Wortkunst im Naturgedicht

Pierre Chappuis als Dichter des Übergänglichen

Auf der Backlist seines Pariser Hausverlags, José Corti Éditeur, ist der welschschweizerische Dichter Pierre Chappuis mit mehr als einem Dutzend Einzeltiteln vertreten. Er steht dort in einer Reihe mit führenden internationalen Autoren wie John Ashbery, Paul Celan, René Char, Roberto Juarroz oder Andrea Zanzotto, die ihn an Bekanntheit und Anerkennung wohl übertreffen, denen er aber an künstlerischem Rang durchaus gleichkommt.

Dass und wie der heute 86jährige Chappuis diesen Rang behauptet, belegt nun auch seine jüngste Veröffentlichung, eine bescheidene, ja unansehnliche Broschüre, die unter dem Titel „Dans la lumière sourde de ce jardin“ (Im dumpfen Licht dieses Gartens) eine Handvoll neuer Gedichte und darüber hinaus viel weissen Leerraum enthält. Was sich so leicht darbietet, ist ein gewichtiges Alterswerk von staunenswerter Form- und Ausdruckskraft, streng strukturiert in seiner Gesamtheit (je drei Gedichte in vier Sektionen, dazu ein Auftakt und ein Finale in lyrischer Prosa), präzise ausgearbeitet in jedem Detail und auf allen Textebenen – von der Typographie über die hochkomplexe Syntax bis zur Metaphorik.

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Das schmale Buch bietet eine diskrete Synthetisierung all der Themen, Motive und Verfahren, die der Autor im Verlauf vieler Jahrzehnte immer wieder eingesetzt und dabei laufend differenziert und fortentwickelt hat. Die Natur hat bei Chappuis kein idyllisches und auch kein dramatisches oder exotisches Gepräge, sie bietet sich zumeist in vordergründiger Unscheinbarkeit dar, mit Feldern und Wäldern, Gewässern und Hügeln, Felsen und Pfaden, eine in sich ruhende, weitgehend unbeschadete Welt, die freilich durch jäh klaffende Abgründe oder durch zivilisatorischen Lärm aus der Ferne – Autobahn, Eisenbahn, Fabrik – bisweilen auch bedrohliche Komponenten erkennen lässt. Doch nicht dem Entweder-oder gilt das Interesse des Dichters, nicht dem Gegensatz zwischen Natur und Kultur, Erde und Himmel, Ufer und Strom, Tag und Nacht, vielmehr fasziniert ihn das Dazwischen – Zwischenräume, Zwischenzeiten, Zustände der Schmelze oder der Erstarrung, die abendliche oder morgendliche Dämmernis, der Wandel von Wolken und Schatten in ihrem Aufkommen und Vergehen, kurzum: das Sowohl-als-auch des Gegensätzlichen, wie es sich in Phasen der Übergänglichkeit vollendet, sei’s als stetiger, sei’s als sprunghafter Prozess.

Pierre Chappuis versucht solch naturhafte Übergänglichkeiten – Nieselregen, Dunst, Gegenlicht, schattenlose Trübnis („grisaille“), stockende Luft, das Rauschen von Wasser oder von wehendem Laub – so präzise wie möglich in Worte zu fassen, sie aber nicht bloss, wie realistisch auch immer, darzustellen, sondern sie in der Struktur der Verse und Strophen nachzuvollziehen: syntaktisch, rhythmisch, lautmalerisch. Es geht dabei weder um die Dinge noch um die Worte als solche, es geht vielmehr um die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Dingen und Dingen, Worten und Dingen, Worten und Worten. Das Phänomen der Übergänglichkeit bringt Chappuis auf formaler Ebene unter anderm dadurch zur Geltung, dass er die meisten seiner Texte zwischen freien Versen und poetischer Prosa so diskret oszillieren lässt, dass ein Unterschied kaum noch auszumachen ist.

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Pierre Chappuis, 1930 geboren in Tavannes (Berner Jura), hat während Jahrzehnten in Neuchâtel (wo er noch heute ansässig ist) als Lehrer für französische Sprache und Literatur gewirkt. Als Dichter ist er erst ab 1969 in Erscheinung getreten, hat zunächst ohne merkliche Resonanz in verschiedenen westschweizerischen Kleinverlagen und Zeitschriften publiziert, bis er um 1990 bei José Corti in Paris zum Hausautor avancierte. Seither hat er dort in regelmässigem Wechsel seine schmalen Lyrik- und Essaybände vorgelegt, die inzwischen, weit über die Schweiz hinaus, zu den grossen Errungenschaften zeitgenössischer Poesie und Poetik zu zählen sind.

/ Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung 9.10.

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