehr ein böses Lächeln fand,
Da lief ein Schauer durch der Schatten blaues Land.
O Wiegerin, mit deiner Tochter, sündelose
An kühlem Wandel, nimm das Kind aus grausem Schoße,
Und in der Stimme weckend allen Klanges Lust,
Wirst du mit bleichem Finger pressen deine Brust,
Der sibyllinisch weiß das Weibliche entquillt
Für Lippen, deren Durst kein Glanz des Äthers still?

Deutsch von Fritz Usinger. Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Jena: Karl Rauch, 1948, S. 15

GABE DES GEDICHTES

Ich bringe dir das Kind aus einer Edoms-Nacht!
Schwarz, blutiger bleicher Schwinge, bar der Federtracht,
warf sich durchs Glas, das duft- und goldversengte,
durch Scheiben, die vereist, ach, Dunkel noch verhängte,
auf meiner Lampe Frieden, Palmprunk! Morgenrot,
und als es, was ihm da verblieb, dem Vater bot,
und er ein Lächeln zwang, worin schon Feindschaft lauert,
hat, unfruchtbar und blau, die Einsamkeit geschauert.
O die du deine Tochter wiegst, mit euern kalten
unschuldigen Füßen, willst den Greuelbalg du halten,
und wirst du, deren Stimme weichen Saitenklängen
gleicht, mit dem welken Finger deinen Busen drängen,
daß ihm, geheimnisvolles Weiß, das Weib entquille,
in keuscher Himmelsluft hungernde Lippen stille?

Deutsch von Richard von Schaukal. Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Freiburg/Br.: Karl Alber, 1947, S. 51

Eine weitere deutsche Fassung von Carl Fischer in: Mallarmé, Sämtliche Dichtungen. München, Wien: Hanser, 1992

Don du poème

Je t’apporte l’enfant d’une nuit d’Idumée !
Noire, à l’aile saignante et pâle, déplumée,
Par le verre brûlé d’aromates et d’or,
Par les carreaux glacés, hélas ! mornes encor
L’aurore se jeta sur la lampe angélique,
Palmes ! et quand elle a montré cette relique
A ce père essayant un sourire ennemi,
La solitude bleue et stérile a frémi.

Ô la berceuse, avec ta fille et l’innocence
De vos pieds froids, accueille une horrible naissance
Et ta voix rappelant viole et clavecin,
Avec le doigt fané presseras-tu le sein
Par qui coule en blancheur sibylline la femme
Pour des lèvres que l’air du vierge azur affame ?

(1883)

Rücken einer Ausgabe aus dem Besitz des Romanisten Hugo Friedrich, die ich vor einigen Jahren in Freiburg erwerben konnte

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