Ingeborg Bachmanns Wiener Jahre

Der amerikanische Germanist Joseph McVeigh hat die bislang unveröffentlichten Briefe von Ingeborg Bachmann an Hans Weigel, die im Nachlass des Autors in der Wienbibliothek im Rathaus lagern, ausgewertet und zu dem Buch Bachmanns Wien verdichtet, das die Jahre der Autorin in der Hauptstadt von 1946 bis 1953 beschreibt. „Es hat viele Wiener Kollegen überrascht“, sagt der Wissenschaftler, „dass ein Außenseiter, ein Amerikaner, von den Bachmann-Erben, die den Nachlass bewachen wie Fort Knox, die Erlaubnis bekommen hat, aus den Briefen zu zitieren.“

(…)

Als die Teilzeitgeliebte jedoch trotz drängender Nachfrage den Roman mit dem Arbeitstitel Stadt ohne Namen nicht freigab, wurde er, wie aus einem Brief an Herbert Eisenreich hervorgeht, zum verächtlichen Professor Higgins, der seine Eliza Doolittle dem Hohn preisgab: „Sorgen macht: Inge Bachmann spinnt größenwahnsinnig, hält sich für eine Dichterin mit großem D, gibt ihren Roman nicht her, setzt sich nach Italien, dort pro Jahr drei Gedichte dichten und dürfte binnen kurzem eine komische Figur werden.“ Aus dem Förderer war ein Vernichter geworden, der auch später alles daransetzte, Bachmanns literarische Karriere zu behindern. Ohne Erfolg allerdings, denn unter dem Schutzmantel der Gruppe 47 ging es in Deutschland für sie rasch bergauf. / Thomas Mießgang, Zeit

Joseph McVeigh: „Ingeborg Bachmanns Wien“, Insel Verlag, Berlin 2016; 314 Seiten, 25,70 Euro

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