Warum fliehst du, ich bins, Issa

Kobayashi Nobuyuki, der sich als Dichter Issa nannte (im Japanischen steht der Familienname an erster Stelle), ist ein Zeitgenosse unserer klassisch-romantischen Dichter. Nur sind seine Werke kürzer. Er wurde am 15. Juni 1763 geboren.

Ich lernte seine Gedichte zuerst im Penguin Book of Zen Poetry kennen. Dort verzichtete man darauf, 17 Silben abzuzählen. Herrlich lakonische Gebilde.

Winter lull –
 no talents,
 thus no sins.

Wenn man der vermeintlichen Regel zuliebe auf 17 Silben auffüllen, also den 9 dieser Übersetzung 8 weitere hinzufügen wollte, das mit Füllseln aufgepumpte Gebilde wäre kein Haiku mehr. In knapper Verdeutschung komme ich auf 15 Silben:

Winterflaute –
 keine Talente,
 also keine Sünden.

Vielleicht auch 16:

...
 also auch keine Sünden.

Aber nicht eine mehr.

Ich übersetze ein paar dieser Haikus des Kobayashi Issa aus dem Englischen:

Kirschblüten?
 Dort
 blüht auch das Gras!
Die Kleider wechseln,
 nicht
 Wanderers Läuse.
Kuckuck ruft  
mich und den Berg
 im Wechsel.
Bauer
 weist den Weg
 mit einem Rettich.
Ich gehe aus –
 jetzt liebt euch,
 Stubenfliegen.
Unter Kirschbäumen
 gibts
 keine Sünden.
Erstes Glühwürmchen -
 Warum fliehst du?
 Ich bins, Issa!

2 Comments on “Warum fliehst du, ich bins, Issa

  1. Sehr schön. Ich lese eine feine Ironie, und jemanden, der sich als Mensch selbst nicht so wichtig nahm. Gefällt mir.

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  2. Pingback: Warum fliehst du, ich bins, Issa — Lyrikzeitung – Gedanken zur Lyrik

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