Nicht nichts

Harsch das Urteil Gregor Dotzauers über die Gedichte Raoul Schrotts:

Die Gedichte, die darauf reagieren, sind oft nicht viel besser. Sie feiern das Diesseits mit syntaktisch braven Zeilenbrüchen in den Beschwernissen des Alltags, und sie sprechen durch die verschiedensten Rollen hindurch: vom Pizzabäcker bis zum Schlachter, von der Kassiererin bis zur einsamen Endvierzigerin. Das Problem ist auch, dass man in ihnen ständig den Dichter selbst hört, der krampfhaft zu sich in Distanz treten will – und doch nicht über Preziositäten hinauskommt:

„das carnet de passage unserer vorläufigen existenz
bietet für solch subjektive notizen den reim
der folgenden zu allem passenden sentenz: jeder tag ist eine reise * und in ihr bist du daheim“.

Weisheiten fürs Poesiealbum, weit entfernt von einem poetischen Denken, wie es im 20. Jahrhundert etwa T.S. Eliot mit seinen von Norbert Hummelt gerade neu übersetzten „Vier Quartetten“ bis an seine Grenzen geführt hat.

Noch peinlicher wird es, wenn sich Schrott auf erotisches Terrain begibt:

„so dass nicht mehr zu spüren ist wo ich aufhöre
und sie beginnt * vögeln nachfliegen
in den spalt wie aus ihm wachsen * als felsföhre
aufgebogen an ihr: vögeln * verliegen“.

Den Todesstoß versetzt solchen Versen, sie unter Auskostung ihrer forcierten Endreime einmal laut vor sich hinzurappen. So metrisch vage und in der Länge unrhythmisch schwankend, wie sie sind, klingen sie wie bildungsüberhöhter Poetry Slam.

Raoul Schrott kann nicht nichts. Er kann soviel, dass er seinen Mangel an Originalität unter einer blitzenden Metaphernfirnis so elegant versteckt, dass seine Rezensenten ihn bisher todernst genommen haben.

Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Gedichte
Carl Hanser Verlag, München 2015
168 Seiten, 17,90 Euro

 

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