Ein Unerwünschter

Als Schriftsteller mit seiner besonderen Erscheinung eine der meistfotografierten Figuren Berlins und durch die Porträts seines Malerfreundes Georg Grosz fast eine Ikone des Künstlerbetriebs geworden, streunte [Max] Herrmann-Neiße mit seiner Frau fast jeden Tag und vor allem jede Nacht durch die Ateliers, Theater, Kabaretts, Bars und Cafés. Fast wie nebenbei schuf er in seiner Wohnung am Kurfürstendamm ein umfangreiches Werk, zu dem neben den Gedichten auch Erzählungen und Romane, Theater- und Kabarettstücke sowie Essays und Kritiken gehören. Eichendorff-Preis 1924 und Gerhart Hauptmann-Preis 1927. Und dann plötzlich Zeilen wie diese:

„bin heut als Mann, den schon der Herbst umweht,
ein Unerwünschter, der stets draußen steht,
als wäre nutzlos alle Zeit verflossen.“

Das war schon geschrieben im Rückblick auf seine große Berliner Zeit. Da hatte er seit Ende der 1920er-Jahre vermehrt empörte Zwischenrufe gegen das Spießertum der Deutschen veröffentlicht und vor dem aufziehenden Faschismus als sich ankündigende „Vernichtung wehrloser Opfer durch hemmungslose Gewaltmenschen“ gewarnt.

Traurig-zornige Lieder als „Musik der Nacht“, wie er 1932 einen Band überschrieb. Ein paar Tage nach dem Reichstagsbrand vom 27./28 Februar 1933 ging er mit seiner Frau Leni ins Exil, zunächst nach Zürich, wo 1935 noch der Gedichtband „Um uns die Fremde“ mit einem Vorwort von Thomas Mann erscheinen konnte, bis er auf seiner Flucht über Frankreich und Holland in England strandete.

„Hier wird niemand meine Verse lesen,
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.“

/ Christian Linder, DLR Kalenderblatt

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