in der pathologie

Auch 100 Jahre nach Benn keine leichte Kost. In dessen „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ zeigt ein Mann seiner Frau, wo er arbeitet. Ein Gedicht wie das von Gabriele Stötzer wäre vor 100 Jahren kaum möglich gewesen. Bei ihr ist es eine Tagebuchschreiberin, die einer Frau beim Sezieren zusieht und beschreibt, was sie sieht, hört und riecht. Die Frau imponiert ihr, und obwohl sie, die Schreiberin, Tricks anwenden muß, um mit dem Geruch fertig zu werden, findet sie Schönheit. ich mag muskeln und die dieser frau die da liegt sind sehr zart (…) dann wird das gehirn zerschnitten in scheiben es sieht sehr ästhetisch aus dieses gehirn ist schön. (Durs Grünbein Gedichte fielen den Juroren der Republik auf,  die Gabriele Stötzers offenbar nicht.)

Gabriele Stötzer wurde am 14. April 1953 in Emleben geboren.

Das Buch erschien 1992 bei Janus press.

4 Comments on “in der pathologie

  1. Ja. So hinsichtlich sich neu definierender Sinnfragen. 1969. War das eben am Lesen und hatte das Gefühl, es passt recht gut. Viele Grüße!

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    • klar. ich konnte mir nur nicht verkneifen, auf die frage „wenn kümmert wer spricht“ mit dem namen des sprechenden zu antworten. immerhin hat er sich mit der rede eine position erworben oder er-sprochen. obs bei uns gefruchtet hat, ist eine andere frage. im literaturbetrieb stehen wie eh und je namen und biographien im vordergrund, die jurys wissen genau, welche namen preiswürdig sind und welche nicht, und die liebesgeschichte von celan und bachmann macht bestseller

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  2. „(…) Die Formulierung des Themas, von dem ich ausgehen möchte, übernehme ich von Beckett: ´Wen kümmert´s , wer spricht,hat jemand gesagt, wen kümmert´s, wer spricht.´ In dieser Gleichgültigkeit muss man wohl eines der ethischen Grundprinzipien heutigen Schreibens erkennen. Ich sage ´ethisch´ , denn diese Gleichgültigkeit kennzeichnet nicht eigentlich die Art, wie man spricht oder schreibt; sie ist eher eine Art immanenter Regel, die immer wieder aufgegriffen wird und deren man sich doch nie ganz bedient, ein Prinzip, das das Schreiben nicht als Ergebnis kennzeichnet, sondern es als Praxis beherrscht. Diese Regel ist so bekannt, dass man sie nicht noch lange analysieren muss; es soll hier damit getan sein, sie durch zwei ihrer großen Themen zu spezifizieren. Zunächst lässt sich sagen, dass sich das Schreiben heute vom Thema Ausdruck befreit hat: es ist auf sich selbst bezogen, und doch wird es nicht für eine Form von Innerlichkeit gehalten; es identifiziert sich mit seiner eigenen entfalteten Äußerlichkeit. Dies besagt, dass das Schreiben ein Zeichenspiel ist, das sich weniger nach seinem bedeuteten Inhalt als nach dem Wesen des Bedeutenden richtet, dies besagt aber ebenso, dass man mit dieser Schreibregularität immer wieder von seinen Grenzen her experimentiert; immer übertritt und kehrt es diese Regularität um, die es anerkennt und mit der es spielt. Das Schreiben entwickelt sich wie ein Spiel, das zwangsläufig seine Regeln überschreitet und so nach außen tritt. Im Schreiben geht es nicht um die Bekundung oder um die Lobpreisung des Schreibens als Geste, es handelt sich nicht darum, einen Stoff im Sprechen festzumachen; in Frage steht die Öffnung eines Raums, in dem das schreibende Subjekt immer wieder verschwindet.
    Das zweite Thema ist noch vertrauter; es ist die Verwandtschaft des Schreibens mit dem Tod. Diese Verbindung kehrt ein jahrtausendealtes Thema um; die Erzählung oder das Epos der Griechen war dazu bestimmt, die Unsterblichkeit des Helden zu verewigen, und wenn der Held zustimmte, jung zu sterben, so geschah dies, damit sein geweihtes und durch den Tod erhöhtes Leben in die Unsterblichkeit eingehen konnte; die Erzählung löste den hingenommenen Tod ein. In anderer Weise hatte auch die arabische Erzählung – ich denke an ´Tausendundeine Nacht´ – das Nichtsterben zur Motivation, zum Thema ud zum Vorwand: man sprach, man erzählte bis zum Morgengrauen, um dem Tod auszuweichen, um die Frist hinauszuschieben, die dem Erzähler den Mund schließen sollte. Die Erzählungen Scheherazades sind die verbissene Kehrseite des Mords, sie sind die nächtelange Bemühung, den Tod aus dem Bezirk des Lebens fernzuhalten. Dieses Thema: Erzählen und Schreiben, um den Tod abzuwenden, hat in unserer Kultur eine Metamorphose erfahren; das Schreiben ist heute an das Opfer gebunden, selbst an das Opfer des Lebens; an das freiwillige Auslöschen, das in den Büchern nicht dargestellt werden soll, da es im Leben des Schriftstellers selbst sich vollzieht. Das Werk, das die Aufgabe hatte, unsterblich zu machen, hat das Recht erhalten, zu töten, seinen Autor umzubringen. Denken Sie an Flaubert, Proust, Kafka. Aber das ist noch etwas anderes: die Beziehung des Schreibens zum Tod äußert sich auch in der Verwischung der individuellen Züge des schreibenden Subjekts. Mit Hilfe all der Hindernisse, die das schreibende Subjekt zwischen sich und dem errichtet, was es schreibt, lenkt es alle Zeichen von seiner eigenen Individualität ab; das Kennzeichen des Schriftstellers ist nur noch die Einmaligkeit seiner Abwesenheit; er muss die Rolle des Toten im Schreib-Spiel übernehmen. All das ist bekannt; und schon seit geraumer Zeit haben Kritik und Philosophie von diesem Verschwinden oder diesem Tod des Autors Kenntnis genommen.“ (Michel Foucault, Was ist ein Autor?)

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