Lage der Lyrikkritik

2 Auszüge aus dem Aufsatz von  Tristan Marquardt: Zur prekären Lage der Lyrikkritik (bei Signaturen)

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Zwar steigt die Anzahl an Rezensionen zu Lyrikbänden in den Feuilletons zurzeit erfreulicherweise wieder, doch ist sie noch immer so überschaubar, dass das Besprochene weder repräsentativ wäre, noch gefeit vor Willkür in der Auswahl. Dass etwa mein Debüt in der FAZ besprochen wurde, die Debüts vieler Kolleg_innen aber nicht, ist Zufall. Prinzipiell gilt, dass kaum eine Hand voll aktiver Rezensent_innen sich mit der neuen Lyrik so gut auskennt wie die Mehrzahl der Lyriker_innen selbst. Das erklärt auch die zurzeit regelmäßig erscheinenden Gesamtübersichten, in denen die Zeitungen sich und den Leser_innen die ‚Lage der Lyrik’ zu erschließen suchen. So sehr ich mich über diese Artikel als Anerkennung der Umtriebigkeit der Lyrik grundsätzlich freue, so kritisch sehe ich sie auf lange Sicht: Solange immer nur in toto über die Lyrik geredet wird, bleibt der fatale Eindruck einer beschaulichen Subgattung bestehen, die schon dankbar zu sein hat, wenn sie überhaupt einmal Aufmerksamkeit bekommt. Zudem können solche Übersichtsdarstellungen die auffällige Heterogenität der Gegenwartslyrik nur verkennen. Das, was zurzeit und schon seit Jahren alles passiert, ist nicht mehr übersichtlich, und deshalb ist die differenzierte Betrachtung einzelner Positionen und Publikationen alternativlos. Nur so kann auch dem Mythos von der ‚Unzugänglichkeit der Gedichte’ effektiv entgegen gewirkt werden: Während in Besprechungen bildender Kunst nie die Rede davon wäre, dass sie ‚schwer verständlich’ oder ‚zu abstrakt’ sei, geistert diese Warnung nach wie vor regelmäßig durch Gedichtband-Rezensionen.

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Das sicherlich größte Desiderat sind neue, professionellere Orte für Lyrikkritik sowie mehr unabhängige und besser ausgebildete Rezensent_innen. Das ist angesichts der prekären Lage der Lyrikförderung schwer zu bewerkstelligen, aber nicht unmachbar. Denn in den vorhandenen Fördertöpfen und -institutionen für Lyrik spielen Rezensionen bisher keine Rolle. Die institutionelle Wertschätzung von Lyrikkritik ist minimal. Hier gilt es, dezidiert darauf aufmerksam zu machen, dass Projekte zur Lyrikförderung in Zukunft dringend auch diesen Bereich zu berücksichtigen haben. Die finanzielle Ermöglichung einer redaktionell betreuten Rezensions-Plattform etwa, die weder auf das Privatvermögen einzelner Begeisterter noch auf die Bereitschaft der Rezensierenden, für Geringstbeträge zu arbeiten, angewiesen ist, wäre von unschätzbarem Wert. Sie hätte mit Garantie positive Folgeeffekte für den Bücherverkauf und das generelle Interesse an den Autor_innen. Sie wäre Förderung in mehrfacher Hinsicht und zwar teuer, aber von vergleichbarem Nutzen wie das unverzichtbare Gedicht-Archiv lyrikline.org.

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