Flotte Feuilletons? Bitte nicht!

Hätte ich, wie in so manchem Märchen, einen Wunsch frei, dann wäre es dieser: dem Gedicht den medialen Platz einzuräumen, der ihm als der so gern zitierten «Königsdisziplin» der Literatur doch wie selbstverständlich zustehen müsste. Jedes Jahr aufs Neue wird der «Lyrikboom» beschworen. Aber der Platz, der Besprechungen von Gedichtbänden in den Zeitungen und im Radio zugemessen wird – er wird kleiner und kleiner. Flotte Feuilletons über die Situation der Lyrik? Bitte nicht!

Das Gedicht braucht den genauen Blick. Das aufmerksame, geduldige, bald emphatische, bald ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen. Das Abtragen der Schichten, Auffächern der Bedeutungsstränge, der Rhythmen und Klänge, der Brüche und Widersprüche, die es, das Gedicht, in sich trägt. Und es braucht diesen Blick in jenen Medien, die den Gedichtartikel neben die politische Glosse, den Wirtschaftskommentar und den Sportbericht stellen.

Wenn die Zeitungen der Kritik diese Möglichkeiten nicht bieten, wird sie sich ihre eigenen Inseln suchen, zum Beispiel ins Netz abwandern. Es gibt schon längst sehr schöne Foren, in denen Lyrik besprochen wird. Allerdings finden dort meist Schreibende und Lesende zusammen, die sich ohnehin für Gedichte interessieren. Ein Ideal wäre, würden sich die Kritik in der Zeitung und die Kritik im Netz gegenseitig ergänzen.

Nico Bleutge, aus der Dankrede zur Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik auf der Leipziger Buchmesse, NZZ 11.6.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: