Rücklicht

Benn und Binding — aber gleich ihnen viele andere — besaßen keine «völkische» Überzeugung, waren keine Nationalisten, Chauvinisten oder Antisemiten und mußten sich nicht dem Rausch und der Vernebelung der «nationalen» Revolution 1933 hingeben und in den Gleichschritt der hysterisch Marschierenden fallen.

Nobelpreisträger und gottbegnadete geistige Menschen flogen im Deutschland jener Zeit wie wertlose Lumpen in die Jauche, aber Gemütsstimmung und Bereitwilligkeit eines Benn und Binding glichen 1933 plötzlich aufs Haar der von Hanns Johst oder Will Vesper. Blitzartig zeigten sie sich ebenso gefügig wie Hans Friedrich Blunck. Lyriker von echter Größe redeten auf einmal genau wie jener Haufen, der aus tiefster literarischer Provinz, aus dem Dunkel bedeutungsloser Cliquen, heranstampfte und eben die Literatur besetzte.

Ein so undeutscher Geist — um im NS-Jargon zu sprechen — wie Friedrich Sieburg mit seinem brillanten Verstand verfiel damals auf die Idee, unter Umständen müsse «ein Volk eines Tages zwischen sich selbst und der Humanität» wählen*.

Aus: Literatur und Dichtung im Dritten Reich. Eine Dokumentation von Joseph Wulf. Reinbek: Rowohlt, 1966, S. 6 (Einleitung)

Die Vergangenheit ist nicht tot, auch wenn wir sie noch so tief verdrängt haben. Rücklicht ist eine Kolumne über die Anpassung der deutschen Literatur und der „Dichter und Denker“ an das nationalsozialistische Regime ab 1933. Hinterher wundert man sich immer, wie „es“ geschehen konnte. Gott sei Dank not our problem. 

*) Die dabei anfallenden grausamen Bilder aushalten. Wo habe ich das gelesen** / oder erlebt***? M.G.

**) Bei Himmler****, und bei Gauland*****

***) Günter Kunert: Herbes Gedicht (unter Bezug auf Reiner Kunze, Zuflucht noch hinter der Zuflucht

****) „Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet’, sagt ein jeder Parteigenosse‚ ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.’ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.“ Heinrich Himmler, Posener Rede, 4.10. 1943

*****) „Wir müssen die Grenzen dicht machen und dann die grausamen Bilder aushalten“ Alexander Gauland gegenüber dem ZEITmagazin

One Comment on “Rücklicht

  1. es muss einen auch stets wundern, dass von manchen die flüchtlingskrise als eine des ankommens, nicht des aufbrechens wahrgenommen wird. krise ist – wenn ich die allgemeine rezeption richtig deute -, weil sie bei uns landen, nicht, weil sie überhaupt fliehen müssen. die krise findet also ein ende, wenn sie uns nicht mehr erreichen können, und nicht, wenn der grund für die flucht beseitigt ist. die deutschen befinden sich somit in einer krise, nicht die flüchtlinge zb aus syrien. einer der ekelhafteren aspekte von vielen an der situation ist eine solche perspektive.

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