Homer lesen

Pierre de Ronsard

(Geboren 6. September 1524* im Château de la Possonnière bei Couture-sur-Loir; † 27. Dezember 1585 im Priorat Saint-Cosme bei La Riche, Touraine)

*) nach der deutschen Wikipedia. Die französische aber sagt: Sein Geburtsdatum ist ungewiss, nach einer zeitgenössischen Fälschung fällt es mit dem Tag der Schlacht von Pavia zusammen, dem 25. Februar. Die englische nennt den 11. September, ebenso die dänische und spanische, während die russische angibt: zwischen 1. und 11. September. Sei’s drum, das Wissen ist im Zeitalter des WWW immer noch national, aber immerhin kann man leicht vergleichen und sich in Skepsis üben. Jedenfalls Lyrikzeitung feiert den „Prinzen der Poeten“ heute mit einem Gedicht.

HOMER UND KASSANDRA

Drei Tage lang will ich nun den Homer nur lesen:
Drum riegle, Corydon, ja hinter mir gut zu!
Stört mich das mindste, so (sei sicher, daß ich‘ s tu!)
Soll schwer dein Buckel spürn mein aufgebrachtes Wesen!

Daß ja mir nicht die Magd ans Bett kommt, mit dem Besen
Staub aufzuwirbeln, hör, kein Mensch, hör, auch nicht du!
Drei Tage widm‘ ich nun dem Träumen und der Ruh,
Um sieben tolle drauf vom Dichten zu genesen …

Doch – naht wer, von Kassandra Botschaft mir zu bringen:
Den laß nicht warten, dem tu auf, und zwar mit Springen,
Schlüpf her dann flugs, hilf in die Kleider mir hinein!

Für solchen Boten will ich gern anwesend sein:
Ansonsten – und wollt sich ein Gott vom Himmel schwingen
Zu mir, hör, halt fest zu und laß ihn ja nicht ein!

Deutsch von Helmut Bartuschek aus: Der Gallische Hahn. Französische Gedichte von der Zeit der Troubadours bis in unsere Tage. Berlin: Aufbau, 1957, S. 55

Je veux lire en trois jours l’Iliade d’Homere,
Et pour ce, Corydon, ferme bien l’huis sur moy:
Si rien me vient troubler, je t’asseure ma foy,
Tu sentiras combien pesante est ma colere.

Je ne veux seulement que nostre chambrière
Vienne faire mon lit, ton compagnon, ny toy;
Je veux trois jours entiers demeurer à requoy,
Pour follastrer, après, une sepmaine entiere.

Mais si quelqu’un venoit de la part de Cassandre,
Ouvre-luy tost la porte, et ne le fais attendre,
Soudain entre en ma chambre, et me vien accoustrer.

Je veux tant seulement à luy seul me monstrer:
Au reste, si un dieu vouloit pour moy descendre
Du ciel, ferme la porte, et ne le laisse entrer.

Abbildung aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. München: O. C. Recht, 1922

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