Digest 21.6.

Flucht aus Wien

Bereits 1953 setzte sich die gefeierte junge Autorin nach Italien ab, um niemals mehr in die Stadt an der Donau zurückzukehren. Zumal die Beziehung zu ihrem Mentor und Liebhaber Weigel – McVeigh wertet als Erster Bachmanns Briefe an ihn aus – erwies sich als zunehmend kontraproduktiv, ja für sie selbst nahezu zerstörerisch. Dies erst recht, als Weigel 1951 die Schauspielerin Elvira Hofer heiratete.

Aber das war nicht der einzige Grund für den Weggang: Weigel hatte in einer nahezu erpresserischen Umarmung versucht, Bachmann für die eigenen Strategien einzuspannen, die sich auch gegen die junge, sich eben in der Gruppe 47 formierende bundesdeutsche Literatur richteten.

Ingeborg Bachmann empfand diese Situation offensichtlich als eine Art babylonischer Gefangenschaft, aus der sie im Wortsinn fliehen musste. Hinzu kam die – damals – gescheiterte Beziehung zu Paul Celan, der McVeigh sehr viel weniger Aufmerksamkeit schenkt. So oder so begann mit dem Abschied aus Wien jener Zustand der Unbehaustheit, den Ingeborg Bachmann bis an ihr Lebensende 1973 in Rom nicht mehr beenden konnte. / Markus Schwering, FR

Unica Zürn, Hans Bellmer, Alexander Camaro

Unica Zürn begegnet 1953 bei einer Ausstellungseröffnung in der Galerie von Rudolf Springer dem Surrealisten Hans Bellmer, der Mitte der dreißiger Jahre nach Paris immigriert war. Eine neue, fruchtbare Künstlerbeziehung beginnt, leidenschaftlich, gefährlich, denn in Unica Zürn hat Hans Bellmer eine lebende „Poupée“ gefunden, die er schnürt, malt, fotografiert, wie es der Surrealist zuvor nur mit seinen gebauten Figurinen praktiziert hat. (…)

Die Ausstellung ruft eine Künstlerin in Erinnerung, die zwar keine Unbekannte ist, deren Bedeutung aber immer noch unterschätzt wird. Die Camaro-Stiftung leistet da zweierlei: Sie würdigt diese besondere Figur durch wissenschaftlich fundierte Erarbeitung, wenn sie auch wieder vornehmlich als die Gefährtin zweier berühmter Männer gesehen wird. Und sie feiert Zürn, genauer: ihren 100. Geburtstag am 6. Juli mit einem großen Fest. Bis dahin ist die Ausstellung in der Camaro-Stiftung zu sehen, die im zweiten Hinterhof eines großbürgerlichen Hauses in der Potsdamer Straße residiert. Der Ort passt perfekt, denn hier unterhielt der Verein Berliner Künstlerinnen bis 1910 seine erste Malschule. In den lichten, hohen Ateliersälen im dritten Stock, unter der gläsernen Decke unterrichtete einst Käthe Kollwitz. / Nicola Kuhn, Tagesspiegel

Camaro Haus, Potsdamer Str. 98a, bis 6. Juli, Di bis Sa 13–17 Uhr, Mi 13–20 Uhr. Fest am 6. Juli. um 17 Uhr. Katalog (Brinkmann & Bose) 25 €

Tayseer al-Sboul

(1939-73) needs no introduction in his homeland, Jordan, but in recent years, there have been efforts to make his works accessible to the English-language readership. In coordination with his family and the Jordanian Writers Union, Nesreen Akhtarkhavari, the director of Arabic Studies at DePaul University, has translated his novel, “You As of Today”, as well as the poems in “Desert Sorrows”, a bilingual book, where the Arabic originals appear across from their English version. This is the first English translation of all of Sboul’s poems, which were written in the years 1960-73, right up to the time of his tragic suicide at the age of only 34. / The Jordan Times

Tayseer al-Sboul: Desert Sorrows
Translated by Nesreen Akhtarkhavari and Anthony A. Lee
East Lansing: Michigan State University Press, 2015
Pp. 139

Viktor Ullmann und Nelly Sachs

Die Kompositionen von Viktor Ullmann entstanden 1943/44 im Ghetto Theresienstadt. Es werden dazu Gedichte von Nelly Sachs vorgetragen. Der 1898 geborene und 1944 in Auschwitz ermordete Komponist Viktor Ullmann gehörte zum Kreis der führenden Wiener Komponisten in den 1920er/1930er Jahren. / NWZ

Zu spät

Brexit – John Oliver will Briten mit Eugen-Freund-Gedicht umstimmen

schrieb die Tiroler Tageszeitung schon am 20.6. Bin ich jetzt Schuld am Brexit? Ich hatte einfach keine Zeit. Sorry, Leute! Wahr ist es trotzdem:

Olivers Lösung: Man solle die „komplizierte, bürokratische, ambitionierte, überhebliche, inspirierende und stets irritierende“ Europäische Union ruhig weiter verteufeln – „aber Großbritannien wäre absolut verrückt, sie zu verlassen“.

Auch John Burnside hat es versucht:

Das ist dumm. Borniert. Man schneidet sich ins eigene Fleisch. Und während wir der überflüssigsten Krise der jüngeren Geschichte entgegentaumeln, kann ich nur ausrufen: I don’t believe it!

Und Ulrike Draesner

Gegen den Brexit hilft nur Aufklärung / Die Zeit

Universum Bachmann

Mittelbadische Presse: 1953 wurde sie [Ingeborg Bachmann] von der Gruppe 47 ausgezeichnet für die »besten deutsch-sprachigen Gedichte ihrer Generation«. Ich bin über das »ihrer Generation« gestolpert.

José F.A. Oliver: Ach, das mit dem »besten«, »wichtigsten« und »bedeutendsten« ist ein so furchtbares Ding  … Wer will das beurteilen. Die Universalität einiger Bachmann-Gedichte vergeht nicht. Das reicht doch, oder? Und dieses »Universum Bachmann« ist nach wie vor geheimnisvoll und magisch  … »Anrufung des Großen Bären«  … Welch wunderschöner Titel  … / Mittelbadische Presse

Verstörend

Unsere Urahnen sprachen gegendertes Semitisch

schrieb Die Welt und fand es verstörend.

Was sonst noch passierte

Fassungslos blickt die Welt auf AfD-Politiker, die die „Protokolle der Weisen von Zion“ für echt halten. Nix zu machen: An Facebook kommen die Medien nicht vorbei, meint Wolfgang Blau im Wiener Kurier. Vorher lassen sie aber in Deutschland noch die Adblocker verbieten, so Netzpolitik. / Perlentaucher

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