Ein deutscher Dichter gallisch-alemannischen Geblüts

René Schickele (1883-1940)

Sonnenuntergang

Ich stieg vom Keller
Bis unters Dach,
Immer heller
war das Gemach,
Die Stadt, sonst verdrossen,
Hob Kuppeln aus Gold,
Es glühten die Gossen
Wie Adern von Gold.

Die Felder brandeten,
Meer in Meer,
Vögel landeten,
Von Feuer schwer,
Auf Korallenwipfeln.
Schauer von Licht
Liefen ernsten Gipfeln
Übers Gesicht …

Den Turm besteigend
Sah ich die Welt
Der Nacht sich neigend
Von Lust erhellt,
Mit einem Lächeln,
das schimmernd stund,
Ein Flammenfächeln,
Um ihren Mund,

Wie Frauen der Wonnen,
Sie liegen enthüllt,
Noch lange versonnen
Gedenken erfüllt.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 120

Ich füge die von ihm selbst verfaßte Biografie aus dem Anhang der Anthologie hinzu, weil sie ewig aktuell bleibt in ihrer Verachtung der um ihre Identität bemühten Knechtsseelen:

R E N É S C H I C K E L E. Geboren am 4. August 1883. Gymnasium: Zabern und Straßburg. Universitäten: Straßburg, München, Paris. Reisen durch ganz Europa westlich der Elbe, Griechenland, Palästina, Ägypten, Indien. Wo ich gerade bin, ist es immer am schönsten. Jetzt in einem Schweizer Fischerdorf am Bodensee.

Ich bin ein deutscher Dichter, gallisch-alemannischen Geblüts, das in den Formen der deutschen Sprache austreibt, ein Fall wie Gottfried von Straßburg auch — dreifache Verbeugung vor dem unerreichbaren Ahnen! — den doch auch keiner zu „annektieren“ und zu „desannektieren“ gedenkt.
Gestern deutscher, heute französischer Staatsangehöriger: ich pfeife darauf. Es gibt Menschen (und dazu gehören die meisten meiner Landsleute), die sich sogar ihre Henker aussuchen wollen. Soweit geht mein ästhetisches Gewissen nicht. Was kümmerts mich, wohin die Eroberer ihren Fußball schieben! Für mich gehören Grenzverschiebungen wie alle andern nationalen
Transaktionen zum Börsenspiel. Ich hin nicht daran beteiligt, sie gehn mich nichts an. Weil ich es mit solchen Ketzereien ernst genommen habe von jeher und gar erst im Krieg, stehe ich in schlechtem Ruf beim livrierten Gesindel diesseits wie jenseits des Rheins. Die Psychologen darunter enthüllen mich jahraus jahrein als einen „unsichern Kantonisten“, obwohl ich nie abgeleugnet habe. Gott erhalte mir meine Unsicherheit!

Immerhin gehöre ich zur deutschen Literatur, die ich — wie sich allmählich zeigt: mit Recht — für eine größere Realität ansehe, als die gepanzerten, pulvergeladenen, geschliffenen und schaumlügenden Äußerungen der deutschen Öffentlichkeit. Keiner meiner Kameraden wird mich durch meine Schuld verlieren. Und begänne der Krieg von neuem, und welche Militarismen einander auch ablösen mögen. Ich weiß: Der Mensch, bisher das traurigste der Tiere, hat seine Lage erkannt, und nichts wird ihn hindern, für seine Befreiung einen Ruck zu tun, wie die Geschichte noch keinen vermerkt hat.

Aus: Ebd. S. 296f

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