Sommer

Heute Auszüge aus der Beschreibung eines Sommermorgens durch den schottischen Dichter James Thomson (etwa 11. September 1700 Ednam, Roxburghshire – 27. August 1748 Richmond upon Thames).

Thomson wurde oft ins Deutsche übersetzt, darunter von Geßner und von Brockes. Später geriet er in Vergessenheit. Erst 2003 erschien bei Urs Engeler eine Neuübersetzung von Wolfgang Schlüter. Aus diesem Buch stammt der Auszug.

Weit sey mir aufgeschlagen das Ur-Buch der Natur
und allbelehrend seine Seiten zu durchstöbern oder
aufs Geratewohl aus ihm Inspiration zu schöpfen,
begeistert diesen-jenen Satz zu übersetzen, mein einziges
Vergnügen, wenn durch die Abenddämmerung
ich sinnend streife oder, wenn der Morgennebel steigt,
mich auf den Adlerfittichen der Fantasie aufschwinge.

Am Himmel flammend, schmelzt die kräftge Sonne jezt
das aufgestiegene Gewölk zu transparenter Luft,
und Morgendünste, die um die Hügel wallten,
zu farbigen Lamellen, bis das Antlitz der Natur
entschleiert leuchtet, daß daraus die Erde, weit
gedehnt, bis in des Firmaments Gewölb zu reichen scheint.

Verloren halb im Rot der Rosenbüschel,
zieht tautropfichte Kühle in Schatten sich zurük,
um dort auf grünen Soden oder Blumenbetten
beim kalten Quell zu sinnen oder frischen Bach —
derweil, sich übern Himmel breitend, Hitze, der Tyrann,
mit harscher Wucht auf Mensch & Thier & Kraut
und’s laue Flüßchen brennend seinen Einfluß pfeilt.

Wer kann da ohne Barmen sehen, wie das Blumenvolk,
vom Morgen ausgestreut, seine frisch aufgeschossne Blüthe
zurückzieht vor dem seng’nden Strahl? Wie eine Schöne welkt,
wenn Fieber raast durch ihr Azur-Geäder –— eine nur,
die nach der Sonn sich, hochgewachsen, reckt und trauert, wenn
sie sinkt, schließt ihre gelben Blumenblätter
zur Nacht kopfhängerisch — doch wenn die Wärme
zurücke kehrt, weist sie den Strahlen sehnsüchtig die Brust.

(…)

Von ihrem wärmern Strahl gewekt, kriecht jezt der junge Wurm
geflügelt an das Licht, von leichtrer Luft gehoben,
schon lichter, ganz beseelt. Aus jeder Klinze und
geheimen Ritz, in der die Winterstürme sie
durchschliefen; oder: aus ihren Gräbern auferstehnd
zu höherm Leben, strömen, in Myriaden gleich,
sie schwärmend aus, in jedem nur erdenklichen Farbton,
den ihre schönheitstrahlnde Mutter offenbaren kann.
Zehntausend Formen, ja, zehntausend unterschiedne Gattungen
bevölkern dieses Feur. — Aus tödlichem Instinkte fliegen
zu sonnigen Gewässern einige, wo überm Teich
sie tändelnd wirbeln oder, segelnd überm Fluß,
zur Beute falln der schnappenden, flinkäugichten Forelle
oder dem spring’nden Lachs. —— Durchs grünbelaubte Thal
streift manches gern : logirt dort, unterhalten und genährt
im frischen Blatt. -— Luxuriös erwählen andre
die Wiese sich, besuchen jede Blume
und jedes stillverborgne Kraut, denn süße Pflicht,
den Nachwuchs zu verbreiten (: in welchem weichen Bett
zu bergen die noch ungeschlüpften Jungen)
beschäftigt ihre zarte Sorge. —— Manch eines lenkt
zum Haus, zum Pferch, zur Melkerey den Flug, aus Hunger:
schlürft aus dem Eimer, kostet vom gerinn’nden Eis.
wo ihm, unaufmerksam, der Molke Guß oft zum
Verhängnis wird — oder mit kraftlos Flügeln, die
verklebt, im Napfe zappelnd, endet es sein Leben.

Vor allem für achtlose Fliegen aber weist das Fenster
beständge Todsgefahr: wo, dämmernd eingekrochen,
listig und grimm (: abscheuliche Mixtur)
die böse Spinne haust! In einem Haufen von
Kadavern kaurt sie in gefräßger Wacht, und überblikt
der Falle wallendes Geschleier.
Unweit der grausen Zelle fliegt die Wanderin
oft unerschreckt vorbey, beut ihr die Stirn.
Doch ist die Beute erst im Netz, eilt jene schauderhaft
mit raschem Gleiten an dem Faden nieder
und, die Unglückliche mit eklen Fängen spießend,
wieder zurück, zufrieden-grimm: des Flügelflatterns
schrillers Geräusch bezeugt die höchste Noth
und heischt die Hülfe einer mitleidigen Hand.

Des Bodens lebensreiche Fläche auch rumort.
und ohne Reiz ist nicht das unaufhörliche Gesumm
dem, der am Vormittag im Wald der Muße pflegt
oder dem Schäfer, wenn er träumend ruht, zurückgelehnt
mit halbgeschlossnen Lidern unterm Flimmerschatten
der grauen Weiden, die sich drängen überm Bach.

Aus: James Thomson, Wolfgang Schlüter: Die Jahreszeiten. Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2003, S. 59-62

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