Eine Teluguwelt

A TELUGU WORLD

RāmarājabhŪsana (ein Dichter des 16. Jahrhunderts)

mahi mun vāg-anuśāsanundu srjiyimpan kundalîndrundu tan-
mahanīya-sthiti-mŪlamai niluva śrīnāthundu provan mahā-
mahulai somudu bhāskarundu vělayimpan sômpu vātillun ī
bahulândhrokti-maya-prapañcamuna tat-prāgalbhyam‘ Ūhiñceědan

Live the exuberance of language,
first created by the Maker of Speech.
A thousand tongues at the root,
moon and sun above,
God himself within:
a whole world inheres
in what Telugu says.

Aus: Narayana Rao, Velcheru, and David Shulman, translators, editors, and with an introduction by. Classical Telugu Poetry: An Anthology. Berkeley, Calif: University of California Press, c2002 2002. http://ark.cdlib.org/ark:/13030/kt096nc4c5/

Meine Übersetzung aus dem Englischen mit Anmerkungen aus der Anthologie von 2002:

Lebe die Fülle der Sprache,
vom Schöpfer der Rede erschaffen.
Eintausend Zungen an der Wurzel,
Mond und Sonne darüber,
Gott selbselbst inmitten:
eine ganze Welt steckt
in Telugus Rede.

Ich bilde mir keineswegs ein, aus der englischen Fassung dieses Gedicht zu verstehen. Aber es spricht mich an. Es verkörpert tatsächlich eine Telugu-Welt, eine zum Zeitpunkt seiner Niederschrift schon 500 Jahre alte Literatur mit viel weiter zurückreichenden Wurzeln in der Sanskrittradition. Ich bin kein Anhänger der Meinung, Poesie sei nur dann „echte“ Poesie, wenn sie nicht erklärt werden muß. Man kann das für Teile der Gegenwartsliteratur gelten lassen (ich sage Teile, weil ich nicht vergesse, daß eine hochspezialisierte Kunst Spezialistenwissen und -können braucht, womit nicht literaturwissenschaftliches Wissen gemeint ist – eher im Sinne von Brechts Bestreben, aus dem kleinen Kreis der Kenner einen großen Kreis der Kenner zu machen. Schnee von gestern, leider.).

Ohne Erklärungen werden wir in den Kunstwerken entfernter Räume und Zeiten immer nur uns selber finden. Das ist okay, man kann mit ein wenig Übung seinen Spaß an Haikus und Minneliedern haben. Aber wenn ich mehr als mich darin sehen und daraus verstehen will, brauche ich Erklärungen. Was ich aus den Anmerkungen in der Quelle verstanden habe, vermittelt eine Ahnung, was jener ferne RāmarājabhŪsana aus Südindien im Sinn hatte und warum heutige Teluguleser es schätzen mögen.

Dieses Gedicht feiere eine lebendige und kontinuierliche literarische Überlieferung der Andhra in Südostindien. Der Dichter, der in einer Zeit intensiver Kreativität lebte, verweise auf einen ganzen vorliegenden Kanon. Jeder Dichter, der genannt oder auf den angespielt wird, sei paronomastisch (durch Zusammenstellung lautlich gleicher oder Šähnlicher Wšörter oder Wörter von gleicher Herkunft) mit einem Gott gleichgesetzt.

Zuerst Vāg-anuśāsanundu, der „Schöpfer der Rede“ (identisch mit Brahma im klassischen Hindu). Er hat die Göttin Vāc (Sprache oder Rede) sowohl erschaffen als auch geehelicht. In der Telugutradition ist das aber auch der Titel, der dem ersten Dichter Nannaya verliehen wurde, er lebte im 11. Jahrhundert. Wie der Gott die Sprache, so erschuf der erste Dichter die Dichtung und den poetischen Stil.

Die tausend Zungen gehören der Schlange Kundalîndrundu-ādiśesa, die die Welt auf ihren tausend Hauben* die Welt trägt. ādiśesa deutet auch auf den großen Sanskritgrammatiker Patañjali, Autor eines berühmten religiösen Kommentars.

  • Das Wort hood bedeutet Kapuze, Helm, ornithologisch und zoologisch auch Haube, Schopf sowie die Brillenzeichnung der Kobra

Für weitere Spuren ein Auszug aus dem zitieren Werk:

After the creation of speech itself, one needs grammar at the root of language. But the same title applies to the second great Telugu poet, Tikkana, who is said to have performed a sacrifice known as kundali (thus explaining his title here). The moon, Soma, is probably Nācana Somanātha, the author of the Telugu [Uttara-]harivamśamu (fourteenth century).
[3] The original title was probably Harivamśamu; later generations prefixed Uttara- to distinguish his work from Ěrrāpragada’s Harivamśamu.

Bhāskara, the sun, is Hulakki Bhāskara, who produced a Telugu Rāmāyana (late thirteenth to early fourteenth centuries). And God himself, the Lord of Prosperity, is śrīnātha, the fourteenth-century poet who revolutionized Telugu taste. Together, and also no doubt accompanied by other, unnamed poets, these figures created and maintained— in the eyes of the poet who sang this verse—an entire universe, rich with life and feeling, fashioned in and by language. And it is to this language, imagined as a goddess, that the poet pays tribute.

Eine Teluguwelt in wenig Zeilen.

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