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Veröffentlicht am 11. November 2017 von lyrikzeitung
Sarah Kirsch
Keiner hat mich verlassen
Keiner hat mich verlassen
Keiner ein Haus mir gezeigt
Keiner einen Stein aufgehoben
Erschlagen wollte mich keiner
Alle reden mir zu
Aus: Sarah Kirsch: Zaubersprüche, Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1972
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: L&Poe-Anthologie, Sarah Kirsch
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Man kann es Zeile für Zeile beobachten. „Keiner hat mich verlassen“. Klingt doch gut. Es könnte etwas drohen, aber mir offenbar nicht. Mir passiert nichts, mir gehts gut. „Keiner ein Haus mir gezeigt“. Was bedeutet das denn? Im Kontext, weil man ja eine Beziehung, eine Ähnlichkeit zur ersten Zeile erwarten kann, „keiner hat dies, keiner hat das“, erwartet man auch etwas Drohendes (das vielleicht nicht zutrifft, wie das drohende Unglück in der ersten Zeile.). „Ein Haus gezeigt“, für mich klingt das in diesem Kontext wie „die Instrumente gezeigt“ (Galilei hat man die (Folter-)Instrumente gezeigt, das genügte zur Abschreckung.) Was für ein bedrohliches Haus denn – ein Gefängnis? Ein Haus, wo gefoltert wird? Noch scheint mir nichts passiert zu sein, aber Gefahr liegt in der Luft. Und weiter: „Keiner einen Stein aufgehoben“. Einen Stein, um nach mir zu werfen? Eine Steinigung? Die Bedrohung wird immer „greifbarer“, jemand könnte ja nach einem Stein greifen, es ist bloß NOCH nicht passiert. Das Wort „noch“, das im Gedicht nicht vorkommt, liegt drohend in der Luft. Und es kommt noch dicker: „Erschlagen wollte mich keiner“. Uff! Noch mal Glück gehabt. Es könnte sich ändern, könnte auch sein, man verlässt mich, man zeigt mir bedrohliche Häuser, man hebt schon Steine auf, wer will mich denn erschlagen? „Alle reden mir zu“. Noch reden sie bloß, noch werfen sie keine Steine. So kann man es lesen. So las ich das im Staat DDR, wo es geschrieben und auch gedruckt wurde.
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Ich verstehe das Gedicht nicht. Kann jemand helfen?
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