Frieden (Scholem) reimt auf Traum (Cholem)

Am 15. Juli 1913 wurde Abraham Sutzkever in Smorgon bei Wilna geboren, im damaligen Russischen Reich. Die Geburtsstadt heißt heute Smarhoń und liegt in Weißrußland. Sein erster Gedichtband, „lider“ (Lieder), wurde 1937 vom jüdischen PEN-Club in Warschau gedruckt. Wilna (Wilne, Wilno, Vilnius) war eine multiethnische Stadt, genannt das Jerusalem des Nordens, auch das Jiddische Jerusalem oder (der Name soll auf Napoleon zurückgehen) „Jerusalem de Lite“ – das jiddische Wort für Litauen. Russisch, Polnisch, Litauisch und Jiddisch wurde dort gesprochen. Der Schüler lernte auch Hebräisch und bemühte sich um das Altjiddische – die meisten seiner altjiddischen Gedichte sind im Krieg verlorengegangen. Die Deutschen kamen, steckten ihn ins Getto und versuchten die jüdische Kultur auszurotten. Sutzkever konnte fliehen und ging als Partisan in die Wälder. Einige seiner im Getto geschriebenen Gedichte gelangten nach Moskau, wo Ilja Ehrenburg und der jiddische Dichter Perez Markisch auf sie aufmerksam wurden. Es gelang dem Jüdischen antifaschistischen Komitee in Moskau, den Dichter mit einem sowjetischen Militärflugzeug im März 1944 aus den Wäldern nach Moskau bringen zu lassen. Auf Anregung Ehrenburgs arbeitete er an einem Schwarzbuch über die Leiden der jüdischen Bevölkerung im von den Deutschen besetzten Teil der Sowjetunion mit. Doch kurz vor Drucklegung der russischen Fassung wurde das Unternehmen gestoppt wegen „schwerer politischer Fehler“. Vollständig erschien es erst in den 90er Jahren, auch in Deutsch.

Sutzkever sagte 1946 im Nürnberger Prozeß gegen den Mörder seiner Mutter und seines Sohnes aus. Über Łódź und Paris ging er 1947 nach Israel.

Der leider nicht mehr existierende Amman Verlag veröffentlichte 2009 eine zweibändige Ausgabe in der Übersetzung Hubert Witts, ein Band Gedichte und ein Band mit Sutzkevers Auszeichnungen „Wilner Getto 1941-1944“. Hier ein Auszug aus Letzterem.

Ich lief hinaus durch die Gassen. Juden mit »Kitteln« unter den Armen eilten in die Bethäuser. In allen Fenstern flämmelten Lichte. Vor allem der Synagogenhof war überfüllt. Man eilte in das Chassidische Haus, in die große Synagoge und vor allem in Gaons Bethaus, als wäre es dort sicherer, daß die Gebete Gehör fänden.

Aus einem der Höfe hörte ich einen Gesang. Es erklangen jiddische Worte. Ich ging den Tönen nach. Sie führten mich die Treppe hinauf.

In einem langen, schmalen, fensterlosen Zimmerchen saß der Lehrer Gerschtejn in einem Kreis von Kindern und sang mit ihnen das Lied des Dichters Perez: »Hoff! der Frühling ist nicht fern«.

Gerschtejn beendete den Gesang und umarmte mich herzlich.

»Ihr seid hier?«

»Ich bin gekommen, um Euern Chor zu hören«‚ antwortete ich. Ich blickte auf seine Sänger, und meine Augen wurden naß. Er nahm die Kinder näher zusammen, stellte sie nach ihren Stimmlagen auf, und durch den Dachboden, über das Getto hin, über die ganze Welt erklang:

un sol wi wajt
noch sajn di zajt
fun libe un fun scholem, –
doch kumen wet
zi fri, zi schpet
di zajt, ess is kein cholem.

Und wäre die Zeit der Liebe und des Friedens auch noch fern — sie wird kommen, früher oder später, diese Zeit ist nicht nur ein Traum.

Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941-1944. Zürich: Ammann, 2009, S. 63f

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