Von unnützen Büchern

Sebastian Brant

(1457 Straßburg – 10. Mai 1521 ebd.)

Aus dem Narrenschiff

Im Narrentanz voran ich gehe
Da ich viel Bücher um mich sehe,
Die ich nicht lese und verstehe.

Ein dürrer Büchernarr mit Brille, Schlafmütze und zurückgestreifter Narrenkappe sitzt vor einem mit Büchern reichlich belegten Doppelpulte und scheucht mit einem Wedel die Fliegen von einem aufgeschlagenen Buche. Unter dem Pulte und an der Wand viele Bücher.

Von unnützen Büchern.

Daß ich vornan sitz‘ in dem Schiff,
Das hat fürwahr besondern Griff;
Ohn Ursach ist das nicht gekommen:
Auf Bücher stellte ich mein Frommen,
Von Büchern hab‘ ich großen Hort,
Versteh‘ ich gleich drin wenig Wort‘,
So halt‘ ich sie doch hoch in Ehren:
Es darf sie keine Flieg‘ versehren.
Wo man von Künsten reden thut,
Sprech‘ ich: »Daheim hab‘ ich sie gut!«
Denn es genügt schon meinem Sinn,
Wenn ich umringt von Büchern bin.
Von Ptolemäus wird erzählt,
Er hatte die Bücher der ganzen Welt
Und hielt das für den größten Schatz,
Doch manches füllte nur den Platz,
Er zog daraus sich keine Lehr‘.
Ich hab‘ viel Bücher gleich wie er
Und les‘ doch herzlich wenig drin.
Zerbrechen sollt‘ ich mir den Sinn,
Und mir mit Lernen machen Last?
Wer viel studirt, wird ein Phantast!
Ich gleiche sonst doch einem Herrn
Und lohne einem, der für mich lern‘!
Wenn ich auch habe groben Sinn
Und einmal bei Gelehrten bin,
Kann ich doch sprechen: »Ita! – So!«
Des deutschen Ordens bin ich froh,
Dieweil ich wenig weiß Latein.
Ich weiß, daß vinum heißet »Wein,«
Gucklus, ein Gauch, stultus, ein Thor,
Und daß ich heiß‘: »domine doctor!«
Die Ohren sind verborgen mir,
Sonst säh‘ man bald des Müllers Thier.

Quelle:
Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Leipzig [1877], S. 12-14.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004592492

Hier der Originalwortlaut:

Den vordantz hat man mir gelan
Danñ jch on nutz vil bűcher han
Die jch nit lyß / vnd nyt verstan

Von vnnutzen buchern

Das jch sytz vornan jn dem schyff
Das hat worlich eyn sundren gryff
On vrsach ist das nit gethan
Vff myn libry ich mych verlan
Von bűchern hab ich grossen hort
Verstand doch drynn gar wenig wort
Vnd halt sie dennacht jn den eren
Das ich jnn wil der fliegen weren
Wo man von künsten reden důt
Sprich ich / do heym hab jchs fast gůt
Do mit loß ich benűgen mich
Das ich vil bűcher vor mir sych /
Der künig Ptolomeus bstelt
Das er all bűcher het der welt
Vnd hyelt das für eyn grossen schatz
Doch hat er nit das recht gesatz
Noch kund dar vß berichten sich
Ich hab vil bűcher ouch des glich
Vnd lys doch gantz wenig dar jnn
Worvmb wolt ich brechen myn synn
Vnd mit der ler mich bkümbren fast
Wer vil studiert / würt ein fantast
Ich mag doch sunst wol sin eyn here
Vnd lonen eym der für mich ler
Ob ich schon hab eyn groben synn
Doch so ich by gelerten bin
So kan ich jta sprechen jo
Des tütschen orden bin ich fro
Danñ jch gar wenig kan latin
Ich weyß das vinū heysset win
Gucklus ein gouch / stultus eyn dor
Vnd das ich heyß domne doctor
Die oren sint verborgen mir
Man sæh sunst bald eins mullers thier

One Comment on “Von unnützen Büchern

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: