An den Dichter Bürger

Elise Bürger

(* 19. November 1769 in Stuttgart; † 24. November 1833 in Frankfurt am Main)

An den Dichter Bürger

O Bürger, Bürger, edler Mann,
Der Lieder singt, wie keiner kann,
Vom Rhein an bis zum Belt,
Vergebens berg‘ ich das Gefühl,
Das mir bei deinem Harfenspiel
Den Busen schwellt!

Mein Auge sah von dir sonst nichts,
Als nur die Abschrift des Gesichts,
Und dennoch — lieb‘ ich dich!
Denn deine Seele, fromm und gut,
Und deiner Lieder Kraft und Muth
Entzückten mich.

So füllt‘ im ganzen Musenhain
Von allen Sängern, Groß und Klein,
Noch keiner mir die Brust.
Sie wogt‘ empor wie Fluch der See;
Es kämpften stürmend Lust und Weh,
Und Weh und Lust.

An Wonnen, wie an Tränen reich,
Rief ich, wie oft: O herzen gleich
Und küssen möcht‘ ich dich! —
So wechselte, wie dein Gesang,
In mir der Hochgefühle Drang,
Dem Alles wich.

O Bürger, Bürger, süßer Mann,
Der Ohr und Herz bezaubern kann
Mit Schmeichel-Wort und Sinn,
Mein Loblied ehrt dich freilich nicht:
Doch höre, was mein Herz dir spricht,
Und wer ich bin!

In Schwaben blüht am Neckarstrand
Ein schönes segenreiches Land,
Das mich an’s Licht gebar;
Ein Land, worin seit grauer Zeit
Die alte Deutsche Redlichkeit
Zu Hause war.

Da wuchs ich wohlbehalten aus,
Und meines reinen Lebens Lauf
Maß zwanzig Mahl das Jahr.
Zum Grabe, sank mein Vater früh —
Kaum ließ mir noch der Himmel die,
Die mich gebar.

Schon wankend an des Grabes
Ergriff sie des Erbarmers Hand,
Und gab sie mir zurück-
Sie bildete mit weiser Müh‘,
Was Gutes mir Natur verlieh,
Zu meinem Glück.

Bei heiterm Geist, bei frohem Mut
Ward mir ein Herz, das fromm und gut
Vor Gott zu sein begehrt.
Nur edler Liebe huldigt’s frei,
Und was es liebt, das liebt es treu
Und halt es wert.

Die bin ich, die! Und —- liebe dich!
Im schönen Stuttgart find‘st du mich,
Du trauter Witwersmann!
Umschlänge wohl nach langem Harm
Ein liebevolles Weib dein Arm,
So komm heran!

Denn träten tausend Freier her,
Und böten Säcke Goldes schwer,
Und du begehrtest mein:
Dir weigert‘ ich nicht Herz noch Hand;.
Selbst um mein liebes Vaterland
Lauscht‘ ich dich ein.

Steht Schwaben-lieb‘ und Treu‘ dir an,
So komm, Geliebter, komm heran,
Und wirb — o wirb um mich! —
Nimm oder nimm mich nicht, so ist
Und bleibt mein Lied zu jeder Frist:
Dich lieb‘ ich, dich!

Mein Leib, -. er zeigt vielleicht dem Blik
Kein Stümper- und kein Meisterstück
Der bildenden Natur.
Ich bin nicht arm, und bin nicht reich;
Mein Stand höhlt, meinen Gütern gleich,
Die Mittelspur.

Dieses Gedicht entstand, wie die meisten meiner Freunde längst wissen, aus einem bloßen Scherz; war nichts als ein Impromptu, welches ich im Beisein zweier, noch in Stuttgart lebenden Personen, mit Bleistift niederschrieb, und das nur durch die Indiskretion eines Dritten der Öffentlichkeit übergeben, für mein Leben so wichtig wurde; als ich es schrieb, ahnete ich nicht einmal, dass Bürger es lesen würde; denn er war in dem von meiner Vaterstadt so fernen Göttingen, und ich wünschte es eben so wenig.

Elise Bürger

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